Predigt vom 24.03. – Jer 20

Evangelium nach Lukas

Gehalten von Pfarrerin Gudrun Schlösser

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Predigttext steht in Jeremia 20:

Gott, du hast mich verführt und ich habe mich betören und verführen lassen.
Du bist mir zu stark gewesen und hast mich überwältigt, ja vergewaltigt. Ich konnte nichts dagegen tun.
Jetzt verspotten mich alle, und ich mache mich mit meiner Arbeit lächerlich.
Denn wenn ich etwas sage, dann ist es immer derselbe Aufschrei: Das ist Unrecht! Das ist Gewalt!
Gott, dein Wort ist für mich zum Hohn geworden.
Wie oft dachte ich: Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr in Gottes Namen für mehr Gerechtigkeit kämpfen.
Aber ich konnte nicht anders, es ließ mir keine Ruhe; ich spürte es in meinem Herzen, in meinem Inneren wie eine innere Stimme, nein: wie ein verzehrendes Feuer.
Ich konnte es nicht ertragen; ich wäre zugrunde gegangen – ich musste weitermachen!
Hinter meinem Rücken reden sie über mich, sogar meine Freunde wollen nichts mehr mit mir zu tun haben.
Ich weiß nicht woher; aber dennoch ist Gott mir ein Halt in allem, was auf mich zukommt.

Ich schlage die Zeitung auf. Stellenanzeigen: „Mutiger Überbringer schlechter Nachrichten gesucht. Mit Anfeindung, Widerstand und Verfolgung ist zu rechnen:“
Welcher Witzbold hat das denn inseriert? Als wenn sich darauf jemand melden würde.
Wer überbringt schon gerne schlechte Nachrichten? Wer sagt dem Mitarbeiter, dass er gekündigt ist? Wer vermittelt das schlechte Ergebnis der Untersuchung? Wer überbringt die Todesnachricht?
Selbst versierte Chefs, routinierte Ärzte und geschulte Notfallseelsorger haben da ein flaues Gefühl. Wird er oder sie es mit Fassung aufnehmen oder gar zusammenbrechen? Wird er sich was antun? Wird sie mich angehen?
Schlechte Nachrichten überbringt keiner gerne. Und doch: Einer muss es tun!

Deshalb lässt Gott sich auch gar nicht darauf ein, für seine schwere Aufgabe einen Freiwilligen zu suchen. Er bestimmt einen. Sucht sich einen aus – und der muss es machen.
Seine Wahl fällt auf Jeremia. Der ist alles andere als begeistert. Im Gegenteil, er wehrt sich: Ich kann das nicht! Ich bin zu jung! Such dir einen anderen!
Aber Gott sagt: Nein, dich habe ich ausgesucht. Dich will ich senden. Aber sei sicher: ich werde bei dir sein.
Jeremias Auftrag ist schnell umrissen: Er soll den Menschen um 600 v.C. in Israel unverblümt die Wahrheit sagen: Ihr seid auf dem Holzweg! Ihr lebt verkehrt! Wenn ihr so weiter macht, geht ihr dem sicheren Untergang entgegen.
Was war so verkehrt an ihnen? Sie kümmerten sich schon lange nicht mehr um Gott und seinen Willen. Sie kümmerten sich nicht mal mehr ordentlich meinander. Jeder war sich selbst der Nächste – die Armen und Schwachen hatten sie längst vergessen. Sie vertrauten mehr ihren eigenen Plänen und Ideen als Gott, fühlten sich stark – schlossen Bündnisse und waren sich sicher: Uns kann nichts passieren.
Du, Jeremia, wirst es ihnen sagen – immer und immer wieder. Das ist ein undankbarer Job – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn da ist keiner, der sagt: Danke, Jeremia, dass du den Mut hast, uns das zu sagen. Danke, dass du uns aufmerksam machst, dass wir in die Irre laufen.
Im Gegenteil: Alle beschimpfen ihn. Spinner und Ruhestörer sind noch die harmlosen Beschimpfungen. Der hat doch keine Ahnung. Der soll uns in Ruhe lassen. Es läuft doch alles gut. Der soll die Klappe halten – und wenn er das nicht tut, dann sperren wir ihn eben ein, machen ihn mundtot.
Unser Leben ändern? – Das kommt gar nicht in Frage. Läuft doch!

Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor:
Da gehen Tausende von Jugendliche auf die Straße, um für Klimaschutz zu demonstrieren, für ihre Zukunft – und wir sagen ihnen: Geht doch lieber mal in die Schule. Ihr habt doch keine Ahnung. Überlasst das mal den Fachleuten. Die wissen schon was sie tun.

Jeremia wird verfolgt, eingesperrt, man trachtet ihm nach dem Leben. So weit geht es in unserem freien Land – zum Glück – nicht, aber wer den Mund aufmacht, wer unbequeme Wahrheiten benennt – ob bei der Elternpflegschaft oder am Stammtisch, bei der Demo oder in politischen Debatten – der muss mit Gegenwind rechnen, wird als Spinner, Querulant, Spaßverderber beschimpft – oder auch als unwissend oder naiv verunglimpft.  
In anderen Ländern wird er eingesperrt, mundtot gemacht, ausgewiesen  – denken wir an Journalisten, Aktivisten, Whistleblower, Andersdenkende. Man will die Unheilsbotschaft nicht hören. Man hält sie sich vom Leib, indem man den Propheten zum Schweigen bringt – ob mit Spott oder mit Gewalt – Hauptsache er stört unsere Ruhe nicht!
Aber ist das nicht genauso, als würde man aus einem piependen Rauchmelder die Batterie rausnehmen, um wieder Ruhe zu haben, anstatt zu löschen?
Sollten wir nicht lieber den Hut ziehen, vor denen, die unermüdlich auf Missstände hinweisen? Sollten ich denen nicht dankbar sein, die mich selbst mahnen, meinen Lebensstil zu hinterfragen. Sollte uns Ihre Gewissheit, dass Recht und Wahrheit siegen werden allem Augenschein zum Trotz, nicht eher beeindrucken?
Aber oft reagieren wir anders. Wer unbequeme Wahrheiten sagt, muss mit Gegenwind rechnen. Deshalb fällt es uns ja auch manchmal so schwer, das zu tun. Und trotzdem – Jeremia macht weiter, die Aktivisten machen weiter, die Journalisten schreiben weiter – trotz Gegenwind und Gefahr. Warum? Warum knicken sie nicht ein vor dem Machtgehabe? Warum bringt der Spott sie nicht zum Schweigen?
Weil es nicht geht!

Jeremia beschreibt das so: „Ich wollte ja aufhören. Habe mir gedacht: Ich halte die Klappe. Sollen sich doch andere den Mund verbrennen. Sollen sie doch sehen, wohin das führt, wenn sie weiter machen.
Aber es ging nicht. Das Wort brannte in mir. Ich konnte es nicht für mich behalten – nicht, was Gott mir gesagt hat, nicht, was ich gesehen, erlebt und erkannt habe. Es muss raus, sonst verbrenne ich!“
Gewünscht hat er sich das nicht so. Glücklich ist er damit nicht – im Gegenteil: die blanke Verzweiflung spricht aus seinen Worten. Schier ausweglos steckt er fest zwischen dem Zwang, das unbequeme Wort Gottes auszusprechen und der Ablehnung, die ihm sogar von seinen Freunden entgegenschlägt.
Einsam ist er.
Jeremia hadert. „Diese Aufgabe ist eine Zumutung, Gott. Was bist du für ein Gott, der das von seinen Leuten verlangt? Ich habe es gleich geahnt. Ich wollte das von Anfang an nicht. Aber du bist mir zu stark gewesen.“

Es gibt Aufgaben im Leben, die sind eine Zumutung. Die haben wir uns nicht ausgesucht, aber wir entkommen ihnen nicht.
Jeremia geht nicht zimperlich mit Gott um. Er schleudert seine Verzweiflung Gott entgegen. Das ist hart, vielleicht sogar blasphemisch, wenn er Gott einen Verführer, einen Vergewaltiger nennt.
Kann man, darf man so mit Gott reden? Immerhin handelt es sich nicht um einen ungerechten Chef – schon bei dem wären wir mit solchen Worten vorsichtig – sondern um Gott.
Ja, man kann! Vielleicht muss man sogar, um sich Luft zu machen, um nicht zu ersticken. Gott hält das aus!
Vielleicht ist es die einzige Möglichkeit, mit Gott in Kontakt zu bleiben  und den Glauben an Gott nicht gleich mit dem Auftrag über Bord zu werfen.
Gott will, Gott kann angesprochen werden. Wenn er uns Aufgaben gibt und in Situationen führt, die eine Zumutung sind, dann dürfen wir uns auch ihm zumuten – auch mit unserem Frust, auch mit unserer Verzweiflung und unserem Zweifel, auch mit unserem Zorn.

Jeremia geht diesen Weg – den einzigen Ausweg in einer schier ausweglosen Situation. Er klagt, er klagt sogar an. Er sucht sich ein Gegenüber – und wendet sich mit seiner Klage gleich an Gott. Schließlich hat der das alles zu verantworten.
Und dann ist sie plötzlich da, Erinnerung an seine Berufung, die Erinnerung an Gottes Zusage: Ich bin mit dir? Mitten in der Klage kommt Jeremia auf einmal zu der Aussage: Aber ich bin nicht allein! Gott ist an meiner Seite!
Das kommt ein bisschen unvermittelt, oder? Der Stimmungsumschwung geht mir zu schnell. Gerade noch mit Gott gehadert und jetzt soll alles wieder gut sein. Das kann doch gar nicht sein.
Aber erstens sagt Jeremia ja gar nicht, dass alles wieder gut ist. Die Situation bleibt wie sie ist. Er ist sich nur plötzlich wieder etwas sicherer, dass Gott auf seiner Seite und nicht gegen ihn steht.
Und zweitens glaube ich: schnell und leicht geht das auch bei Jeremia nicht. Dieses Vertrauen ist hart errungen und es bleibt auch ziemlich zerbrechlich.
Seine Krise ist damit nicht ein für alle Mal überwunden. Er schwankt weiter. Wer ist denn Gott – der, der zu Unzumutbarem zwingt oder der, der sein Versprechen hält.
Manchmal scheint die Erinnerung an Gottes Zusage und die Hoffnung, dass sie trägt, nur ganz zaghaft durch die Klage hindurch. Aber sie hilft ihm, in auswegloser Situation einen Schritt weiter zu gehen.

Gottes Aufträge sind nicht immer nur harmlos. Wir dürfen in seinem Namen trösten und von seiner Liebe erzählen, Menschen bestärken und aufrichten.
Aber manchmal fordert Gott von uns auch klare Worte, Widerspruch und Widerstand, da sind wir gefordert, auf Missstände und Fehlentwicklungen hinzuweisen, da ist es unsere Aufgabe, den Schwachen und Vergessenen eine Stimme zu geben. Wenn Gottes Recht, seine Schöpfung, seine Geschöpfe missachtet und mit Füßen getreten werden.
Wir drängen uns nicht nach solchen Aufträgen. Wer tut das schon? Lieber nehmen wir Aufträge an, die uns Zustimmung, positive Rückmeldungen und Lob einbringen, statt Gegenwind und Auseinandersetzung.
Aber manchmal müssen wir eben auch Mahner und Warner sein oder den Mahnern und Warnern zur Seite springen.
Dann kann es dazu gehören, einsam zu werden unter Andersdenkenden. Dann kann es dazu gehören, ausgelacht und verspottet zu werden. Dann kann es dazu gehören, dass der Auftrag uns an unsere Grenzen bringt.
Ich hoffe, wir können dann, wenn uns das Wasser bis zum Halse steht, genauso schonungslos zu Gott klagen und ihm unseren Frust entgegenschreien wie Jeremia. Notfalls, wenn wir uns nicht trauen, müssen wir uns seine Worte dazu leihen.
Vielleicht können wir uns sogar nicht nur seine Klage, sondern auch sein Vertrauen leihen: Gott ist an meiner Seite!
Diese Zusage steht und bleibt. Auch wenn uns Spott und Ablehnung entgegen kommen. Auch wenn die Aufgabe eine Zumutung ist. Auch wenn wir mit dem, was wir tun und ertragen müssen, an unsere Grenzen kommen.

Der Herr ist bei mir wie ein starker Held, sagt Jeremia, und Rudolf Alexander Schröder dichtet 1939:
Es mag sein, dass alles fällt, dass die Burgen dieser Welt um dich her in Trümmer brechen.
Halte du am Glauben fest, dass dich Gott nicht fallen lässt. Er hält sein Versprechen.

Manchmal lässt sich von Vertrauen leichter singen als reden. Deshalb lassen Sie uns gemeinsam dieses Lied singen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Author: Annegret Schlösser

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