Evangelium nach Lukas

Predigt vom 4. November 2018

23.Sonntag nach Trinitatis
Von Irmela Richter

Römer 13,1-7

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Am Reformationsfest hörten wir Sätze aus dem Brief des Apostels Paulus an die Galater. Darin heißt es: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.“
In seinem Brief an die Gemeinde in Rom scheint Paulus eine ganz andere Haltung einzunehmen. Ich lese einen Abschnitt aus dem 13. Kapitel des Römerbriefes aus der ökumenischen Einheitsübersetzung von 1980.

1 Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt.
2 Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen.
3 Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der staatlichen Gewalt leben, dann tue das Gute, sodass du ihre Anerkennung findest!
4 Sie steht im Dienst Gottes und verlangt, dass du das Gute tust. Wenn du aber das Böse tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht nämlich im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut.
5 Deshalb ist es notwendig, Gehorsam zu leisten, nicht allein aus Furcht vor der Strafe, sondern vor allem um des Gewissens willen.
6 Das ist auch der Grund, weshalb ihr Steuern zahlt; denn in Gottes Auftrag handeln jene, die Steuern einzuziehen haben.
7 Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid, sei es Steuer oder Zoll, sei es Furcht oder Ehre.

Liebe Schwestern und Brüder,
dieser Predigttext unter der Überschrift „Der Christ und die staatliche Ordnung“ ist eine echte Herausforderung. Er scheint so gar nicht in unsere Zeit zu passen, in der Regierungen nach demokratischen Wahlen alle paar Jahre neu gebildet werden. Die Vorstellung, dass die Regierung von Gott eingesetzt ist und es darum notwendig ist, sich den Anweisungen von oben unterzuordnen, hat aber lange in der deutschen und europäischen Geschichte gewirkt.
Es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt, schreibt Paulus.
Pippin der Jüngere, der Vater von Karl dem Großen, war der Erste einer langen Reihe von Königen und Kaisern, die sich vom Papst zum König salben ließen. Bis dahin wurde der Herrschaftsanspruch mit der Abstammung aus der königlichen Familie begründet. Pippin aber hatte seinen Vorgänger gewaltsam abgesetzt und brauchte daher ein neues Zeichen der Legitimation. Über Jahrhunderte hinweg ließen sich Könige und Kaiser mit dem Segen der Kirche inthronisieren. Der Zusatz VGG hinter ihrem Namen – von Gottes Gnaden – bekräftigte ihren Herrschaftsanspruch. Kritik an ihrer Regierung war beinahe undenkbar.
In der Zeit der Reformation wurden nicht nur kirchliche,sondern auch gesellschaftliche Zustände in vielen Bereichen hinterfragt. Bauern schlossen sich zusammen, um eine Verbesserung ihrer Lebensumstände u.a. mit militärischen Mitteln zu erreichen. Zu Ostern 1525 richteten aufständische Bauern in Weinsberg ein furchtbares Blutbad an Vertretern des Adels an.
Unter Bezug auf unseren heutigen Predigttext ermutigte Martin Luther die Fürsten, die aufständischen Bauern mit Gewalt niederzuschlagen. Wörtlich schreibt er: „man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss“
(Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren, 1525).
Damit verfestigte Martin Luther den Satz: Seid untertan der Obrigkeit.
Bis ins 20. Jahrhundert hinein wirkte dieser Satz nach. Gehorsam und Disziplin, Tugenden unserer Eltern und Großeltern, standen mit der Bewegung der 1968er zur Diskussion. Die Erfahrung eigener Machtlosigkei tspricht aus der Feststellung, dass die da Oben sich sowieso nicht für mich hier unten interessieren. „Die staatliche Gewalt steht im Dienst Gottes. Es ist notwendig, Gehorsam zu leisten“, so galt es viele Jahrhunderte lang.

Ich möchte verstehen, warum Paulus die Leser des Römerbriefes dazu auffordert, sich der staatlichen Macht unterzuordnen, obwohl er doch an anderer Stelle und an andere Adressaten von der Freiheit spricht, zu der uns Christus befreit hat.
Der Gedanke, dass wir gut daran tun, uns an Gesetze zu halten und die Gebote zu achten, ist nachvollziehbar. Wer sich nicht daran hält, dem droht die strafrechtliche Verfolgung. So betrachtet ist die Justiz der verlängerte Arm Gottes in unserer Welt.
Doch können wir heute wirklich noch die Aussage unterschreiben, dass die Regierungen von Gott eingesetzt sind und wir aus diesem Grund in jedem Fall uns unterzuordnen haben?
Der Predigttext ist wie jeder Predigttext nur ein Ausschnitt aus einem größeren Zusammenhang. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, worum es Paulus geht, lohnt sich ein Blick auf den Gesamtzusammenhang des Römerbriefes.
Rund 20 Jahre, nachdem Jesus am Kreuz gestorben war, gab es bereits eine christliche Gemeinde in Rom. Paulus möchte diese Gemeinde sehr gerne kennenlernen, muss aber zunächst noch einmal nach Jerusalem reisen. Darum schreibt er vorab den Römern einen Brief. Er fasst wichtige Aspekte des christlichen Glaubens zusammen und gibt Hinweise für eine aus dem Glauben resultierende, gute Lebensführung.
Paulus ist es wichtig, dass alle Menschen an Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, glauben dürfen und können, unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem sozialen Status.
Jeder Mensch hat die Möglichkeit, zum Glauben an Jesus Christus zu finden.
Wer an Jesus Christus glaubt, der geht mit Gott eine Beziehung ein.
Wer glaubt, vertraut darauf, dass Gott ein Ansprechpartner ist für alles, was uns bewegt.
Wer glaubt, erfährt die Liebe Gottes an der eigenen Person.
Wer glaubt, lebt in der Hoffnung auf Rettung in Gottes Gericht am Ende aller Zeiten.
Wer glaubt, der wird allein durch seinen Glauben vor Gott gerecht und nicht durch das penible Einhalten von religiösen Vorschriften und Geboten.
Der Glaube lässt sich als lebendige Beziehung zwischen Mensch und Gott beschreiben, bei dem der Mensch sich und sein Leben vollständig in Gottes Hand legt und Gott dem Menschen seine Liebe und Gnade entgegenbringt, ohne von dem Menschen zuvor besondere Leistungen zu verlangen.
Dieser Glaube hat Folgen für das Leben der Menschen. Wer glaubt, hat es nicht nötig, religiöse oder staatliche Gesetze zu übertreten. Wer glaubt, wird seinen Mitmenschen mit Liebe und mit Achtung gegenüber treten. Die Glaubenden erleben, dass jeder Einzelne mit seinen individuellen Fähigkeiten einen wichtigen Beitrag für die Gemeinschaft leisten kann. So wird aus der Gemeinschaft der Glaubenden eine lebendige Gemeinde.
All das erläutert Paulus in seinem Brief an die Römer in Argumenten und anhand von praktischen Beispielen. Dazu gehören dann auch das richtige Verhalten gegenüber den staatlichen Gewalten, die Beachtung staatlicher Gesetze sowie die Zahlung von Steuern.

Darum schreibt Paulus:
„Es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt.
2 Wer sich der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes.
4 Denn die staatliche Gewalt steht im Dienst Gottes.“

Das mag in dem Rechtssystem der antiken römischen Welt durchaus richtig und vernünftig gewesen sein. Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts und aktuelle Entwicklungen in vielen Ländern geben Anlass, Paulus nicht in allem blind zu folgen.
Die Bekenntnissynode in Barmen hat Stellung bezogen gegen die falsche Theologie der sogenannten „Deutschen Christen“ und gegen die nationalsozialistische Herrschaft unter Adolf Hitler.

In These V heißt es:
Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt,[…] unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden. [……]

Es ist wichtig, wachsam und aufmerksam zu sein, Fehlentwicklungen zu erkennen und wenn es nötig ist, sich zu Wort zu melden. Die Heilige Schrift ist der Maßstab, den wir als Christen an unser eigenes Handeln als auch an das Handeln der Regierung anlegen. Wenn wir Fehlentwicklungen erkennen, dann dürfen wir nicht schweigen.
Regierungen und die von ihnen beauftragten Sicherheitsorgane haben das Recht, Zwangsmaßnahmen oder Gewalt anzuwenden, wenn die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet ist.
Ich erwarte von der Regierung, dass sie mich nach bestem Wissen und Vermögen vor Straftätern schützt. Ich erwarte, dass Verbrechen aufgeklärt, die Täter gefasst und in einem rechtsstaatlichen Verfahren verurteilt werden.
Es gibt aber Staaten, die auf verschiedenen Wegen versuchen, Menschen mundtot zu machen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit kritisch über ihre Regierung äußern.
Sie werden mit fadenscheinigen Begründungen zu jahrelanger Haft verurteilt.
Sie fallen Anschlägen zum Opfer, die Täter werden selten oder erst nach langer Zeit ermittelt.
Bürger werden aufgefordert, Nachbarn, Freunde, Angehörige zu denunzieren. Seit neuestem gibt es in einem Land sogar eine Handy-App mit direkter Verbindung zur Polizei.
Die Pressefreiheit wird in vielen Ländern stark eingeschränkt, unabhängige Berichterstattung wird immer schwieriger.
Damit Urteile so ausfallen, wie die Regierung es wünscht, werden unparteiische Richter durch linientreue Kollegen ersetzt oder die Justiz per Gesetz der Legislative unterstellt.
Regierungen, die zu solchen Methoden greifen, verlassen allmählich aber sicher den Boden der Rechtstaatlichkeit. Das geschieht nicht von heute auf morgen, sondern schleichend und über einen längeren Zeitraum. Darum fällt es oft so schwer, die Richtung der Veränderungen zu erkennen. Doch gerade hier müssen wir wachsam bleiben und die Missstände als solche benennen.
In unserem Land fühlen sich immer mehr Menschen benachteiligt. Sie haben die Hoffnung auf ein besseres Leben verloren. In ihnen staut sich eine Wut an, die sich jederzeit entladen könnte. Populistische Propaganda fällt hier auf fruchtbaren Boden. Ich meine, es ist an der Zeit, dass wir unsere Stimme erheben. Wir wissen aus unserer Geschichte nur zu gut, wie leicht Unzufriedenheit und Wut in Wahlerfolge verwandelt werden können.
Als Christen sind wir Teil dieser Welt. Es ist unsere Aufgabe, dazu beizutragen, dass diese Welt für alle Menschen lebenswert ist und bleibt. Es ist unsere Aufgabe, in die Welt hineinzuwirken und unsere Freiheit zu verteidigen. Und es ist unsere Aufgabe, den Menschen von unserem Glauben und unserer Hoffnung auf die zukünftige Welt zu erzählen.
Gott möge uns den Mut und die Kraft dazu schenken, dass wir unsere Hoffnung weitergeben. Denn wir vertrauen darauf, dass Christus uns zur Freiheit befreit. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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