Evangelium nach Lukas

Predigt vom Buß- und Bettag

Gudrun Schlösser

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!
Gemütlich sitzen alle in der Wohnstube zusammen. Vor jedem  steht ein Kaffeegedeck. Alle sind gekommen. Alle Stühle sind belegt.
Da klingelt es.
Wer kommt denn jetzt? Es sind doch schon alle da! Wir erwarten keinen mehr.
Ist bestimmt wieder einer, der einem irgendwas andrehen will.
Ich geh mal hin und sag: Wir brauchen nix!
Ich bin eingeladen. Zum Geburtstag. Was bringe ich nur mit? Als ich die Freundin gestern fragte: Womit kann ich dir denn eine Freude machen?
Antwortete sie prompt: Ich hab alles! Ich brauche nix!
Ups – das hatte ich doch gar nicht gefragt. Ist ja schön, alles zu haben und unabhängig zu sein. Aber – eigentlich auch schade, wenn man der anderen mit so gar nichts mehr eine Freude machen kann.
Wir brauchen nix! Wir haben doch alles! Das sagt auch die Gemeinde in Laodicea vor fast 2000 Jahren.
Ja, rein äußerlich betrachtet haben sie Recht. Längst nicht allen Gemeinden geht es so im damaligen Kleinasien. Aber sie hatten es geschafft.
Die Stadt lag günstig für Wirtschaft und Handel. Die Stoffproduktion und –Färberei fanden guten Absatz und längst hatte sich ein kleiner Finanzstandort in Laodicea gebildet mit einem gutgehenden Bankengewerbe. Und dann gab es sogar noch ein drittes Standbein – eine Ärzteschule und damit verbunden Forschung, Entwicklung und Verkauf medizinischer Produkte. Sie konnten wirklich zufrieden sein.
Wir brauchen nix! Hatten sie auch gesagt, als vor gut 30 Jahren ein Erdbeben die Stadt dem Erdboden gleich gemacht hatte – so schlimm, dass selbst Rom seine Unterstützung für den Wiederaufbau angeboten hatte.
Wir brauchen nix! Das schaffen wir alleine! Und sie hatten es geschafft. Man musste sich ihre Stadt heute nur mal ansehen. Prächtige Bauten, prachtvolle Straßen, blühender Handel.
Ja, ihnen geht es gut. Sie können mehr als zufrieden sein mit sich.

Hören wir, was der Seher Johannes, der Prophet, der im Namen Jesu spricht, in seinem Brief an sie schreibt.
Ich lese aus Offenbarung 3.

14 Dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes:
15 Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest!
16 Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.
17 Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.
18 Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.
19 Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße!
20 Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.
21 Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron.
22 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Wir brauchen nix! – Na, da scheint Johannes ja anderer Meinung zu sein. Können wir ihn verstehen?
Johannes mahnt: Sagt nicht leichtfertig: Wir brauchen nix. Eure Tüchtigkeit und euer Erfolg in allen Ehren, aber sie sind nicht alles. Vielleicht ist da auch manches und mancher auf der Strecke geblieben. Vielleicht ist auch alles zu selbstverständlich geworden für euch. Klar: Ihr habt euch sicher eingerichtet, eure Wirtschaft floriert, selbst in der Katastrophe habt ihr keine fremde Hilfe gebraucht.
Ja, ihr seid richtig tüchtig und viele werden euch darum beneiden und dafür bewundern.
Aber haltet jetzt einmal inne. Lasst euch unterbrechen, zieht Bilanz. Seid ehrlich zu euch. Seid nicht vorschnell in eurer Einschätzung. Gebt euch nicht zu schnell zufrieden.
Sicher, es läuft alles rund bei euch, aber brennt ihr noch für irgendetwas? Begeistert euch etwas so, dass ihr euch mit ganzer Kraft dafür einsetzt – außer für eure Geschäfte? Regt etwas euren Widerstand? Regt ihr euch noch auf über Missstände? Habt ihr den Mumm, etwas ändern? Sehnt ihr euch noch nach was?
Satt und zufrieden sitzt ihr in eurerGemeinde wie in einer Wohnstube – ihr kennt keinen Ärger und ihr kennt keine Begeisterung! Lauwarme Langeweile – attraktiv ist das nicht.
Sagt also nicht voreilig: Wir brauchen nix! Schaut genau hin, ob nicht doch etwas fehlt. – Nein, nichts was ihr mit noch mehr Anstrengung erwirtschaften könnt – kein neuer Wirtschaftszweig, kein neuer Arbeitsbereich, nicht noch ein weiteres Gewerbe.
Das, was euch fehlt, das könnt ihr nichterwirtschaften: das Feuer der Begeisterung, die Wärme der Liebe, die heiße Entrüstung, die sprudelnde Lebendigkeit.
Aber das alles könnt ihr euch nur schenken lassen.
Vielleicht müssen sie das erst wieder lernen, sich was schenken zu lassen. Vielleicht hatten sie bei allem Erfolg verlernt, sich etwas schenken zu lassen, verlernt, auf etwas anderes als auf die eigene Tüchtigkeit und das eigene Tun zu vertrauen.
Das was euch fehlt, das lässt sich nicht auf Heller und Pfennig ausrechnen. Das zeigt sich weder in Prachtstraßen und pompösen Gebäuden noch in Rücklagen oder Aktienkursen.
Ihr wisst doch, wie schnell all diese Dinge auch zusammenbrechen können. Das ist nichts für die Ewigkeit. Ein Feuer, ein Erdbeben – und alles ist weg.
Was euch fehlt ist ein Reichtum, der nicht durch ein Erdbeben oder andere Katastrophen zerstört wird, der auch Krisen stand hält.  
Johannes ist hart in seinem Urteil. Aber es geht ihm nicht darum, die Gemeinde zu beschimpfen, fertig zu machen oder bloß zu stellen. Wem wäre damit geholfen.
Johannes, der Bote Jesu Christi, macht sich Sorgen um die Gemeinde – mehr noch – er sagt: Jesus selbst macht sich Sorgen um sie. Er liebt sie doch. Sie sind vom Kurs abgekommen. Nicht, dass sie sich bewusst abgewendet hätten. Aber schleichend war anderes wichtiger geworden. Er wünscht sich nicht mehr, als dass sie aufwachen, ihren Mangel erkennen und sich von ihm helfenlassen.
Ihr dürft euch ändern und euch helfen lassen. Ihr seid nicht verdammt, für immer so weiter zu machen. Kehrt um!
Wohin? Zu ihm, zu Jesus Christus. Er steht vor der Tür und klopft an.
Hoffentlich sagen sie jetzt nicht: Wer ist denn das? Es sind doch schon alle da! Hoffentlich öffnen sie ihm die Tür, denn er hält bereit, was ihnen fehlt.
Gold, das im Feuer geläutert wurde. Keine Wertpapiere, deren Kurs schnell verfallen kann, keine Häuser, die in sich zusammenbrechen können. Sondern Gold – durch das Feuer gegangen. Das hat die Krise schon hinter sich und hat sie überstanden. Ein lebendiger Glaube, der auch Krisen stand hält; ein Vertrauen, das auch in schweren Zeiten trägt; eine Liebe, die selbst der Tod nicht auslöschen kann. Das ist ja nichts Neues für sie. Sie sind doch seine Gemeinde. Vielleicht erinnern sie sich an das Feuer und die Begeisterung der Anfangszeit, die im Laufe der Zeit dem Alltag gewichen sind.  
Strahlendweiße Kleider hält er für sie – die Tuchmacher – bereit – und sie erinnern sich an den Anfang, an die Taufe. Da war ihnen als Zeichen für den Neuanfang ein weißes Kleid umgelegt worden. Die schwarzen Kleider der Trauer, das Grau des Alltags, die fleckigen und vom Leben gezeichneten Plünnen hatten sie ablegen dürfen und mit dem weißen Kleid ganz neu anfangen. Er hält dieses Kleid bereit. Wenn ihr wollt, legt er es euch täglich auf’s Neue um. Auch nach Versagen und Scheitern lässt er euch neu anfangen.
Augensalbe, die mehr bewirkt als ihre Medizin, die die Augen und den Blick öffnet. Damit können sie sich selbst erkennen – und ihre eigene Bedürftigkeit. Damit können sie ihn erkennen, der ihnen gibt, was sie zum Leben brauchen. Damit können sie aber auch den anderen erkennen, in seiner Bedürftigkeit – den, der in ihrer satten Zufriedenheit langsam aus dem Blick geraten ist, allenfalls ab und an als Objekt von Spenden eine Rolle spielte; den der ihren Reichtum mit seiner Arbeit erst möglich macht und doch keinen Anteil daran hat.
Sagt nicht: Wir brauchen nix! Das ist ein gefährlicher Satz. Er gaukelt falsche Sicherheit vor und macht blind und taub für den, der vor der Tür steht und anklopft.
Heute am Bußtag sind wir eingeladen, inne zuhalten. Einmal nicht weitermachen wie bisher. Bilanz ziehen.
Dankbar, für das was wir haben, was funktioniert, was gut läuft, was gelingt – in unserem Leben, in unserer Familie, in unserer Gemeinde, in unserem Staat.
Aber auch ehrlich. Wir müssen nicht selbstzufrieden sagen: Wir brauchen nix!
Wir dürfen ohne Scham bekennen, was uns fehlt. Was falsch läuft. Wo wir schuldig geworden sind und immer wieder schuldig werden. Wo eine Sehnsucht in uns schlummert, die wir nur ganz selten zulassen. Wo uns der Mut zu Veränderung fehlt. Wo wir uns selber hilflos und überfordert fühlen und nicht weiter kommen.
Wir dürfen unseren Mangel wahrnehmen und anschauen, müssen ihn nicht mit satter Selbstzufriedenheit und Sicherheit überspielen. Keine Angst davor, denn er, der uns schenken will, was uns fehlt, steht schon vor der Tür.
Er will unseren Blick weiten. Er will uns den Mut, die Kraft und das Vertrauen geben, Dinge beim Namen zu nennen und anzupacken. Er will zurecht bringen, was schief läuft. Er will uns auch nach Scheitern immer wieder einen neuen Anfang schenken.
Er wartet nur darauf, eingelassen zu werden. Er wartet nur darauf, dass wir ihn einlassen in unsere Pläne und unser Leben und ihm zwischen all unserer Tüchtigkeit und unserem Versagen etwas zutrauen.
Er steht vor der Tür und klopft an. Und er hat das Gold, die weißen Kleider und die Augensalbe im Gepäck.
Wir sollten jetzt nicht sagen: Wer kommt denn jetzt? Wir brauchen nix! Der, der kommt, den kennen wir und er kennt uns.
Und das, was er mitbringt, das brauchen wir, das haben wir sogar bitter nötig.
Wir sollten uns zu unserer Bedürftigkeit bekennen, ihm die Tür öffnen und ihn bitten: Komm in unsre stolze Welt!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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