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Predigt Karfreitag 2018

Gudrun Schlösser

Predigttext Hebr 9,15.26-28

15 Jesus Christus ist er der Mittler eines neuen Bundes;
sein Tod hat die Erlösung von den im ersten Bund begangenen Übertretungen bewirkt,
damit die Berufenen das verheißene ewige Erbe erhalten.
26 Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein für alle Mal erschienen,
um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.
27Und wie es dem Menschen bestimmt ist,
ein einziges Mal zu sterben,
worauf dann das Gericht folgt,
28so wurde auch Christus ein einziges Mal geopfert,
um die Sünden vieler hinwegzunehmen;
beim zweiten Mal wird er nicht wegen der Sünde erscheinen, sondern um die zu retten, die ihn erwarten.

Gnade sei mit uns und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder!
Karfreitag – Jahr für Jahr muss ich diesen sperrigen Feiertag neu buchstabieren. Jahr für Jahr frage ich mich auf’s Neue: Warum? Warum hat Gott nicht einen anderen Weg gewählt? Selbst Jesus hatte ihn doch noch am Vorabend darum gebeten: Wenn es möglich ist, lass diesen Kelche, dieses Leiden an mir vorüber gehen!
Ich bin nicht allein mit dieser Frage. Immer mehr Zeitgenossen stellen diese Frage, können mit diesem sperrigen Karfreitag nichts anfangen. Immer lauter wird der Ruf danach, ihn als stillen Feiertag aufzugeben, ihn frei zu geben für das, was unsere Gesellschaft am liebsten macht – feiern, sich vergnügen, Spaß haben.
Und Sie? Was bedeutet Ihnen der Karfreitag? Was erwarten Sie heute hier? Was feiern Sie heute?
Ich nehme an, zumindest einige von Ihnen teilen meine Fragen. Wir befinden uns mit unserer Ratlosigkeit und unseren Fragen übrigens in guter Gesellschaft. Schon die Jünger standen ratlos unter dem Kreuz. „Ist der, den wir für den Retter hielten, am Ende kläglich gescheitert?“ Wie anders sollten sie diesen Tod deuten. Hatten sie noch bis zum Ende gehofft, dass ein Wunder geschieht, so sind sie jetzt aller Hoffnungen beraubt. Sie können diesem Kreuz nichts abgewinnen. Und obwohl sie ein paar Tage später erfahren durften, dass das Kreuz nicht das Ende ist, reichte es nicht aus, zu sagen: Er musste sterben, um den Tod zu besiegen. Von Anfang an lebten Christen mit der Frage: Warum der Tod am Kreuz? „Ihr seid verrückt, an einen Gott zu glauben, der wie ein Verbrecher stirbt. Der sich das alles von Menschen bieten lässt. Ein Gott lässt sich so was nicht bieten.“ „Ein Skandal. Wie könnt ihr so über Gott reden. Gotteslästerung.“ „Er ist gescheitert! Gebt es doch einfach zu.“ Paulus setzt sich damit auseinander, versucht zu erklären. Für euch mag das Kreuz ein Skandal sein, für andere eine große Dummheit, für uns ist es Zeichen von Gottes Liebe und Treue zu uns. Die Evangelisten setzten sich in ihren Berichten von der Kreuzigung damit auseinander. Da sind Jesu letzte Worte bei dem Einen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ und bei dem Anderen: „Es ist vollbracht!“
Und auch der Schreiber des Hebräerbriefes, aus dem unser heutiger Predigttext stammt, sucht nach Erklärungen.
Hören wir aus dem 9. Kapitel:
15 Jesus Christus ist er der Mittler eines neuen Bundes;
sein Tod hat die Erlösung von den im ersten Bund begangenen Übertretungen bewirkt,
damit die Berufenen das verheißene ewige Erbe erhalten.
26 Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein für alle Mal erschienen,
um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.
27 Und wie es dem Menschen bestimmt ist,
ein einziges Mal zu sterben,
worauf dann das Gericht folgt,
28 so wurde auch Christus ein einziges Mal geopfert,
um die Sünden vieler hinwegzunehmen;
beim zweiten Mal wird er nicht wegen der Sünde erscheinen, sondern um die zu retten, die ihn erwarten.

Und? Alles klar?
Ich muss gestehen: Zu meiner Klarheit haben diese Worte nicht beigetragen. All diese großen Worte Erlösung, Übertretungen, ewiges Erbe, Sünde, Opfer, Gericht. Uns sind sie fremd. Nicht so den Adressaten des Briefes. Ihnen sind diese Worte geläufig. Der Schreiber bedient sich der Vorstellungen jüdischer Opferbräuche im Tempel. V.a. das Fest des großen Versöhnungstages ist ihm ein Vorbild. Einmal im Jahr feiert das Volk Versöhnung mit Gott. Gott bietet an, die zerstörte Gemeinschaft zwischen ihm und dem Volk wieder herzustellen und alle ihre Schuld von ihnen zu nehmen. Sichtbar muss das werden, damit sie es glauben können. Deshalb bringt der Hohepriester im Tempel ein junges Böckchen als Opfer dar und bittet um Vergebung – man sieht den Rauch aufsteigen, man riecht es – und dann schickt er ein zweites Tier mit den Sünden des Volkes beladen in die Wüste – ein Sündenbock.
Versöhnungstag – Jom Kippur – bis heute ein ganz besonderer Tag, der höchste Feiertag bei den Juden – auch wenn man natürlich keine Opfer mehr bringt und keine Böcke in die Wüste schickt.
Gott ist treu. Er hält an seinem Volk fest – all ihrer Untreue zum Trotz. Er steht zu seinem Versprechen und erneuert es von Jahr zu Jahr.
Und nun der Hebräerbrief: Jesus ist unser Hoherpriester. Aber er opfert nicht Tiere und schickt keinen Sündenbock in die Wüste. Er opfert sich selbst und nimmt die Sünden auf sich und trägt sie weg; hebt sie auf – und das nicht Jahr für Jahr, sondern einmal – ein für alle mal.

Sicher, diese Vorstellung ist uns fremd und bleibt uns fremd. Opferrituale empfinden wir als archaisch, blutrünstig, abstoßend. Aber sind uns Opfer wirklich so fremd? Kennt unsere Gesellschaft nicht Sündenböcke zur Genüge. Wo immer etwas Schlimmes passiert, muss ein Schuldiger gefunden werden. Und der wird dann in die Wüste geschickt – er muss zurück treten, wird seines Amtes enthoben – damit alle anderen gut und unbeschadet aus der Sache rauskommen und weiter machen können wie bisher. Ganz selbstverständlich sprechen wir von Verkehrsopfern. Wir sind bereit, sie für unsere Mobilität hinzunehmen. Und wie ist es mit all den Billiglohnarbeitern – in Fernost oder auch bei uns, bei Paketdiensten oder im Internethandel? Sie sorgen dafür, dass wir, die Endverbraucher, die Ware möglichst billig bekommen? Opfer auch meines Konsumverhaltens? Und was ist mit all den Kriegsopfern, Terroropfern, Opfern von Katastrophen? Menschen zu Opfern gemacht – ungefragt und ohne Chance, sich zu wehren.

Jesus hat sich der Opfer seiner Zeit angenommen. Er schlägt sich offen auf ihre Seite – und wird am Ende selbst ein Opfer der Mächtigen und ihrer Strategien. „Es ist besser es stirbt einer, als dass das ganze Volk verführt wird oder Unruhen entstehen!“ denken sich die Verantwortlichen – und beseitigen ihn. Am seinem Kreuz zeigt sich, zu was Menschen fähig sind. Deshalb ist es auch so anstößig und unbequem. Wer schaut schon gern in die menschlichen – und vielleicht auch die eigenen – Abgründe. Wer schaut schon gerne auf das Leiden? Lieber wenden wir den Blick ab auf Erfreulicheres. In Jesu Kreuz aber schauen sie uns alle die an, die zu Opfern geworden sind. Sie schreien uns ihr Leid und ihre Hoffnung auf Gerechtigkeit entgegen. Sein Kreuz wird zum Mahnmal für die Opfer und gegen das Opfern, denn seit Jesu Tod sollen Opfer nicht mehr sein – ein für allemal. Wir brauchen solche Mahnmale. Es gibt immer noch zu viele Opfer.

Jesus hat das Kreuz nicht gemieden. Er ist nicht ausgewichen – was die Jünger vielleicht bis zum Schluss gehofft hatten, dass er noch vom Kreuz herabsteigt und es allen zeigt. Zugetraut hätten sie es ihm. Aber er ist nicht ausgewichen, sondern hat ausgehalten bis zum bitteren Ende. Er ist an der Seite der Leidenden und Sterbenden geblieben.
Der Hebräerbrief sagt: Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche. Nein, er kennt das alles – er weiß, was Menschen erleiden. Er weiß, wie weh das tut. Er weiß, was Menschen einander antun können. Er kennt die Einsamkeit. Kein Leid ist ihm fremd. Und wo immer Menschen Leid tragen, wo immer wir Leid erfahren, ist und bleibt er an unserer Seite. Er hat sich an die Seite der Opfer gestellt. Er hält aus, bis zum Letzten. So ist sein Kreuz ist nicht nur Mahnmal, sondern auch Trost – Trost für alle Leidenden und Sterbenden. Trost für uns.

Wir alle kennen aber auch die anderen Opfer, freiwillige. Da opfert sich einer auf für eine Idee, für ein Ziel. Alles setzt er darein – Zeit, Geld, Energie. Manchmal raubt es ihm sogar den Schlaf, geht an die Grenzen seiner Kräfte. Aber er brennt dafür. Mit ganzem Herzen, mit Haut und Haar. Kinder und Ehepartner pflegen aufopferungsvoll kranken Angehörigen, manchmal über Jahre. Sie verzichten in dieser Zeit auf so manches – auf Urlaub und freie Zeit – um ihnen bis zum Ende nahe zu sein und ihnen die Krankheit zu erleichtern. Eltern sind bereit zu verzichten, um ihren Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Andere setzen sich in ihrem Beruf ein, weit über die Arbeitszeit und Dienstanweisung hinaus, pflegen und begleiten Kranke, Sterbende, Benachteiligte – und schauen dabei nicht als erstes auf sich. Was treibt sie an diese Menschen – sicher ist es oftmals Pflicht, die Erwartung der anderen. Immer aber gehört die Liebe dazu. Es ist die Liebe, die uns dazu bringt, uns einzusetzen, nicht zu rechnen und zu zählen, nicht zu fragen: Wann ist denn endlich genug? Es ist die Liebe, die Leidenschaft, die uns dazu bringt, alles zu geben, uns selbst zu geben.
So ist es auch die Liebe, die Leidenschaft Gottes für uns, die ihn dazu bringt, seinen Sohn für uns herzugeben. Gott will uns nahe sein – um jeden Preis. Er will – wie am Versöhnungstag – die gestörte Beziehung zu uns wiederherstellen. Nichts soll mehr zwischen uns und ihm stehen – keine Sünde, keine Verletzung, keine Gleichgültigkeit, aber auch keine Angst, Verzweiflung oder Bedrohung. Deshalb kommt er uns ganz nah, wird selber Mensch. Alles, was uns trennt, was Menschen einander antun, erlebt und durchlebt er – ganz und gar, mit Haut und Haar – geht sogar so weit, dass er unseren Tod stirbt. Und so findet Jesu Opfer nicht erst am Kreuz statt. Es beginnt vielmehr schon an Weihnachten, da, wo er sich zu uns auf den Weg macht; da, wo er in diese dunkle Welt eintritt, um unser Leben zu teilen. Am Kreuz wird deutlich, wie ernst er das meint. Wir sollen und dürfen wissen: nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes – ja selbst der Tod nicht. Am Kreuz zeigt er uns, dass Gott alles gibt, ja sogar sich selbst gibt, um die Beziehung mit uns zu heilen und uns bis zur letzten Konsequenz nahe zu sein.
Der Hebräerbrief sagt: Es ist sein Opfer, um die Sünde aufzuheben, d.h. um die Trennung zwischen Gott und uns zu beseitigen. Paulus drückt es mit den großartigen Worten aus: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

So ist das Kreuz nicht nur Mahnmal und Trost, sondern auch sein Geschenk der Liebe. Sperrig bleibt es trotzdem, das Kreuz. Und das muss vielleicht auch so sein. Wer könnte auch je wirklich verstehen, was dort am Kreuz geschehen ist. Wir können es nur immer wieder neu buchstabieren.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt zur Jahreslosung

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder.

Die Jahreslosung für das kommende Jahr steht beim Propheten Hesekiel im 36. Kapitel Vers 26:

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.

Na prima! – ein neues Herz – eine kollektive Herztransplantation für diese unsere Gesellschaft.

Das ist es, was wir brauchen, damit unsere Gesellschaft menschlicher und wärmer wird, damit niemand vergessen und abgehängt wird.  Ein neues Herz für unsere Politiker und Wirtschaftsbosse, für alle Entscheidungsträger – kurz für die da oben, die abgehoben und hartherzig unsere Geschicke lenken.

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Predigt vom 21. August

Die Predigt vom Sonntag, 21. August 2016, in der Gnadenkirche von Pfarrerin Gudrun Schlößer.

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.
Amen.

Predigttext 1. Johannes 4

Geliebte, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Geliebte, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

Liebe Schwestern und Brüder,

was würden Sie sagen, wenn ich Sie heute statt mit dieser Anrede mal mit „Geliebte“ ansprechen würde? Sicher wären sie etwas befremdet.
„Na ja“, würden Sie vielleicht sagen, „ist ja schön, wenn sie uns gern hat, aber übertreiben muss man ja auch nicht.“ Geliebte, das sagt man nicht einfach so. Das ist schon ein Wort für eine besondere Beziehung
und für besondere Gelegenheiten.

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Predigt Kantate 24.04.2016

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Kol 3,12-17:
12 So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;
13 und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
14 Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
15 Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
16 Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.
17 Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Liebe Brüder und Schwestern,

stellen Sie sich vor, wir als Gemeinde wären ein großer Chor. Das sollen wir doch sein, oder. Schließlich heißt unser Sonntag Kantate – Singt! Und im Predigttext steht es eindeutig: „Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen!“

Was würden wir als Gemeindechor wohl singen?
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Predigt Karfreitag

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Jesus neigte das Haupt und verschied. – Aus! Kerzen aus, Altar abgeräumt, Ende, Aus, Schluss. Jedes Jahr dasselbe. Und jedes Jahr ist es schwer zu ertragen. Karfreitag ist schwer zu ertragen. Karfreitag ist unpopulär. Wäre es nicht leichter, diesen düsteren Tag einfach zu überspringen und schon mal zu Ostern überzugehen.
Aber das konnten die Jüngerinnen und Jünger Jesu auch nicht. Sie mussten Karfreitag ertragen, hilflos, ausgeliefert, aller Hoffnungen beraubt. Warum musste das geschehen? so fragten sie sich. Warum dieser Tod, dieses Scheitern, dieses jähe Ende aller Hoffnungen und Träume? Was hatte Ihr Leben jetzt noch für einen Sinn? Was gab es für sie noch zu erwarten? Dieser Tod macht für sie einfach keinen Sinn. Er macht sie mutlos, sprachlos, lässt sie erstarren. Ihre Sprache haben sie erst langsam nach Ostern wiedergefunden. Erst im Licht der Auferstehung wird das Kreuz für sie überhaupt deutungswürdig. Sonst wäre es einfach das grausame Ende eines Gescheiterten gewesen. – Und genau das müssen Sie zunächst einmal aushalten.
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Predigt: 1. Advent

Pfr.’in Gudrun Schlösser

Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommen wird.

Römer 13,8-14
Bleibt niemand etwas schuldig!
Was ihr einander jedoch immer schuldet, ist Liebe.
Denn wer den anderen liebt, hat damit das Gesetz erfüllt.
Wenn nämlich das Gesetz sagt:
»Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst keinen Mord begehen, du sollst nicht stehlen, du sollst der Begierde keinen Raum geben!«,
dann sind diese und alle anderen Gebote in dem einen Wort zusammengefasst:
»Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«
Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses an.
Darum ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.
Bei dem allem seid euch bewusst, in was für einer entscheidenden Zeit wir leben.
Unsere Rettung ist jetzt noch näher als damals, als wir zum Glauben kamen, und es ist höchste Zeit, dass ihr aus dem Schlaf aufwacht.
Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe.
Darum wollen wir uns von allem trennen, was man im Dunkeln tut, und die Waffen des Lichts ergreifen.
Lasst uns ein einwandfreies Leben führen, mit dem wir im Licht des Tages bestehen können, ein Leben ohne Schlemmen und Saufen, ohne sexuelle Ausschweifung und ohne Streit und Rechthaberei.
Legt das alles ab, und zieht ein neues Gewand an: Jesus Christus, den Herrn.
Beschäftigt euch nicht länger damit, wie ihr die Begierden eurer eigenen Natur zufrieden stellen könnt.

Liebe Brüder und Schwestern,
Wie soll ich dich empfangen?
Wie bereiten wir uns vor auf einen besonderen Gast, auf Besuch? Klar, Wohnung aufräumen, vielleicht auch ein bisschen schmücken, den Tisch schön decken, Getränke kalt stellen.
Was biete ich an? Was ziehe ich an? Wie schmücke ich mein Haus, wie schmücke ich mich, damit der Gast merkt, dass er mir wichtig und willkommen ist?
Wie soll ich dich empfangen?
Wenn mein Bruder und ich früher schon mal eine Woche allein zu Hause waren,weil unsere Eltern verreist waren, dann gab es immer einen bestimmten Ablauf vor deren Rückkehr. „Aktion Puppenstube“ nannten wir das.
„Aktion Puppenstube“, das bedeutete, die Wohnung wieder annähernd in den Zustand versetzen, in dem meine Eltern sie verlassen hatten – aufräumen, leere Flaschen in den Keller bringen, spülen, saugen, herumliegende Klamotten aufsammeln und in den Wäschekorb werfen.
Immer wieder ermahnten wir uns dann gegenseitig: Los, mach voran! Wir haben nicht ewig Zeit, wir können nicht herumtrödeln, sie sind schon auf dem Weg.
Nicht, dass wir nicht gewusst hätten, was zu tun war. Wir wussten genau, wie unsere Eltern es gerne antreffen würden – und wir waren jedes Mal stolz, wenn wir es geschafft hatten, bevor das Auto um die Ecke bog und wenn unsere Eltern unsere Bemühungen mit einem anerkennenden Lob belohnten.
„Aktion Puppenstube“ ist in unserer Familie zu einem geflügelten Wort geworden, wann immer sich Besuch angesagt hat – immer ein bisschen lästig und mühsam, aber es lebt von der Vorfreude auf den erwarteten Besuch.
Aktion Puppenstube, dieses Unternehmen scheint mir ein angemessenes Bild für den Advent zu sein. Advent – Ankunft – Wie soll ich dich empfangen? Wie soll ich mich vorbereiten auf das Kommen dessen, der da angesagt ist?
Aktion Puppenstube – nicht nur äußerlich, indem wir Hausputz machen, unsere Häuser und unsere Straßen schmücken, die Festtagsgarderobe zusammen stellen – das gelingt uns ja meist ganz gut.
Adventszeit ist aber auch Aktion Puppenstube für die Seele – Inventur in meinem Leben, was sich da alles angesammelt hat, was herumliegt, was noch gebraucht wird und wovon ich mich vielleicht auch trennen sollte.
Davor scheuen wir uns ja immer ein bisschen, das ist mühsam, das fordert Entscheidungen, da muss ich mich selbst in Frage stellen und mich manchmal auch von Liebgewordenem und vertrauten Marotten trennen – wer tut das schon gerne.
Aber – wenn ich mich selbst liebe, wenn ich mir selbst etwas wert bin und mein Leben nicht in lauter Überflüssigem und Unwichtigen ersticken lassen will, dann sollte mir das dennoch ein Bedürfnis sein.
Nicht umsonst ist die Adventszeit Fastenzeit, Bußzeit, Zeit der Besinnung. Vorbereitungszeit auf den, der da kommen soll.
Paulus sagt: Es ist höchste Zeit. Der Morgen dämmert schon. Das Licht des Tages ist schon zu ahnen. Er ist schon unterwegs.
Wie soll ich dich empfangen? Wie soll ich das denn schaffen? Wie soll ich mich denn dabei orientieren? Woher soll ich wissen, was wichtig ist und was nicht?
Ich bin nicht allein. Ich bin nicht orientierungslos. Der, auf den ich mich vorbereite, der ist doch längst gekommen, ist doch längst an meiner Seite. Er wirft mit mir einen Blick in das Haus meines Lebens, keinen Kontrollblick, keinen strafenden Blick, sondern einen hellen und klaren, einen liebenden Blick. Nicht um mich zu rügen, sondern um mir bei meiner Aktion Puppenstube zu helfen.
Lasse ich ihn herein? Öffne ich ihm die Tür?
Wenn er kommt, bringt er mir zuerst einmal etwas mit – ein neues Kleid, sozusagen die Festtagsgarderobe.
„Wenn ich komme, sollst du das tragen!“ sagt er.
Er selbst zieht es mir an, legt es mir um – es ist gewebt aus den feinsten Stoffen. Es ist sein Gewand. Es bekleidet mich, es umhüllt mich ganz mit seiner Liebe.
Leg die alten Klamotten ab, sagt er, zieh das neue Kleid an, das ich dir schenke.
Es besteht aus herzlichem Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld; aus Verständnis und der Bereitschaft zur Vergebung. Zusammengehalten wird es von der Liebe, dem Band der Vollkommenheit.
Willst du es anziehen, dieses Gewand? Es kleidet dich gut.
Und dann schauen wir gemeinsam mein Lebenshaus an,machen Aktion Puppenstube– nicht nur im Wohnzimmer, sondern auch in den Schmuddelecken.
Er sieht das, was sich angesammelt hat, was herumliegt und vielleicht fragt er mich dann
z. B. beim Blick auf all die leeren Flaschen: Sag mal, brauchst du das alles wirklich, das, womit du dich betäubst, womit du meinst, deinen Lebensdurst zu stillen?
Und all die anderen Dinge, die sich da so finden, die rosarote Brille, die mir vorgaukelt, alles wäre bestens so wie es ist, oder die dunkle Brille hinter der ich mich verstecken kann, wenn ich geweint habe, die Masken, die ich trage, um vor anderen zu verbergen, wie es mir wirklich geht. – Du brauchst sie nicht mehr, sagt er.
Du hast ein neues Gewand, du brauchst nicht mehr das dicke Fell, das da in der Ecke liegt, das verhindert, dass dir die Dinge, auch die Not deiner Mitmenschen zu nahe kommen und die faule Socke, die du immer dann anziehst, wenn du dich am liebsten aus allem heraushältst. Und die Plateauschuhe, mit denen du immer versuchst, dich ein bisschen größer vor den anderen zu machen; das Glitzerkleid, das du nur trägst, um andere in den Schatten zu stellen.
Wirf sie weg – genauso wie die angeblich weiße Weste, die doch auf der Rückseite einen schwarzen Fleck hat. Riech doch mal an all den alten Klamotten, sie riechen nach Streit, Neid und Eifersucht, nach Ärger und Unfrieden.
Das ist doch keine Kleidung, wenn man Besuch erwartet.
Trenn dich davon, es wird dir besser gehen!Das hast du doch auch gar nicht nötig, weil du jetzt ein anderes Kleid hast, ein besseres – ein ganz neues Kleid –
mein Kleid, ohne den alten Mief.
Ich schenke es dir. Ich lege es dir um. Dieses feine Gewebe aus meiner Liebe.
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. So, wie du für dich und deine Bedürfnisse sorgst, wenn du dich liebst, so sollst du auch einen wachen Blick auf den anderen und seine Bedürfnisse haben, bereit sein für ihn.

Erinnern Sie sich noch an den Regenbogensonntag und das Gleichnis vom barmherzigen Samariter? Der Nächste, den ich lieben soll, das ist immer der, der mir in den Weg gelegt ist, der jetzt und hier meine Hilfe braucht, der mich auch schon mal in meinem Tun unterbricht oder sogar stört. Es ist nicht immer bequem, dieses Kleid zu tragen. Es ist nicht ohne Risiko. Es macht verletzlich. Wer dieses Gewand trägt, setzt sich aus, lehnt sich auch schon mal für andere aus dem Fenster.
Wer dieses Gewand trägt, sieht genauer hin – auf sich, auf den anderen und auf die Welt – das ist das Einzige, was ihr einander schuldet, sagt Paulus, die Liebe.
Das ist das, was ihr, was diese Welt am meisten braucht. Menschen, die Liebe wagen.
Mit diesem neuen Kleid können wir den neuen Tag erwarten. Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen, es dämmert schon – wer wollte da noch im Schlafanzug herumlaufen.
Darum zieht an Jesus Christus, seine Liebe. – Es ist euch geschenkt, dieses Kleid, zieht es an, tragt es, zeigt es.
Advent – wie soll ich dich empfangen? Nutzen wir die Zeit – für Aktion Puppenstube oder Inventur – oder einfach nur, um die alten Klamotten auszuziehen und uns mit dem Gewand der Liebe bekleiden zu lassen, um uns auf seine Ankunft vorzubereiten.
Freuen wir uns auf sein Kommen.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt: Mirjamsonntag 2015

06.09.2015

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, des Vater, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Weisheit spricht:

22Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege, /
vor seinen Werken in der Urzeit;
23in frühester Zeit wurde ich gebildet, /
am Anfang, beim Ursprung der Erde.
24Als die Urmeere noch nicht waren, /
wurde ich geboren, /
als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen.
25Ehe die Berge eingesenkt wurden, /
vor den Hügeln wurde ich geboren.
26Noch hatte er die Erde nicht gemacht und die Fluren /
und alle Schollen des Festlands.
27Als er den Himmel baute, war ich dabei, /
als er den Erdkreis abmaß über den Wassern,
28als er droben die Wolken befestigte /
und Quellen strömen ließ aus dem Urmeer,
29als er dem Meer seine Satzung gab /
und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften,
30als er die Fundamente der Erde abmaß, /
da war ich als geliebtes Kind bei ihm.
Ich war seine Freude Tag für Tag /
und spielte vor ihm allezeit.
31Ich spielte auf seinem Erdenrund /
und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.
32Nun, ihr Söhne, hört auf mich! /
Wohl dem, der auf meine Wege achtet.
33Hört die Mahnung und werdet weise, /
lehnt sie nicht ab!
34Wohl dem, der auf mich hört, /
der Tag für Tag an meinen Toren wacht /
und meine Türpfosten hütet.
35Wer mich findet, findet Leben /
und erlangt das Gefallen des Herrn.
36Doch wer mich verfehlt, der schadet sich selbst; /
alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Sprüche 8, 22-36

Ist sie nicht wunderschön, die Weisheit?
Ein fröhlich spielendes Kind, im großen Garten der Schöpfung.
Alles wird bestaunt. Alles muss entdeckt und bejubelt werden.
Wie lustig das Wasser zwischen den Steinen hervorkommt, wie das Meer rauscht und auf den Strand läuft, wie die Wolken am Himmel langziehen und sich zu immer wieder neuen Formen zusammenschließen.

Ist sie nicht wunderschön, die Weisheit?
Eine junge, hübsche Frau.
Sie tanzt vor Gott und drückt so die Freude über die Schöpfung aus.
Ich war sein Liebling, seine Freude, seine Lust Tag für Tag.

Ist sie nicht wunderschön, die Weisheit?
Die alte weise Frau, die weiß, was das Leben trägt, was auch dann noch hält, wenn die Welt aus den Angeln zu fliegen droht.

Ist sie nicht wunderschön, Frau Weisheit, die hier zu uns spricht, ja, besser singt und von sich erzählt?

Ja, Sie haben richtig gehört.
Im Alten Testament, in den sogenannten Weisheitsbüchern, die voll sind von Lebensweisheiten, wird die Weisheit oft als eine Frau beschrieben – nicht unbedingt als alte weise Frau, wie wir es vielleicht aus Märchen kennen, sondern als spielendes und staunendes Kind, als junge Frau, wunderschön und verlockend, eine Freude, eine Lust für Gott und die Menschen.
Unablässig wirbt sie für sich, für ein Leben auf ihren Wegen, weil nur ein solches Leben gelingendes Leben ist.
Ja, diese Frau weiß, wo alles Leben herkommt, wie es gelingt, worauf es ankommt, was man tun muss, um das Leben nicht zu verderben und zu verfehlen.
Selbstbewusst singt sie von sich, vielleicht ein bisschen überheblich, aber steht ihr das nicht auch zu?
Vor allen anderen Geschöpfen hat Gott sie geschaffen. Wahrscheinlich wusste er, dass diese seine Schöpfung nicht ohne die Weisheit existieren und v.a. Bestand haben würde.
„Er baute den Himmel – ich war dabei.
Er maß den Erdkreis über den Wassern ab – ich war dabei.
Er setzte die Wolken an den Himmel – ich war dabei.
Er ließ die Quellen springen – ich war dabei.
Ja, ich habe sogar mitbekommen, wie er dem Meer seine Grenzen und Satzungen gegeben hat.
Ich war dabei als er alles weise geordnet hat.
Der Garten der Schöpfung war mein Spielplatz.“
so sagt sie stolz, die Weisheit.
Sie weiß Bescheid, sie kennt sich aus, auch über die Grenzen unseres Wissens und unserer manchmal sehr engen Sicht hinaus.
Und sie weiß es nicht nur, hat nicht nur Wissen angesammelt. Sie nimmt nicht nur zu Kenntnis, sondern sie spielt, spielt mit Möglichkeiten, spielt mit Kreativität, ist mit Verstand und mit Herz dabei. Sie hat Freude daran und vermittelt diese Freude, vermittelt die Freude, die Gott an seiner Schöpfung hat
und in seine Schöpfung hineingelegt hat. Wir sollen uns freuen an der Schöpfung, an deren guten Lebensregeln, die uns erst Leben ermöglichen.
Sie vermittelt ihre Lehren nicht verbissen und sauertöpfisch an ungelehrige Kinder, nicht genervt und besserwisserisch – so ist die Weisheit nicht – vielmehr spielt sie, tanzt und lädt zur Mitfreude ein. Werben will sie, nicht belehren. Verführen will sie – und manchmal mahnt sie auch. Sie zieht alle Register der Überredungs- und Überzeugungskunst.
„Ihr Söhne und Töchter hört auf mich. Folgt mir. Achtet auf meine Weisungen, dann werdet ihr Leben finden – gelingendes Leben; Leben, dessen Perspektive über den heutigen Tag hinaus geht. Leben, das nicht nur euch selbst,
sondern auch die anderen Menschen, ja, die ganze Schöpfung im Blick hat. Leben, das Gott gefällt; Leben, das Gott schenkt und schützt.
Aber – Achtung! Ihr könnt euch auch gegen mich entscheiden. Ihr könnt mich verfehlen. Aber damit schadet ihr euch selbst, lauft in euer Unglück und zieht noch andere mit.“

Ich frage mich, warum die Weisheit seit Bestehen der Welt, seit Bestehen des Menschen – ja, seit Adam und Eva –
so um uns Menschen werben muss. Ich frage mich, warum wir immer wieder den Eindruck haben, dass die Weisheit – wie schon bei Adam und Eva – nicht durchkommt mit ihrem Werben – bis heute?
Warum lassen wir uns eher von der Torheit einfangen, statt dem Werben der Weisheit zu folgen?
Vielleicht weil die Torheit auch immer wieder verlockend, verführend, werbend daher kommt.
Vielleicht weil die Torheit vorgibt, die Dinge besser machen zu können, als Gott sie geordnet hat – mehr heraus zu holen, effektiver mit ihnen umzugehen.
Vielleicht weil die Torheit so oft scheinbar plausibel, offensichtlich und einfach daher kommt – mit einfachen Lösungen und Antworten – und uns der Blick hinter die Dinge, die Auseinandersetzung mit den Hintergründen oder gar mit Menschen, zu mühsam ist und zu viel Zeit kostet.
Vielleicht weil die Torheit uns glauben machen will, dass wir selbst der Mittelpunkt der Welt sind, das Zentrum um das sich alles dreht und an dem sich alles ausrichten muss: Vielleicht weil sie uns einredet, dass Selbstoptimierung und Selbstdarstellung das höchste Ziel sind, dem alles andere und alle anderen unterzuordnen sind.
Vielleicht, weil Torheit auf schnellen Erfolg setzt und schnelle Antworten parat hat, während die Weisheit manchmal lange schweigt, bevor sie antwortet. Haben wir keine Zeit mehr für die Weisheit? Scheint uns der Schnellschuss effektiver?
Aber – der Tor hat keine Zukunft. Er verspielt seine Zukunft in der Gegenwart.
Wie das konkret aussieht? Wir wissen es eigentlich längst:
„Wenn wir die Weisheit verfehlen, fügen wir uns selbst Gewalt zu. Wenn wir die Umwelt zerstören, dann gefährden wir das Leben. Egoistisches, rücksichtsloses Wirtschaften bringt Ungerechtigkeit und Tod. Gleichgültigkeit und Intoleranz erzeugen Unfrieden in der Gesellschaft. Zu viel Luxus und Konsum machen krankt.“
(Arbeitsheft zum Mirjamsonntag 2015)
Wir wissen es längst und lassen uns doch so leicht einfangen.
Wie anders sieht die Weisheit aus als die Torheit.
Die Weisheit lässt sich nicht durch den äußeren Schein täuschen. Sie sieht hinter die Dinge. Sie sieht den Dingen auf den Grund.
Weisheit lehrt zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden.
Weisheit fällt nicht auf die Tagesparolen herein, die die Schlagzeilen für einen Tag, vielleicht auch für zwei bestimmen und dann wieder vergessen sind.
Die Weisheit sucht nach dem, was das Gestern mit dem Heute und dem Morgen verbindet. Sie fragt nach dem Bleibenden im Flug der Zeiten.
Sie fragt nach Gerechtigkeit inmitten einer Welt der Ungerechtigkeit, und sie fragt nach der Wahrheit in Zeiten der schnellen Lüge. Die Weisheit beteiligt sich nicht an Hetzkampagnen und fällt nicht auf den Jubel oder das Gebrüll der Massen herein.
Die Weisheit lehrt uns, dass nicht wir der Nabel der Welt sind.
„Die Gottesfurcht ist der Anfang der Weisheit“ heißt es
– zu erkennen und anzuerkennen, dass nicht ich, sondern ein anderer Herr der Welt ist, dass ich nicht alles in der Hand habe, dass ich nicht das Recht habe, mich anderer oder der Schöpfung achtlos zu bedienen und sie meinen Interessen unterzuordnen, dass ich nicht das Maß aller Dinge bin.

Frau Weisheit wird nicht müde, für sich und um uns zu werben.
„Mensch, du hast die Wahl. Entscheide dich, ob du den Weg der Torheit gehen willst, oder ob du der Weisheit folgst.
Entscheide dich für den Weg, der zum Leben führt und nicht für den Todesweg. Entscheide dich für das gute Leben,
das sinnvolle Leben, das im Einklang mit Gott ist und seiner Schöpfung.“

Ist sie nicht wunderschön und verlockend, Frau Weisheit, das spielende Kind, die tanzende junge Frau, die weise alte Frau.
Warum folgen wir ihr nicht? Gibt es nicht genügend Situationen, in denen uns gerade die Weisheit fehlt, in der wir uns und anderen Weisheit und den weiten Blick wünschten? Situationen, in denen wir ratlos dastehen und die Weisheit unter unserer Geschäftigkeit und hinter unseren Problembergen verdunkelt ist. Wir können sie kaum erkennen und fragen uns: Was ist weise? Was ist klug? Jetzt , in dieser konkreten Situation.
Salomo hatte einen Wunsch frei – und er wünschte sich ein weises Herz.
Vielleicht sollten auch wir immer wieder inne halten und genau darum bitten: um ein weises Herz, um Weisheit für uns und für die Welt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unser Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Pfr.’in Gudrun Schlösser