Archiv der Kategorie: Predigt

Predigt Karfreitag

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Jesus neigte das Haupt und verschied. – Aus! Kerzen aus, Altar abgeräumt, Ende, Aus, Schluss. Jedes Jahr dasselbe. Und jedes Jahr ist es schwer zu ertragen. Karfreitag ist schwer zu ertragen. Karfreitag ist unpopulär. Wäre es nicht leichter, diesen düsteren Tag einfach zu überspringen und schon mal zu Ostern überzugehen.
Aber das konnten die Jüngerinnen und Jünger Jesu auch nicht. Sie mussten Karfreitag ertragen, hilflos, ausgeliefert, aller Hoffnungen beraubt. Warum musste das geschehen? so fragten sie sich. Warum dieser Tod, dieses Scheitern, dieses jähe Ende aller Hoffnungen und Träume? Was hatte Ihr Leben jetzt noch für einen Sinn? Was gab es für sie noch zu erwarten? Dieser Tod macht für sie einfach keinen Sinn. Er macht sie mutlos, sprachlos, lässt sie erstarren. Ihre Sprache haben sie erst langsam nach Ostern wiedergefunden. Erst im Licht der Auferstehung wird das Kreuz für sie überhaupt deutungswürdig. Sonst wäre es einfach das grausame Ende eines Gescheiterten gewesen. – Und genau das müssen Sie zunächst einmal aushalten.
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Predigt vom 13.03.2016 – Judica

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heilige Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Brüder und Schwestern!
Ich kann nicht drängeln. Konnte ich noch nie. In der Schlange, ob am Skilift oder an der Kinokasse, stehe ich immer hinten. Wenn sich eine Türe öffnet und alle auf die Plätze stürmen, gerate ich regelmäßig ins Hintertreffen. Freie Platzwahl ist mir ein Gräuel. Nicht, dass ich nicht gerne einen guten Platz hätte. Aber ich kann es einfach nicht. Deshalb bin ich froh, wenn mein Platz schon mal reserviert ist.

Der Kampf um die besten Plätze ist ein lebenslanges Thema, so scheint mir. Nicht nur im Konzert oder Theater, sondern auch in der Schule, im Beruf, im Sport, bei mancher Feier. Wo sitze ich richtig? Wo stehe ich? Wo positioniere ich mich am geschicktesten? Wo werde ich wahrgenommen, mein Einsatz gesehen und honoriert? Wo ist mein Platz? Vielleicht steckt dahinter ja die Angst, zu kurz zu kommen, übersehen oder gar vergessen zu werden, wenn die besten Plätze verteilt werden.
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Predigt zum Sonntag Septuagesimae, 2016

Predigt zum Sonntag Septuagesimae, 24. Januar 2016, Gnadenkirche Rheinbach
(Irmela Richter)

Korinth ist in biblischer Zeit eine spannende Multi-Kulti-Stadt mit vielen Möglichkeiten und Gesichtern. Wirtschaftlich prosperierend bietet die Hafen- und Handelsstadt ihren Bürgern alles, was das Herz begehrt: eine große Agora mit Rednertribüne, eine Straße mit vielen Geschäften, Theater und eine Arena, eine öffentliche Latrine und noch eine Reihe weiterer Errungenschaften der damaligen Zeit.

Verschiedene Religionsgemeinschaften geben den Bewohnern und Gästen der Stadt Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Neben Angehörigen der römischen Staatsreligion leben auch Juden und sogar erste Christen in Korinth, als Paulus das erste Mal in diese Stadt kommt. Nach seiner Abreise erfährt Paulus recht bald von Missständen in der Gemeinde und schreibt den Korinthern einen Brief.
Ich lese aus dem 9. Kapitel die Verse 24-27:
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Predigt Lukas 18, 9–14a

11. nach Trinitatis, 16.08.2015

Pfarrer Dr. Diethard Römheld

Luk 18,9–14a (!)
Einige der Leute waren davon überzeugt,
dass sie selbst nach Gottes Willen lebten.
Für die anderen hatten sie nur Verachtung übrig.
Ihnen erzählte Jesus dieses Gleichnis:
Zwei Männer gingen hinauf in den Tempel,
um zu beten.
Der eine war ein Pharisäer
und der andere ein Zolleinnehmer.
Der Pharisäer stellte sich hin
und betete leise für sich:
„Gott, ich danke dir,
dass ich nicht so bin
wie die anderen Menschen –
kein Räuber, Betrüger, Ehebrecher
oder Zolleinnehmer wie dieser hier.
Ich faste an zwei Tagen in der Woche
und gebe sogar den zehnten Teil
von allem, was ich einnehme.“
Der Zolleinnehmer aber stand weit abseits.
Er traute sich nicht einmal,
zum Himmel aufzublicken.
Er schlug sich auf die Brust
und sprach:
„Gott, sei mir Sünder gnädig!“
Das sage ich euch:
Dieser ging befreit nach Hause zurück,
jener nicht!

Ach ja, die Geschichte vom Pharisäer und von Zöllner: wir kennen sie alle. Und sie bestätigt all unseren Erwartungen – was sonst soll man von so einem sprichwörtlichen Pharisäer halten? Nun gut, dass Zöllner eigentlich korrupte, üble Burschen waren, damals, das ist bekannt, aber bei genauerem Hinsehen entpuppen die sich doch immer wieder als nette Kerle. Am Ende ist die Welt also wieder in Ordnung! Was soll ich Ihnen dazu heute noch viel Neues erzählen?
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Predigt: Der Sabbat

Pfarrer Dr. Diethard Römheld

Markus 2,23–27*
An einem Sabbat ging Jesus durch die Felder.
Unterwegs rissen seine Jünger Ähren von den Halmen.
Da sagten die Pharisäer zu ihm:
„Sieh nur, was sie tun.
Das ist am Sabbat verboten.“
Er antwortete ihnen:
„Habt ihr denn nicht gelesen,
was David getan hat,
als er und seine Männer in Not waren
und Hunger hatten?
David ging in das Haus Gottes
und aß von den Broten auf dem Altar.
Dabei durften eigentlich
nur die Priester davon essen.
Aber David gab sogar seinen Kämpfern von den Broten.“
Und Jesus sagte zu den Pharisäern:
„Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht,
nicht den Menschen für den Sabbat!“

Abschaffung des jüdischen Sabbats

Ach ja, der Sabbat! Gäbe es den nicht, müsste er glatt erfunden werden, damit Jesus ausreichend Gelegenheit hat, sich abzugrenzen von den Erwartungen seiner Zeitgenossen! Am lockeren Verhältnis zum Sabbat und seinen Gesetzen sollt ihr Jesus erkennen, scheinen die Evangelien erzählen zu wollen.
Die Begehung des Sabbats ist selbst unter wenig religiösen Juden bis heute absolut selbstverständlich, identitätsstiftend sozusagen. Sie kennen vielleicht die alte jüdische Anekdote zum Thema:

An einem Sabbat ertappt der Rabbi seinen Schwiegersohn beim Zigarettenrauchen und fällt über ihn her: „Du Heide! Du Schabbes-Schänder! Du Verräter!“ Darauf der Schwiegersohn kleinlaut: „Ich hab vergessen, wie ich leben soll!“ – „Was heißt: vergessen? Wie kann ein Jude vergessen, dass Schabbes ist?’ – „Gott behüte! Ein Jude kann das nicht vergessen!“ – „Was denn? Hast du vielleicht vergessen, dass ein Jude am Schabbes nicht rauchen darf?“ – „Gott behüte! Was fällt dir ein, dass ein Jude so was vergessen könnte!“ – „Was hast du denn vergessen?“ „Ich hab ganz einfach vergessen, dass ich ein Jude bin.“

Hat Jesus hier auch vergessen, dass er Jude ist? Oder will Jesus gar kein Jude mehr sein? Erleben wir hier gerade die Abschaffung des Sabbats? Diese Geschichte wird oft für das Paradebeispiel grundlegender Kritik an der jüdischen Gesetzlichkeit gehalten.

Jesu Heiligung des Sabbats

Wer sich in seiner Bibel ein wenig auskennt, wird wissen, dass Jesus an keiner Stelle den Sabbat abgeschafft hat. Jesus selbst besucht am Sabbat die Synagoge, heute würden wir sagen: Er geht in die Kirche, betet, liest die heiligen Texte, predigt und sucht mit seinen Wunderheilungen Gottes Werk im menschlichen Tun sichtbar werden zu lassen. Denn es ist doch gerade dem Sabbat angemessen, Gutes zu tun! Nein, es bleibt dabei, für Jesus müsste der Sabbat erfunden werden, gäbe es den nicht längst. Der Sabbat bleibt auch für Jesus ein Zeichen zwischen Gott und den Menschen, dass sie beide zusammengehören, gemeinsam durch ihr Leben gehen.

Und wer sich ein wenig im antiken Judentum auskennt, könnte auch wissen, dass jener berühmte Jesussatz:
Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht, nicht den Menschen für den Sabbat! ursprünglich gar nicht von Jesus stammt. Jesus zitiert hier eine ältere jüdische Lehre. Die Spuren jenes Satzes reichen bis ins 2. Jh. vor Christi Geburt zurück! Unser Gefühl: Wir sind im Recht, jene im Unrecht, trügt. So billig ist die Botschaft für den heutigen Sonntag nicht zu haben!

Die Heiligung des Menschen am Sabbat

Es lohnt sich, noch einmal genauer hinzuschauen, was Jesus hier seinen Zeitgenossen mitgeben will: Habt ihr denn nicht gelesen, was David getan hat, als er und seine Männer in Not waren und Hunger hatten? David ging in das Haus Gottes und aß von den Broten auf dem Altar. Dabei durften eigentlich nur die Priester davon essen. Aber David gab sogar seinen Kämpfern von den Broten.

In jener alttestamentlichen Episode ist David mit seinen wenigen Kämpfern auf der Flucht vor König Saul. Erschöpft und hungrig stoßen sie auf einen Tempel Gottes. Dort liegen, jeden Sabbat frisch, Opferbrote auf dem Altar, leicht angeröstet vom begleitenden Weihrauch. Der Duft ist Gottes Anteil, die Brote selbst dürfen, oder soll ich sagen: müssen die Priester essen. Gott teilt sozusagen das am Sabbat ihm gebrachte Opfer mit den Menschen. Auch hier geht es um die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch: Das Brot bringt Gott und Mensch zueinander. Als nun David mit seiner Truppe auftaucht, stellt sich, liest man im Alten Testament genauer nach, nicht die Frage: Dürfen die davon essen? Die Frage des Hohen Priesters ist vielmehr: seid ihr kultisch rein, habt ihr euch vorbereitet darauf, Gott gegenüberzutreten und mit ihm zusammen zu essen?

Meine These ist auf den ersten Blick vielleicht gewagt, liegt aber auf der Linie des alttestamentlichen Argumentes: Wer am Sabbat mit Gott isst, wer am Sabbat Gottes Wort vernimmt, Gottes heilendem Willen begegnet, der ist selbst heilig, wird in Gottes Heiligkeit eingebettet. Nicht WIR machen den Feiertag heilig für Gott, sondern Gott macht Seinen Tag heilig für uns, trägt von Seiner Heiligkeit in unser Leben. Oder in Jesu Worten: der Mensch ist nicht dazu da, den Sabbat für Gott heilig zu machen, sondern der Sabbat ist dazu da, dass Gott Seine Heiligkeit mit den Menschen teilt. Und ganz besonders mit den Menschen auf der Flucht wie damals bei David, und den Menschen, die hungert, wie hier bei den Jüngern.

Was geht uns das an?

Besonders steil wird meine Auslegung bei der Frage, wer denn heute, unter uns, Adressat dieser Heiligkeit ist, wem denn der Sabbatsegen heute gilt. Alttestamentlich betrachtet sind WIR jedenfalls nicht auf der Flucht. Neutestamentlich betrachtet sind WIR jedefalls nicht hungrig, leben auch nicht von der Hand in den Mund. Aber auch WIR meinen immer wieder zu wissen, was uns heilig ist und wie das unangetastet bleiben muss. Dabei hat Jesus gerade nicht gesagt: Der Sabbat ist für EUCH da, sondern: Der Sabbat ist für den Menschen da. Und das war in dem Predigttext gerade der Andere! Es geht nicht darum, das zu erhalten, was Ihr für heilig, für unantastbar haltet, sondern um das, oder besser, um diejenigen, die Gott heilig sind, die Gott Seiner Zuwendung wert sind. Und ich fürchte, von denen gibt es im Moment sehr viele unter uns! Und leider noch viel mehr vor unseren Grenzen. Die Frage dieses Predigttextes könnte sein, und ich spreche das mit bangem Herzen aus: für wen wird heute mitten unter uns Sonntag, Sabbat, Gottes heiliger Tag werden? Wer darf heute die Ähren unseres eigenen Ackers raufen, rupfen, essen? Mit wem will heute Gott die Gaben seiner Schöpfung teilen? Ja, das geht uns ähnlich schwer runter wie einst jenen Zeitgenossen Jesu. Wir fürchten den Untergang des Abendlandes, wenn alle dürfen, die müssen. Gott hingegen fürchtet den Untergang Seiner Schöpfung. DAS macht diese Geschichte so bitter, damals wie heute!

Lassen Sie mich noch ein Wort hinzufügen, aus meiner Rolle als Pfarrer heraus, bei Jesus jedenfalls steht es so nicht: Selbst die wirklich Wohlmeinenden unter uns, selbst die, die sich noch sehr lebendig an eigene Flucht und Vertreibung nach dem letzten Krieg erinnern, spüren die Angst, dass unsere Gesellschaft muslimisch werden könnte und wir uns in der eigenen Gesellschaft nicht mehr zuhause fühlen werden. Mir als Pfarrer geht dabei durch den Kopf: Wir können nur erhalten, was wir auch aktiv leben, was uns selbst wichtig ist. Ein Sonntag der leeren Kirchen ist irgendwann kein Sonntag mehr. Unsere Angst vor dem muslimischen Freitagsgebet erzählt vielleicht mehr über uns selbst und unsere faulen Kompromisse als über eine wirkliche Bedrohung durch das Fremde.

Und mit diesem Predigttext füge ich hinzu: der Sabbat ist nicht der Tag, an dem alles bleibt, wie es ist, sondern an dem Gottes Heiligkeit der Welt gegenübertritt, um Seinen Willen aufzurichten. Dazu nimmt Gott auch uns in seinen Dienst.

Amen

Predigt: Haus am Römerkanal 17.09.2015

Pfarrer Dr. Diethard Römheld

Lukas 17,1–6
Er sprach aber zu seinen Jüngern:
Verführung wird kommen, sie sind unausweichlich!
aber weh dem, durch den sie kommt!
Es wäre besser für ihn,
wenn man einen Mühlstein an seinen Hals hängt
und ihn ins Meer wirft,
als dass er einen dieser Kleinen zum Abfall verführt.
Seht euch vor!
Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht;
und wenn er es bereut, vergib ihm.
Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigen wird
und siebenmal wieder zu dir kommt und spricht:
Es tut mir leid!,
so sollst du ihm vergeben.
Da sprachen die Apostel zum Herrn:
Gib uns mehr Glauben!
Der Herr aber sprach:
Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn,
dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen:
Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!,
und er würde euch gehorchen.

Auf den ersten Blick ist das ganz schön befremdlich, ja unheimlich, was Jesus hier tut: Erst kündigt er seinen Freundinnen und Freunden große Gefahren für ihren Glauben an: Anfechtungen, Verführungen. Doch als seine Gefährten dann aufgeschreckt und voller Sorge um Stärkung ihres Glaubens bitten, damit sie gewappnet sind, bekommen sie nicht, was sie brauchen! Jesus führt ihnen scheinbar gnadenlos vor, wie winzig ihr Glaube ist und dass sie erst gar keine Chance haben! Denn wer kann schon von sich sagen: Mein Glaube kann Bäume mit der Kraft allein des Wortes verpflanzen? Das ist alles andere als Mut machend!

Ach übrigens, Jesus, will ich ihm entgegenwerfen: mir würde ein Glaube reichen, der nicht irre wird an Dir, der den Zweifeln und der Kälte der Welt gewachsen ist. Ich will einen Glauben, der mich durch dunkle Stunden trägt und stärker ist als alle Dunkelheiten! Das würde mir reichen! Jesus, ich brauche doch gar keine Bäume verpflanzen, ich muss keine Wunder vollbringen. Mit würde völlig reichen, wenn ich einen Halt für mich selbst finden würde! Es würde mich auch beruhigen, wenn ich der Anfechtung und der Krise des Glaubens entgegen könnte.

Das war mein erster, mein erschreckter Blick auf diesen Text. Aber ist es wirklich wahr, dass Jesus uns Angst machen und anklagen will, unser Glauben sei ja winziger als ein Senfkorn? Das passt doch gar nicht zu dem Rest des Textes vom Bereuen und wieder neu Anfangen und Verzeihen! Kann es sein, dass ich hier etwas gründlich falsch verstanden habe? Oder genauer: kann es sein, dass ich hier nicht Jesu wirklicher Botschaft höre, sondern dass hier meine eigene Angst zu mir spricht? Jene Angst, dass mein Glaube nicht reichen könnte, dass ich vor Gottes Augen versagen könnte, Gottes Ansprüchen nicht genügen könnte? Manchmal hören wir bekanntlich ja nur, was wir hören wollen. Manchmal sind wir von unserer eigenen Angst so gefesselt, dass gar nicht mehr zu uns durchdringt, was andere uns Gutes sagen wollen.

So könnte das hier auch sein, wenn ich es mir genau überlege: Hier steht nämlich nirgends: Euer Glaube ist nicht einmal so groß wie ein Senfkorn, schämt euch! Vielleicht wollte Jesus uns etwas ganz anderes sagen, nur wir konnten es nicht hören vor Angst: Auch wenn euer Glaube nur so winzig wie ein Senfkorn wäre, könntet ihr zum Baum sagen … Und zwischen den Zeilen stände dann die Fortsetzung: Euer Glaube aber ist größer als das Senfkorn, warum zweifelt ihr daran? Traut Eurem Glauben doch mehr zu, der wird euch tragen und beschirmen auch mitten in allen Zweifeln und Anfechtungen. Sicher, die werden euch nicht immer erspart bleiben. Aber ihr braucht keine Angst zu haben. Euer Glaube wird euch schon tragen! Werft den Glauben nicht schon vorher weg, haltet an ihm fest, und ihr dürft ganz gewiss erfahren, wie groß seine Kraft sein wird! Denn das Besondere am Glauben ist nicht, dass wir stark sein müssen, sondern dass wir gewiss sein dürfen, nicht alleine unterwegs zu sein. Nicht unsere Stärke und Mut, sondern Gottes Nähe und Begleitung werden uns durch dunkle Stunden tragen.

Das ist es, was Jesus meinte, als er davon sprach: Auch wenn ihr umfallt und versagt, wenn euer Mut mal nicht reicht, wenn Zweifel euch übermannen, ihr dürft umkehren, bei mir neu anfangen, das soll uns nicht voneinander trennen. Nicht wir sind Glaubenshelden, sondern Gott ist für uns stark, weil er sich nicht von uns abwendet!
Doch wie ist das dann mit dem Baum und dem Meer? Mir ist das erst im dritten Anlauf aufgegangen: Wenn wir mit unserem winzigen Glauben Bäume verpflanzen könnten mitten ins Meer, wissen Sie, wem unsere Bäume dort begegnen würden? Jenen bösen Mächten, die mit einem Mühlstein um den Hals dorthin verbannt gehören! Sie erinnern sich:

Weh dem, durch den die Anfechtung kommt! Es wäre besser für ihn, wenn man einen Mühlstein an seinen Hals hängt und ihn ins Meer wirft, als dass er einen von euch zum Abfall verführt.

Jesus gebraucht hier ein Sprachbild: Der Glaube kann, selbst wenn er so winzig wie ein Senfkorn wäre, sehr wohl dem Verführer, der Anfechtung, dem Zweifel trotzen, er kann ihn mitten ins Meer verbannen. Denn ein Glaube, der mit Gottes Vergebung rechnet, ist stärker als all die kommenden Herausforderungen. Traut es eurem Glauben, traut es Gottes Treue zu! Wenn wir das Wort Jesu so lesen, dann wird es zu einem sehr tröstlichen Wort, dann macht es auch uns Mut zu unseren Lebenswegen unter dem freundlichen Angesicht Gottes!

Alles andere wäre ja auch grober Unfug: wer will schon Bäume mitten ins Meer verpflanzen? Die wachsen dort doch gar nicht! Die Sache mit dem Baum und dem Meer ist ein Bild für alles, was uns das Glauben schwer machen will – und was wir im Vertrauen auf Gottes Güte beiseite räumen können, weil Gott sich als stärker erweisen wird als all unsere Dunkelheiten!
Amen!

Predigt: Mirjamsonntag 2015

06.09.2015

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, des Vater, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Weisheit spricht:

22Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege, /
vor seinen Werken in der Urzeit;
23in frühester Zeit wurde ich gebildet, /
am Anfang, beim Ursprung der Erde.
24Als die Urmeere noch nicht waren, /
wurde ich geboren, /
als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen.
25Ehe die Berge eingesenkt wurden, /
vor den Hügeln wurde ich geboren.
26Noch hatte er die Erde nicht gemacht und die Fluren /
und alle Schollen des Festlands.
27Als er den Himmel baute, war ich dabei, /
als er den Erdkreis abmaß über den Wassern,
28als er droben die Wolken befestigte /
und Quellen strömen ließ aus dem Urmeer,
29als er dem Meer seine Satzung gab /
und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften,
30als er die Fundamente der Erde abmaß, /
da war ich als geliebtes Kind bei ihm.
Ich war seine Freude Tag für Tag /
und spielte vor ihm allezeit.
31Ich spielte auf seinem Erdenrund /
und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.
32Nun, ihr Söhne, hört auf mich! /
Wohl dem, der auf meine Wege achtet.
33Hört die Mahnung und werdet weise, /
lehnt sie nicht ab!
34Wohl dem, der auf mich hört, /
der Tag für Tag an meinen Toren wacht /
und meine Türpfosten hütet.
35Wer mich findet, findet Leben /
und erlangt das Gefallen des Herrn.
36Doch wer mich verfehlt, der schadet sich selbst; /
alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Sprüche 8, 22-36

Ist sie nicht wunderschön, die Weisheit?
Ein fröhlich spielendes Kind, im großen Garten der Schöpfung.
Alles wird bestaunt. Alles muss entdeckt und bejubelt werden.
Wie lustig das Wasser zwischen den Steinen hervorkommt, wie das Meer rauscht und auf den Strand läuft, wie die Wolken am Himmel langziehen und sich zu immer wieder neuen Formen zusammenschließen.

Ist sie nicht wunderschön, die Weisheit?
Eine junge, hübsche Frau.
Sie tanzt vor Gott und drückt so die Freude über die Schöpfung aus.
Ich war sein Liebling, seine Freude, seine Lust Tag für Tag.

Ist sie nicht wunderschön, die Weisheit?
Die alte weise Frau, die weiß, was das Leben trägt, was auch dann noch hält, wenn die Welt aus den Angeln zu fliegen droht.

Ist sie nicht wunderschön, Frau Weisheit, die hier zu uns spricht, ja, besser singt und von sich erzählt?

Ja, Sie haben richtig gehört.
Im Alten Testament, in den sogenannten Weisheitsbüchern, die voll sind von Lebensweisheiten, wird die Weisheit oft als eine Frau beschrieben – nicht unbedingt als alte weise Frau, wie wir es vielleicht aus Märchen kennen, sondern als spielendes und staunendes Kind, als junge Frau, wunderschön und verlockend, eine Freude, eine Lust für Gott und die Menschen.
Unablässig wirbt sie für sich, für ein Leben auf ihren Wegen, weil nur ein solches Leben gelingendes Leben ist.
Ja, diese Frau weiß, wo alles Leben herkommt, wie es gelingt, worauf es ankommt, was man tun muss, um das Leben nicht zu verderben und zu verfehlen.
Selbstbewusst singt sie von sich, vielleicht ein bisschen überheblich, aber steht ihr das nicht auch zu?
Vor allen anderen Geschöpfen hat Gott sie geschaffen. Wahrscheinlich wusste er, dass diese seine Schöpfung nicht ohne die Weisheit existieren und v.a. Bestand haben würde.
„Er baute den Himmel – ich war dabei.
Er maß den Erdkreis über den Wassern ab – ich war dabei.
Er setzte die Wolken an den Himmel – ich war dabei.
Er ließ die Quellen springen – ich war dabei.
Ja, ich habe sogar mitbekommen, wie er dem Meer seine Grenzen und Satzungen gegeben hat.
Ich war dabei als er alles weise geordnet hat.
Der Garten der Schöpfung war mein Spielplatz.“
so sagt sie stolz, die Weisheit.
Sie weiß Bescheid, sie kennt sich aus, auch über die Grenzen unseres Wissens und unserer manchmal sehr engen Sicht hinaus.
Und sie weiß es nicht nur, hat nicht nur Wissen angesammelt. Sie nimmt nicht nur zu Kenntnis, sondern sie spielt, spielt mit Möglichkeiten, spielt mit Kreativität, ist mit Verstand und mit Herz dabei. Sie hat Freude daran und vermittelt diese Freude, vermittelt die Freude, die Gott an seiner Schöpfung hat
und in seine Schöpfung hineingelegt hat. Wir sollen uns freuen an der Schöpfung, an deren guten Lebensregeln, die uns erst Leben ermöglichen.
Sie vermittelt ihre Lehren nicht verbissen und sauertöpfisch an ungelehrige Kinder, nicht genervt und besserwisserisch – so ist die Weisheit nicht – vielmehr spielt sie, tanzt und lädt zur Mitfreude ein. Werben will sie, nicht belehren. Verführen will sie – und manchmal mahnt sie auch. Sie zieht alle Register der Überredungs- und Überzeugungskunst.
„Ihr Söhne und Töchter hört auf mich. Folgt mir. Achtet auf meine Weisungen, dann werdet ihr Leben finden – gelingendes Leben; Leben, dessen Perspektive über den heutigen Tag hinaus geht. Leben, das nicht nur euch selbst,
sondern auch die anderen Menschen, ja, die ganze Schöpfung im Blick hat. Leben, das Gott gefällt; Leben, das Gott schenkt und schützt.
Aber – Achtung! Ihr könnt euch auch gegen mich entscheiden. Ihr könnt mich verfehlen. Aber damit schadet ihr euch selbst, lauft in euer Unglück und zieht noch andere mit.“

Ich frage mich, warum die Weisheit seit Bestehen der Welt, seit Bestehen des Menschen – ja, seit Adam und Eva –
so um uns Menschen werben muss. Ich frage mich, warum wir immer wieder den Eindruck haben, dass die Weisheit – wie schon bei Adam und Eva – nicht durchkommt mit ihrem Werben – bis heute?
Warum lassen wir uns eher von der Torheit einfangen, statt dem Werben der Weisheit zu folgen?
Vielleicht weil die Torheit auch immer wieder verlockend, verführend, werbend daher kommt.
Vielleicht weil die Torheit vorgibt, die Dinge besser machen zu können, als Gott sie geordnet hat – mehr heraus zu holen, effektiver mit ihnen umzugehen.
Vielleicht weil die Torheit so oft scheinbar plausibel, offensichtlich und einfach daher kommt – mit einfachen Lösungen und Antworten – und uns der Blick hinter die Dinge, die Auseinandersetzung mit den Hintergründen oder gar mit Menschen, zu mühsam ist und zu viel Zeit kostet.
Vielleicht weil die Torheit uns glauben machen will, dass wir selbst der Mittelpunkt der Welt sind, das Zentrum um das sich alles dreht und an dem sich alles ausrichten muss: Vielleicht weil sie uns einredet, dass Selbstoptimierung und Selbstdarstellung das höchste Ziel sind, dem alles andere und alle anderen unterzuordnen sind.
Vielleicht, weil Torheit auf schnellen Erfolg setzt und schnelle Antworten parat hat, während die Weisheit manchmal lange schweigt, bevor sie antwortet. Haben wir keine Zeit mehr für die Weisheit? Scheint uns der Schnellschuss effektiver?
Aber – der Tor hat keine Zukunft. Er verspielt seine Zukunft in der Gegenwart.
Wie das konkret aussieht? Wir wissen es eigentlich längst:
„Wenn wir die Weisheit verfehlen, fügen wir uns selbst Gewalt zu. Wenn wir die Umwelt zerstören, dann gefährden wir das Leben. Egoistisches, rücksichtsloses Wirtschaften bringt Ungerechtigkeit und Tod. Gleichgültigkeit und Intoleranz erzeugen Unfrieden in der Gesellschaft. Zu viel Luxus und Konsum machen krankt.“
(Arbeitsheft zum Mirjamsonntag 2015)
Wir wissen es längst und lassen uns doch so leicht einfangen.
Wie anders sieht die Weisheit aus als die Torheit.
Die Weisheit lässt sich nicht durch den äußeren Schein täuschen. Sie sieht hinter die Dinge. Sie sieht den Dingen auf den Grund.
Weisheit lehrt zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden.
Weisheit fällt nicht auf die Tagesparolen herein, die die Schlagzeilen für einen Tag, vielleicht auch für zwei bestimmen und dann wieder vergessen sind.
Die Weisheit sucht nach dem, was das Gestern mit dem Heute und dem Morgen verbindet. Sie fragt nach dem Bleibenden im Flug der Zeiten.
Sie fragt nach Gerechtigkeit inmitten einer Welt der Ungerechtigkeit, und sie fragt nach der Wahrheit in Zeiten der schnellen Lüge. Die Weisheit beteiligt sich nicht an Hetzkampagnen und fällt nicht auf den Jubel oder das Gebrüll der Massen herein.
Die Weisheit lehrt uns, dass nicht wir der Nabel der Welt sind.
„Die Gottesfurcht ist der Anfang der Weisheit“ heißt es
– zu erkennen und anzuerkennen, dass nicht ich, sondern ein anderer Herr der Welt ist, dass ich nicht alles in der Hand habe, dass ich nicht das Recht habe, mich anderer oder der Schöpfung achtlos zu bedienen und sie meinen Interessen unterzuordnen, dass ich nicht das Maß aller Dinge bin.

Frau Weisheit wird nicht müde, für sich und um uns zu werben.
„Mensch, du hast die Wahl. Entscheide dich, ob du den Weg der Torheit gehen willst, oder ob du der Weisheit folgst.
Entscheide dich für den Weg, der zum Leben führt und nicht für den Todesweg. Entscheide dich für das gute Leben,
das sinnvolle Leben, das im Einklang mit Gott ist und seiner Schöpfung.“

Ist sie nicht wunderschön und verlockend, Frau Weisheit, das spielende Kind, die tanzende junge Frau, die weise alte Frau.
Warum folgen wir ihr nicht? Gibt es nicht genügend Situationen, in denen uns gerade die Weisheit fehlt, in der wir uns und anderen Weisheit und den weiten Blick wünschten? Situationen, in denen wir ratlos dastehen und die Weisheit unter unserer Geschäftigkeit und hinter unseren Problembergen verdunkelt ist. Wir können sie kaum erkennen und fragen uns: Was ist weise? Was ist klug? Jetzt , in dieser konkreten Situation.
Salomo hatte einen Wunsch frei – und er wünschte sich ein weises Herz.
Vielleicht sollten auch wir immer wieder inne halten und genau darum bitten: um ein weises Herz, um Weisheit für uns und für die Welt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unser Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Pfr.’in Gudrun Schlösser

Predigt: Rogate 2015

10.05.2015

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Brüder und Schwestern!

1Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.
2Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht:
Vater!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.

3Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag
4und vergib uns unsre Sünden;
denn auch wir vergeben allen,die an uns schuldig werden.
Und führe uns nicht in Versuchung.

5Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote;
6denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann,
7und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.
8Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.
9Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.
10Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
11Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete?
12Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete?
13Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Lukasevangelium 11, 1-13

Warum hast du mich denn nicht gefragt?
Ja, warum hatte ich ihn nicht gefragt? Es wäre eine Kleinigkeit gewesen. Ich hätte nur schnell rüber gehen müssen oder ihn kurz anrufen. Ich wusste, dass er mir helfen könnte. Ich wusste, dass er mir helfen würde. Aber ich hatte ihn nicht gefragt.
Warum nicht? War es wirklich nur, weil ich ihm keine Mühe machen wollte? Er hatte doch immer so viel zu tun. Oder war ich einfach zu stolz gewesen? Wollte beweisen, dass ich das schon alleine hinbekomme? Aber wem eigentlich wollte ich was beweisen? – ihm oder mir oder der ganzen Welt? Hatte ich Angst, als Schwächling dazustehen, wenn ich zugeben muss, dass ich Hilfe brauchte? Schämte ich mich? Aber warum? Vor wem?
Warum hatte ich ihn nicht gefragt? Warum fällt es uns so schwer, um Hilfe zu bitten? Natürlich mache ich auf, wenn meine Freundin nachts – oder zu irgendeiner anderen Tageszeit – vor der Türe steht. Natürlich helfe ich ihr aus mit dem, was sie gerade braucht – ob es ein Brot ist oder eine Tasse Tee, eine Umarmung oder mein Ohr, das ich ihr leihe.
Aber selbst nachts zu einer Freundin gehen und um Hilfe bitten? – bedürftig und hilflos in der Dunkelheit vor ihrer Türe stehen? – Da muss mir das Wasser schon bis zum Halse stehen. Ich bin eben lieber Geber als Bittstellerin. Bittstellerin – schon das Wort ja hat einen unangenehmen Klang.
Warum hast du mich denn nicht gefragt? Warum trägst du alles, was dich belastet, so lange alleine mit dir herum, bis du nicht mehr kannst? Warum hast du dir nicht Hilfe gesucht, wo du doch weißt, dass du zu mir kommen kannst? Warum musste es erst so weit kommen, dass du keinen Ausweg mehr finden konntest? Manchmal braucht es eben Kraft und Mut,
zu sagen, was mir fehlt. Und manchmal fehlt mir gerade dieser Mut. Da sind die Bedenken größer und stärker. Da trau ich mich nicht, mich einem anderen zuzumuten, meine Bedürftigkeit vor einem anderen zuzugeben. Einfach zu sagen: Ich brauche jetzt Brot von dir.
Es ist nicht leicht, sich seine eigene Bedürftigkeit einzugestehen. Lass mal, ich krieg das schon alleine hin – wie oft lehnen wir mit diesen Worten ein Hilfsangebot ab.
Warum hat sie mich denn nicht gefragt? Wie oft mag Gott das kopfschüttelnd von mir denken – wenn ich vor mich hinwurstel, nicht weiter komme, mich in meinem Alltag, meinen Anforderungen und Aufgaben verhedder, mir alles über den Kopf wächst und ich nicht weiß, wie es weiter gehen soll.
Das scheint auch kein neuzeitliches Phänomen zu sein. Sonst müsste Jesus hier nicht so leidenschaftlich für das Gebet werben. Wir sind nicht gern bedürftig. Ja, wir schämen uns oft unserer Bedürftigkeit. Das beginnt übrigens schon im Paradies. Adam und Eva sind bestens versorgt. Aber sie wollen nicht nur versorgt und abhängig sein. Sie wollen es selber hinbekommen – sein wie Gott, eigene Entscheidungen treffen. Deshalb ist der Baum der Erkenntnis so verlockend.

Lehre uns beten – so bitten die Jünger Jesus. Zeig uns, wie wir mit Gott in Kontakt treten können. Wir können es nicht von uns aus. Wir trauen uns nicht. Wir sind so ungeübt.
Und Jesus lehrt sie: Das ist doch ganz einfach – und er holt das Gespräch mit Gott in unser Alltagsleben: Wie zu einem Freund dürft ihr kommen – sogar nachts. Und ihr dürft unbequem sein und ihm Mühe und Unruhe machen. Ihr dürft, ja ihr sollt unverschämt bitten – un-verschämt – ohne Scham – scham-los.. Ihr müsst euch eurer Bedürftigkeit nicht schämen.
Und dann folgt die vollmundige Ermutigung: Bittet, so wird euch gegeben. Suchet, so werdet ihr finden. Klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt. Wer sucht, der findet. Wer anklopft, dem wird aufgetan.
Große Worte Jesu – und sofort kommen mir Einwände. Habe ich nicht schon so oft gebetet und meine Bitte wurde nicht erfüllt? Was ist, wenn ich bitte und mir wird nicht gegeben – jedenfalls nicht das, was ich mir wünsche. Entmutigt das nicht auf die Dauer? Traue ich mich beim nächsten Mal wieder genauso bedingungslos und vertrauensvoll zu bitten.
Gott zu bedrängen mit meiner Not?
Nein, wir bekommen nicht alles, um das wir bitten. Selbst Jesus übrigens nicht. Auch an ihm ging der Kelch nicht vorüber, obwohl er es im Garten Getsemane flehend erbeten hatte. Gott ist nicht der Erfüllter unserer Wünsche. Wir bekommen nicht, was wir wollen – bekommen wir, was wir sollen? Manchmal frage ich mich: Hört er mich überhaupt? Interessiert ihn mein Rufen? Manchmal flüster ich meine Bitten nur – voller Zweifel und Fragen. Und dann die Frage: Mit welchen Bitten kann ich mich überhaupt ihm anvertrauen? Kann ich wirklich um alles bitten – auch um das, was menschliche Möglichkeiten und meine Vorstellungen übersteigt? Kann ich ihm auch die Probleme vor die Füße legen, bei denen mir schon lange keine Lösung mehr einfällt? Unverschämt dürfen wir bitten – ohne Scham und ohne Filter – auch ohne den Filter unserer begrenzten Möglichkeiten. Wir dürfen nicht nur um das bitten, was wir für möglich halten. Wir dürfen um das Unmögliche bitten – eingestehen, dass es uns unmöglich ist, dass unsere Phantasie und unsere Kunst am Ende sind. Unverschämt dürften wir ihm zurufen: wir wissen nicht weiter. Wir kriegen es nicht hin. Aber wir trauen dir, Gott, mehr zu als uns selbst.
Wir sind realistisch genug: Gott wird nicht alle unsere Bitten erfüllen. Und trotzdem dürfen wir bitten und rufen. Jesus verheißt uns: Er hört uns. Er erhört uns. Er wird uns Gutes geben. Er wird uns seinen Heiligen Geist geben – seine Lebenskraft, die uns aushalten und durchhalten lässt – auch in schwierigen Zeiten; seine Nähe, die uns Hoffnung und Zuversicht schenkt, wo wir am Ende sind; seine Geistesgegenwart, die uns Wege und Auswege zeigt, wenn wir den Weg nicht mehr sehen. Sein Geist wird uns Türen öffnen, wie er den Jüngern an Pfingsten die Türe geöffnet hat, damit sie hinausgehen, reden, neue Wege finden.

Warum hast du mich denn nicht gefragt? Fragen, Bitten muss man auch können, muss man üben. Wer nicht gelernt hat, zu fragen, wer meint, immer alleine zurecht zu kommen, für den wird die Hürde immer höher. Fragen, Bitten muss man lernen. Wir lernen es schon als Kinder. Wenn wir Glück haben, machen wir gute Erfahrungen damit. Je geübter wir sind, desto leichter fällt es uns. Fragen, Bitten, Beten muss man lernen.
Die Jünger bitten Jesus: Lehre uns beten! Und er sagt nicht: Ach, das könnt ihr schon von selbst. Er leitet sie an. Er ermutigt sie. Er lädt sie ein, sich immer und in allem mit ihren Bedürfnissen an Gott zu wenden.
Wer hat mich das Beten gelehrt? Wer lehrt es unsere Kinder? Wer übt es mit ihnen ein? Von wem sollen sie es lernen, wenn nicht von uns, wenn nicht von Eltern, Paten, Großeltern. Liebe Eltern und Paten, lehren Sie Ihre Kinder beten.
Zeigen Sie ihnen, was für ein Schatz, was für ein großartiges Angebot das Gebet ist. Üben sie es mit ihnen ein, damit das Beten nicht zu einer unmöglichen Möglichkeit für sie wird. Damit ihre Kinder nicht einmal sagen: Beten, das ist ja vielleicht eine gute Sache in manchen Situationen. Aber ich bete nicht. Ich brauch das nicht. Danke, ich komme alleine zurecht. Vergessen sie nicht: der Sonntag, an dem sie getauft wurden, heißt Rogate: Betet!
Warum hat sie mich denn nicht gefragt? Wie oft mag Gott diese Frage über mich stellen? Warum beteiligte ich ihn nicht an meinen Sorgen und Nöten? Warum stelle ich mich nicht mit meiner ganzen Bedürftigkeit von ihn hin: bitte, suche, klopfe an – und lasse mich von seinem Geist beschenken?
Jesus wirbt leidenschaftlich darum: Beteiligt Gott an eurem Leben! Sprecht mit ihm! Legt eure Scham ab! Ihr dürft un-verschämt vor ihn treten. Solches Beten verändert. Es stärkt mich, wenn ich schwach bin. Ich kann meine Sorgen und Nöte abgeben und ihn bitten, sich ihrer anzunehmen. Ich kann zugeben, dass ich bedürftig und angewiesen bin und nicht alles in der Hand habe. Ich kann abgeben, was ich selbst nicht tragen kann. Ich vertraue mich, ich vertraue den anderen, ich vertraue meine Kinder Gott an. Stelle mich und sie vor ihn hin und sage: Da sind wir. Sieh uns an in unserer Bedürftigkeit und nimm dich unsrer an! Und wenn ich mich stark und überlegen fühle, wenn mir das Verständnis für die Schwächen der anderen fehlt, dann macht Beten mich vielleicht etwas milder.
Ich werde mir bewusst, dass auch ich nicht allein aus mir heraus stark und erfolgreich bin, dass ich nicht alles mir allein verdanke. Ich werde dankbar für das Glück, das ich im Leben hatte, für die Startbedingungen, die mir gegeben wurden, für alles, was mir im Leben einfach so geschenkt wurde.
Beten verändert. Es macht die Schwachen stärker und die Starken milder. Warum tun wir es dann nicht? Jesus jedenfalls wirbt: Bittet, so wird euch gegeben. Suchet so werdet ihr finden. Klopfet an, so wird euch aufgetan.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Pfr’in. Gudrun Schlösser

Predigt: Erster Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti) 2015

Erster Sonntag nach Ostern:

Glaube und Zweifel gehören zusammen

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. 21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! 23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. 24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben. 26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! 27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Johannesevangelium 20, 19-29

Liebe Schwestern und Brüder!

Der erste Sonntag nach Ostern trägt den Namen „Quasimodogeniti“, wie die neugeborenen Kinder. Ja, so dürfen wir uns fühlen nach Ostern. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort, neue Zukunft und Zuversicht für die Wege die vor uns liegen sind angesagt.

Doch in den Kirchen ist von solch neuer Zukunft wenig zu spüren. Immer mehr Menschen fragen sich: Hat der christliche Glaube, hat die Kirche in unserem Land eigentlich noch Zukunft? Oder kaschieren wir mit allerlei Aktivitäten nur das unaufhaltsame Schrumpfen des Glaubens, in der Gesellschaft, der Kirche, bei uns selber?

Ja, haben wir womöglich noch nicht realisiert, dass die Weisen aus dem Morgenland, die auf ein Sternzeichen hin kommen und in Jesus den Heiland der Welt anbeten, dass diese längst von den Weisen aus dem Abendland abgelöst worden sind? Von denen also, die radikal alles hinterfragen, was nicht beweisbar und mit Fakten belegbar ist? Die den radikalen Zweifel zur Methode gemacht haben und unseren Glauben für eine Krankheit unselbständiger, lebensuntüchtiger Menschen halten?

Liebe Schwestern und Brüder, unser heutiger Predigttext aus dem Johannesevangelium vom Jünger namens Thomas kann uns in solch grundsätzlichem Hinterfragen unseres Glaubens eine wichtige Hilfe sein. Denn in diesem Thomas begegnet uns der moderne Mensch schlechthin, auch wenn er vor 2000 Jahren gelebt hat. Thomas kann der Botschaft von der Überwindung des Todes durch die Auferstehung Jesu Christi einfach keinen Glauben schenken. Was ihm gesagt wird, reicht ihm nicht; er will sehen, und mehr noch, er will handgreifliche Beweise.

Denn in Händen halten kann er, wie wir alle nur, was gegen den Glauben spricht. Die Vergänglichkeit und Endlichkeit dieser Welt und unseres Lebens. Krankheiten, Kriege, Flüchtlingselend, Katastrophen im Weltmaßstab wie im privaten Bereich lassen tagtäglich erleben und miterleben, dass keineswegs der Tod verschlungen ist vom Sieg des Lebens, sondern dass, beweisbar und belegbar, der Tod das Leben verschlingt. Stück für Stück und unaufhaltsam. Thomas ist Realist, er verschließt die Augen nicht vor dieser Wirklichkeit. Er sieht die Welt, wie sie ist. Und aus dieser Sicht formuliert er seine Bedingungen für den Glauben an die Auferstehung: Sehen und mit eigenen Händen fühlen.

Viele von uns haben im Kindergottesdienst diesen Jünger Jesu als den „ungläubigen Thomas“ kennen gelernt. Und haben damit eingeimpft bekommen, dass Glaube und Zweifel grundsätzlich nicht zusammengehören können, dass Zweifel etwas Ungutes, ja antikirchliches sei. Solche Wertung hat grausame Tradition in unseren christlichen Kirchen. Wie oft wurden Menschen ausgeschlossen, die ihre Zweifel äußerten, wurde Druck ausgeübt, Ketzerprozesse geführt und Scheiterhaufen errichtet für Menschen, die wie Thomas sagten: Ich kann’s einfach nicht glauben.

Wie sehr sich die Kirche mit solcher Wertung von ihrem Ursprung, ja von ihrem Herrn selbst entfernt hat, zeigt unser Predigttext. Kein Wort der Schelte ist da zu hören, erst recht keine Drohung. Vielmehr eine Frohbotschaft für alle Zweifelnden.

Denn Thomas wird von seinem Herrn, an den er gerne glauben möchte, aber nicht kann – es ist nicht die Rede davon, dass er nicht will! – Thomas wird mit seinem Zweifel nicht alleingelassen, er wird nicht isoliert – nein, ganz im Gegenteil!

Dreifach macht der Predigttext dies deutlich. Es ist nicht Thomas, der sich aufmacht, um endlich Gewissheit zu bekommen, sondern es ist der auferstandene Christus, der sich aufmacht und wortwörtlich dem entgegenkommt, der an seiner Auferstehung zweifelt. Jesus kennt die Glaubensnot seines Jüngers; er weiß um die Anfechtungen, die uns das Glauben schwer machen. Er selber lässt sich finden, selbst wenn wir uns noch gar nicht auf die Suche nach ihm gemacht haben.

Und solches Entgegenkommen, das ist das zweite, bedeutet zugleich die Überwindung der Mauern, die den Zweifler umringen. Nicht nur Thomas, auch die anderen Jüngerinnen und Jünger Jesu lebten ja trotz Ostern weiterhin hinter ver-schlossenen Türen, eingemauert von ihrer Angst, gefangen von ihrer Enttäuschung. Jesus aber geht durch diese Mauern einfach hindurch; sein „Friede sei mit euch!“ schlägt eine Bresche, bahnt den Weg ins Freie und eröffnet neue Horizonte.

Doch das alles geschieht, und das ist das Dritte, nicht einfach über den Kopf des Zweifelnden hinweg. Jesus nimmt Thomas ernst, erfüllt sogar seine Bedingungen: „Reiche deine Hand und lege sie in meine Seite!“ In diesem Moment wäre Thomas, der „Weise aus dem Abendland“, dieser unglaublich selbstbewusste und fordernde Zweifler, eigentlich am Ziel. Doch Thomas folgt Jesu Einladung nicht. Das Berühren der Wunden ist plötzlich nicht mehr wichtig für ihn. Das Wort des lebendigen Gottes hat alles verändert. Der ungläubige Thomas wird zum Bekenner: „Mein Herr und mein Gott!“ Er bekennt und glaubt, und sucht nicht mehr nach historischen Belegen für die Auferstehung; Grabtücher, Splitter, Nägel – plötzlich alles ohne Belang! Eine neue Wirklichkeit ist angebrochen, er hat für sich den Raum, in dem allein die Kategorien des Verstandes gelten, hinter sich gelassen.

Was aber war geschehen mit Thomas, der sich der Berechtigung seines Zweifels doch so sicher war? Der gekreuzigte Jesus was Thomas begegnet. Und in dieser Begegnung wurde ihm klar, dass der Gekreuzigte der Auferstandene ist. Und eben
darauf kommt alles an: Der Gekreuzigte und der Auferstandene sind ein und derselbe; sie gehören nicht verschiedenen Welten oder Wirklichkeiten an. Wer den Auferstandenen dort sucht, wo keine Wunden, keine Verletzungen, kein Leiden ist, der wird ihn nie und nimmer finden.

Denn die Botschaft von der Auferstehung will nicht hineinführen in sonnige Ecken und Nischen des Lebens, in denen der raue Wind der Wirklichkeit dieser Welt nicht weht, in die wir uns hineinflüchten könnten wie in eine Traumwelt –

Nein, gerade da, wo das Leid am größten ist, wo Trauer endlos scheint, wo Hoffnungslosigkeit schier unbesiegbar ist, wo Mauern der Trostlosigkeit und des Zweifels uns umgeben, gerade da ist der Ort, wo der Auferstandene als der Gekreuzigte uns begegnet. Als der nämlich, der „um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünden willen zerschlagen ist. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ So hatte es Jesaja verheißen, und mit der Zusage „Friede sei mit euch!“ tritt Jesus nun zu Thomas und zeigt ihm die Wunden, die ihm geschlagen wurden.

Zum Glauben an Jesus als seinen „Herrn und Gott“ kommt Thomas also gerade da, wo er mit dem Leid dieser Welt konfrontiert wird. Da geht ihm auf, dass es Auferstehung nicht am Tod vorbei gibt, sondern nur durch den Tod hindurch. Da geht ihm auf, dass die Osterbotschaft nicht in erster Linie denen gilt, die unbeschwert durchs Leben schlendern, sondern denen, die mühselig und beladen sind. Ja, da geht ihm auf, dass alle Endlichkeit dieser Welt und alle Tode, die wir zu sterben haben, keine Gegenbeweise sind gegen den Sieg Jesu über den Tod. Und damit ist auch klar, was gemeint ist mit der Verheißung, „dass selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Denn die, die glauben, sind nicht die Träumer und Spinner und psychisch Labilen, auf die man verächtlich herabsehen könnte, sondern das sind die, die endlich frei geworden sind von der viel zu kurz greifenden Suche nach Beweisbarem und Messbarem. Das sind die, deren Perspektive weiter geht als bis zum Tod, das sind die, die gelernt haben damit zu rechnen, dass in den Dimensionen von Raum und Zeit längst nicht alles zu begreifen ist, was das Leben ausmacht. Glaube rechnet fest
damit, dass in Jesu Kommen in unsere Welt das Ewige im Jetzt, die Unendlichkeit in der Vergänglichkeit erschienen ist und die Grenzen dazwischen so durchlässig geworden sind, wie es Thomas mit dem Kommen Jesu durch die verschlossene Türe erlebt hat.

Solcher Glaube aber entsteht aus nichts anderem als aus dem Wort Gottes. Dem lebendigen Wort, wie es weitergesagt wird von den Jüngerinnen und Jüngern Jesu durch die Zeiten. Auf die Predigt dieses Wortes kommt alles an, und nichts Sichtbares, Greifbares ist dafür vonnöten. Das ist die Botschaft der Erzählung vom alles andere als ungläubigen Thomas.

Was aber für den Glauben an Jesus Christus gilt, gilt ebenso für die Gemeinschaft derer, die diesen Glauben leben und weitersagen! Das Äußere, das Greifbare, die Strukturen der Kirche also sind weithin belanglos. Das mögliche Vergehen einer bestimmten Gestalt von Kirche ist in keiner Weise ein Zeichen von Krise oder erst recht nicht von Realitätsverlust und Verdrängung unangenehmer Entwicklungen, sondern theologisch gesehen genau das Gegenteil.

Die Bereitschaft, die äußere Gestalt von Kirche und Gemeinde immer wieder zu verändern ist die Konsequenz aus der Erkenntnis, dass alles, wirklich alles darauf ankommt, dem Weitersagen der frohen Botschaft einen angemessenen Raum zu schaffen und die Bedingungen für die Verkündigung des Evangeliums für die Menschen je nach ihrer Zeit und je nach ihren Erfordernissen neu auszurichten.

Darum gilt: Eine Kirche, die über lange Zeit sich nicht verändert, die steht in der Gefahr, zum Museum zu werden und zu sterben. Und auch unser persönlicher Glaube kann und braucht heute nicht mehr derselbe zu sein wie vor Jahren. Für eine Gemeinde gilt: Zweifelnde und Suchende dürfen nicht isoliert und hinausgedrängt werden. Gerade sie sind eingeladen, zu erleben, wie um Jesu Christi willen die engen Mauern ihrer Vorstellungen durchlässig werden und sie befreit werden zu einer neuen Sicht des Lebens, des Sterbens und der Ewigkeit, die Gott uns Menschen verheißen hat. Und das gleiche gilt für jeden einzelnen von uns; wir brauchen Zweifel und Fragen nicht zu fürchten, denn sie sind es, die unseren Glauben reifer machen und uns hinführen in die Begegnung mit dem lebendigen Christus. Nur so können wir erleben, dass Christus selber die Mauern unserer Ängstlichkeit und Zweifel sprengt und mit uns ist alle Tage, bis an der Welt Ende.

Wo wir das erleben, können wir wie Thomas einstimmen in das lebenswendende und zukunftsschenkende Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott!“ Amen.

Pfr. Dr. Eberhard Kenntner

Predigt: Osternacht / Ostern (2015)

Osternacht/Ostern 5.4.15

Christi Auferstehung ist auch unsere Auferstehung

19Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. 20Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. 21 Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden

I. Korinther 15, 19-22

Liebe Schwestern und Brüder!

Für uns Christen ist heute der wichtigste Festtag im ganzen Kirchenjahr, und dieser Gottesdienst ist DER zentrale Gottesdienst überhaupt. Wir feiern das Osterfest. Wir wollen uns miteinander freuen und laut darüber jubeln, dass Jesus Christus, der nach blutigem Kreuzweg am Hinrichtungsort Golgatha vor den Toren Jerusalems gehenkt wurde, nicht im Grabe geblieben ist. Er ist am dritten Tage, am Ostermorgen auferstanden von den Toten, so wie wir es Sonntag für Sonntag im Glaubensbekenntnis bekennen.

Unser Predigttext ist daher direkt an uns gerichtet. Denn der Apostel Paulus spricht in seinem Brief, der etwa zwölf Jahre nach den Ereignissen in Jerusalem geschrieben wurde, die Gemeinde in Korinth als eine Gemeinde an, in der das Bekenntnis der Auferstehung Jesu Christi fraglos Gültigkeit hat.

„Er ist auferstanden von den Toten“ das war für die Christen in der Hafenstadt Korinth und das ist auch für uns Christen hier in Rheinbach das Fundament unseres Glaubens und Christseins, als Einzelne wie als Gemeinde. Und damit ist auch das Kernstück des Evangeliums, das Zentrum der Botschaft des neuen Testamentes, der Osterglaube nämlich, auch bei uns vorhanden.

Doch, es mag uns überraschen, das ist dem Apostel Paulus nicht genug! Er hakt noch einmal nach, ja, er spürt einen kritischen Punkt auf im scheinbar so intakten Osterglauben der Gemeinde. „Was wäre denn“, so fragt er, was
wäre, wenn damit alles gesagt wäre, dass Christus damals auferstanden ist?“ Es würde bedeuten, so macht Paulus klar, dass die Auferstehung ein Ereignis der Vergangenheit wäre; Ostern wäre der – sicherlich glanzvolle – Abschluss der Geschichte des Jesus von Nazareth, irgendwann vor 2000 Jahren, mehr nicht.

Immerhin würde das doch bedeuten, dass wir an dem auferstandenen Jesus ein großes Vorbild hätten, ein Vorbild der Güte und Menschenfreundlichkeit, der Fürsorge für andere und Hoffnung für sich selbst. Wir hätten in ihm jemanden, zu dem wir aufschauen könnten, dem wir nacheifern und von dem wir uns Ideen ausborgen könnten. Wir könnten von ihm lernen, dass man auf dem Weg der Nächstenliebe nicht immer nur der Dumme oder Unterlegene ist. Wir könnten begeistert im Sinne Jesu handeln, die Sache Jesu weitertreiben, solidarisch für die Schwachen und Ausgestoßenen eintreten; ja, wir könnten im Gedenken an die Auferstehung Jesu für mehr Lebensqualität in dieser Welt eintreten, wir brauchten uns nicht abzufinden mit dem, was ist und nicht alles beim Alten zu belassen.

Liebe Schwestern und Brüder! Ist das als Botschaft von Ostern nicht genug? Der Apostel Paulus sagt klipp und klar: Nein, das ist nicht nur nicht genug, sondern da fehlt das Entscheidende! Wenn wir die Auferstehung Jesu Christi nur so glauben, dass sie uns Hoffnung und Ansporn für dieses Leben gibt, dann, so sagt er, sind wir die elendesten unter allen Menschen.

Die elendesten unter allen Menschen, weil wir einer Illusion aufgesessen wären, weil wir uns mit einem Glauben getröstet hätten, der zu wenig wäre, um hoffnungsvoll zu leben und in Zuversicht darauf auch sterben zu können.

Denn wenn die Auferstehung Jesu Christi nur ein Ereignis der Vergangenheit wäre, das uns lediglich Impulse zur Gestaltung der Welt und unseres Lebens gäbe, dann hätte ja nach wie vor der Tod das letzte Wort über uns. Dann wäre mit dem Tod für uns alles aus, dann würde auch unser Tun und Planen und Gestalten seinen Sinn verlieren und unweigerlich im Schlund der Vergänglichkeit versinken.

Ein solches Ostern, das nur die Auferstehung Jesu Christi feierte, wäre also keine Antwort auf die Finsternisse und Nöte, Ängste und Hoffnungslosigkeiten dieser Welt und unseres Lebens. „Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“ Das, liebe Schwestern und Brüder, ist also das Entscheidende an der christlichen Osterbotschaft: Nicht, dass Christus auferstanden ist, nicht dass der Tod IHN nicht halten konnte,
sondern dass dieses Geschehen etwas mit UNS zu tun hat, dass in der Auferstehung Jesu Christi etwas passiert ist, was uns und unser Leben betrifft, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Jesu Auferstehung und unserer Zukunft.

„Christus ist auferstanden als Erstling unter denen, die entschlafen sind“, sagt Paulus, und das heißt: Die Auferstehung Jesu ist eben nicht ein in sich abgeschlossenes Ereignis der Vergangenheit, nicht das Ende einer Geschichte, sondern der Anfang! Da kommt noch etwas nach, dem Ersten, der nicht im Tode blieb, werden Zweite und Dritte und unendlich viele weitere folgen. Das ist das Entscheidende an der Osterbotschaft des Evangeliums.

So, wie mit der Erstlingsfrucht, also dem ersten Apfel, der an einem Baum reif wird, der ersten Erdbeere eines Erdbeerfeldes, der ersten Zuckerrübe oder Maispflanze bereits die ganze nun kommende Ernte angezeigt ist, so ist in Christi Auferstehung, in seiner Auferweckung durch Gott etwas offenbar geworden von dem, was Gott mit der ganzen Menschheit vorhat: Nämlich Gottes neue Schöpfung hat da begonnen.

„Christus ist auferstanden als Erstling unter denen die entschlafen sind“ heißt also: An Ostern hat Gott damit den Anfang gemacht, seine Verheißung einzulösen, dass er seine Schöpfung, seine Menschen, seiner Hände Werk nicht für alle Zeit in die Gottesferne abdriften lässt, dass er seine Menschheit nicht der Herrschaft der Vergänglichkeit und des Todes überlassen wird. Der Tod ist aus dieser Perspektive nur noch ein Schlaf. „Der Erstling unter denen die entschlafen sind.“

Ostern ist so der Beginn einer ganz neuen Geschichte Gottes mit uns Menschen, der Anfang eines neuen Bundes, von dem das Neue Testament erzählt – und Testament heißt ja nichts anderes als Bund. Eine neue Zukunft hat da begonnen, die die ganze Welt und auch unser aller Leben umgreift und zugleich weit darüber hinausgeht. In der Auferstehung Jesu Christi am Ostermorgen, in jenem Anfang, den der Apostel Paulus mit der „Erstlingsfrucht“ vergleicht, ist unsere ganze Zukunft bereits mit eingeschlossen. In Christi Auferstehung ist auch der Anfang unserer Auferstehung, unseres Nicht-im-Tode-Bleibens geschehen.

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist der eigentliche Grund, warum wir Ostern feiern: Weil uns durch Jesus Christus ein Weg eröffnet ist, der nicht mehr am Lebensende in eine Sackgasse führt, der nicht in Dunkel und Tod, sondern im Licht und ewigen Leben bei Gott endet. Ostern bedeutet nicht nur Auferstehung und Leben für Jesus Christus, sondern auch für uns. Das ist die Osterbotschaft des Apostels Paulus für die Gemeinde in der Hafenstadt Korinth und für uns hier in Rheinbach.

Doch wo wird das greifbar für uns, die wir doch nach wie vor in einer Welt leben, die von Finsternissen, Kriegen, Machtstreben und auch von der Macht der Vergänglichkeit und des Todes beherrscht wird? Wo können wir uns vergewissern, dass wir nicht mehr die elendesten unter allen Menschen sein müssen, weil wir mitgemeint sind bei der Verheißung der Auferstehung?

Paulus sagt, dass alle, die in Christus sind, lebendig gemacht werden. „In Christus sein“ aber bedeutet, unter seiner Herrschaft stehen, ihm gehören, sich ihm unterstellen. Und das geschieht, ganz greifbar und konkret in den Sakramenten von Taufe und Abendmahl. In der Taufe werden wir Christi Eigentum, werden wir zu einem Glied am Leibe Christi, also untrennbar mit ihm verbunden, und zugleich dadurch aufgerufen, ihm nachzufolgen auf den Wegen des Friedens, der Barmherzigkeit und des Lebens.

Und im Abendmahl dürfen wir uns in dieser Zusage aus der Taufe immer wieder stärken und vergewissern lassen, dass wir „in Christus sind“, dass er uns seine Gemeinschaft schenkt und uns vergibt, wenn wir wieder einmal vom Wege abgekommen sind. Wer aber Gemeinschaft hat mit dem auferstanden Christus, der hat damit auch Anteil an der Verheißung der Auferstehung und des ewigen Lebens. Vorgeschmack auf das Himmelreich nennt der Apostel Paulus das Abendmahl daher an anderer Stelle.

Wenn wir daher am Ostermorgen uns ausdrücklich an unser Getauftsein erinnern und (auch Kinder taufen) miteinander in Jesu Namen das Abendmahl feiern, dann ist das nicht etwas, was wir in diesem Gottesdienst auch tun, sondern dann ist das unsere eigentliche Osterfeier, in der uns zugesagt wird:

In der Auferstehung Jesu Christi bist auch du mitgemeint, auch deine Zukunft über den Tod hinaus hat an Ostern begonnen, Gottes neue Schöpfung betrifft auch dich, du bist schon ein Teil von ihr geworden. Ostern feiern heißt, dass jede und jeder von uns als für ihn gültig annehmen und nachsprechen darf, was der Apostel Paulus vor 2000 Jahren der Gemeinde in Korinth einprägte: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“

Darum also haben wir allen Grund, fröhlich Ostern zu feiern: Wir alle werden einmal in der Nachfolge Christi zu Gottes großer Ernte des Lebens dazugehören! Gott sei Dank für seine unaussprechliche Gnade! Amen.

Pfr. Dr. Eberhard Kenntner