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Predigt Himmelfahrt 2017

Pfarrer Dr. Diethard Römheld

1 Könige 8, 22–24 und 26–28
Es war bei der Einweihung des Tempels in Jerusalem:
Da trat Salomo vor den Altar des Herrn.
Und die ganzen Gemeinde Israels schaute zu.
Salomo hob seine Hände zum Gebet zum Himmel und sprach:
„O Herr, Du Gott Israels!
Kein anderer Gott ist Dir gleich,
weder oben im Himmel noch unten auf Erden!
Denn du hältst fest am Bund mit deinen Knechten
und bleibst denen gnädig,
die sich in ihrem Leben auf dich verlassen.
Du hast wahr gemacht,
was Du Deinem Knecht, meinem Vater David, verheißen hast.
Ja, was Dein Wort angekündigt hat,
das hat Deine Hand heute vollendet.
(Gemeint ist die Vollendung des Tempelbaus!)

O Herr, Gott Israels,
lass jetzt auch jenes Wort wahr werden,
das Du auch zu Deinem Knecht, meinem Vater David, geredet hast.
(Gemeint ist das Versprechen Gottes, im Tempel wohnen zu wollen!)
Willst Du wirklich auf Erden wohnen?
Siehe, der Himmel, ja selbst der Himmel aller Himmel
kann Dich nicht aufnehmen!
Wie viel weniger dann dieser Tempel,
den ich gebaut habe!
(Doch egal, wo du wohnst:)
Wende Dich dem Gebet Deines Knechtes
und seinem Flehen zu!

O Herr, mein Gott, höre diese meine Bitte!“

Tja, spannende Sache: Es ist Himmelfahrt, der Tag, an dem wir uns daran erinnern, dass Jesus in den Himmel emporgehoben wurde. Und dann darf König Salomo mit seinen Zweifeln zu Wort kommen? „Gott ist größer als alle Himmel!“ Unsere Rede vom Himmel kann bestenfalls symbolisch gemeint sein, der gestirnte Himmel über uns ist nämlich nicht wirklich Gottes Aufenthaltsort! Wir ahnen es schon länger: Gott ist nicht der alte bärtige Herr, der sich da oben hinter den Wolken oder im Blau versteckt. Wie sprachen die russischen Kosmonauten: Wir waren oben, wir haben ihn nicht gesehen! Dass schon König Salomo rund 1000 Jahre vor Christus Gott nicht im Himmel suchen wollte, klingt mehr als modern. Doch die Frage des Salomo: „Gott, wenn nicht im Himmel, wo bist Du denn dann? Und hörst Du überhaupt mein Gebet?“, die ist nicht minder modern …
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Predigt: Der Sabbat

Pfarrer Dr. Diethard Römheld

Markus 2,23–27*
An einem Sabbat ging Jesus durch die Felder.
Unterwegs rissen seine Jünger Ähren von den Halmen.
Da sagten die Pharisäer zu ihm:
„Sieh nur, was sie tun.
Das ist am Sabbat verboten.“
Er antwortete ihnen:
„Habt ihr denn nicht gelesen,
was David getan hat,
als er und seine Männer in Not waren
und Hunger hatten?
David ging in das Haus Gottes
und aß von den Broten auf dem Altar.
Dabei durften eigentlich
nur die Priester davon essen.
Aber David gab sogar seinen Kämpfern von den Broten.“
Und Jesus sagte zu den Pharisäern:
„Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht,
nicht den Menschen für den Sabbat!“

Abschaffung des jüdischen Sabbats

Ach ja, der Sabbat! Gäbe es den nicht, müsste er glatt erfunden werden, damit Jesus ausreichend Gelegenheit hat, sich abzugrenzen von den Erwartungen seiner Zeitgenossen! Am lockeren Verhältnis zum Sabbat und seinen Gesetzen sollt ihr Jesus erkennen, scheinen die Evangelien erzählen zu wollen.
Die Begehung des Sabbats ist selbst unter wenig religiösen Juden bis heute absolut selbstverständlich, identitätsstiftend sozusagen. Sie kennen vielleicht die alte jüdische Anekdote zum Thema:

An einem Sabbat ertappt der Rabbi seinen Schwiegersohn beim Zigarettenrauchen und fällt über ihn her: „Du Heide! Du Schabbes-Schänder! Du Verräter!“ Darauf der Schwiegersohn kleinlaut: „Ich hab vergessen, wie ich leben soll!“ – „Was heißt: vergessen? Wie kann ein Jude vergessen, dass Schabbes ist?’ – „Gott behüte! Ein Jude kann das nicht vergessen!“ – „Was denn? Hast du vielleicht vergessen, dass ein Jude am Schabbes nicht rauchen darf?“ – „Gott behüte! Was fällt dir ein, dass ein Jude so was vergessen könnte!“ – „Was hast du denn vergessen?“ „Ich hab ganz einfach vergessen, dass ich ein Jude bin.“

Hat Jesus hier auch vergessen, dass er Jude ist? Oder will Jesus gar kein Jude mehr sein? Erleben wir hier gerade die Abschaffung des Sabbats? Diese Geschichte wird oft für das Paradebeispiel grundlegender Kritik an der jüdischen Gesetzlichkeit gehalten.

Jesu Heiligung des Sabbats

Wer sich in seiner Bibel ein wenig auskennt, wird wissen, dass Jesus an keiner Stelle den Sabbat abgeschafft hat. Jesus selbst besucht am Sabbat die Synagoge, heute würden wir sagen: Er geht in die Kirche, betet, liest die heiligen Texte, predigt und sucht mit seinen Wunderheilungen Gottes Werk im menschlichen Tun sichtbar werden zu lassen. Denn es ist doch gerade dem Sabbat angemessen, Gutes zu tun! Nein, es bleibt dabei, für Jesus müsste der Sabbat erfunden werden, gäbe es den nicht längst. Der Sabbat bleibt auch für Jesus ein Zeichen zwischen Gott und den Menschen, dass sie beide zusammengehören, gemeinsam durch ihr Leben gehen.

Und wer sich ein wenig im antiken Judentum auskennt, könnte auch wissen, dass jener berühmte Jesussatz:
Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht, nicht den Menschen für den Sabbat! ursprünglich gar nicht von Jesus stammt. Jesus zitiert hier eine ältere jüdische Lehre. Die Spuren jenes Satzes reichen bis ins 2. Jh. vor Christi Geburt zurück! Unser Gefühl: Wir sind im Recht, jene im Unrecht, trügt. So billig ist die Botschaft für den heutigen Sonntag nicht zu haben!

Die Heiligung des Menschen am Sabbat

Es lohnt sich, noch einmal genauer hinzuschauen, was Jesus hier seinen Zeitgenossen mitgeben will: Habt ihr denn nicht gelesen, was David getan hat, als er und seine Männer in Not waren und Hunger hatten? David ging in das Haus Gottes und aß von den Broten auf dem Altar. Dabei durften eigentlich nur die Priester davon essen. Aber David gab sogar seinen Kämpfern von den Broten.

In jener alttestamentlichen Episode ist David mit seinen wenigen Kämpfern auf der Flucht vor König Saul. Erschöpft und hungrig stoßen sie auf einen Tempel Gottes. Dort liegen, jeden Sabbat frisch, Opferbrote auf dem Altar, leicht angeröstet vom begleitenden Weihrauch. Der Duft ist Gottes Anteil, die Brote selbst dürfen, oder soll ich sagen: müssen die Priester essen. Gott teilt sozusagen das am Sabbat ihm gebrachte Opfer mit den Menschen. Auch hier geht es um die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch: Das Brot bringt Gott und Mensch zueinander. Als nun David mit seiner Truppe auftaucht, stellt sich, liest man im Alten Testament genauer nach, nicht die Frage: Dürfen die davon essen? Die Frage des Hohen Priesters ist vielmehr: seid ihr kultisch rein, habt ihr euch vorbereitet darauf, Gott gegenüberzutreten und mit ihm zusammen zu essen?

Meine These ist auf den ersten Blick vielleicht gewagt, liegt aber auf der Linie des alttestamentlichen Argumentes: Wer am Sabbat mit Gott isst, wer am Sabbat Gottes Wort vernimmt, Gottes heilendem Willen begegnet, der ist selbst heilig, wird in Gottes Heiligkeit eingebettet. Nicht WIR machen den Feiertag heilig für Gott, sondern Gott macht Seinen Tag heilig für uns, trägt von Seiner Heiligkeit in unser Leben. Oder in Jesu Worten: der Mensch ist nicht dazu da, den Sabbat für Gott heilig zu machen, sondern der Sabbat ist dazu da, dass Gott Seine Heiligkeit mit den Menschen teilt. Und ganz besonders mit den Menschen auf der Flucht wie damals bei David, und den Menschen, die hungert, wie hier bei den Jüngern.

Was geht uns das an?

Besonders steil wird meine Auslegung bei der Frage, wer denn heute, unter uns, Adressat dieser Heiligkeit ist, wem denn der Sabbatsegen heute gilt. Alttestamentlich betrachtet sind WIR jedenfalls nicht auf der Flucht. Neutestamentlich betrachtet sind WIR jedefalls nicht hungrig, leben auch nicht von der Hand in den Mund. Aber auch WIR meinen immer wieder zu wissen, was uns heilig ist und wie das unangetastet bleiben muss. Dabei hat Jesus gerade nicht gesagt: Der Sabbat ist für EUCH da, sondern: Der Sabbat ist für den Menschen da. Und das war in dem Predigttext gerade der Andere! Es geht nicht darum, das zu erhalten, was Ihr für heilig, für unantastbar haltet, sondern um das, oder besser, um diejenigen, die Gott heilig sind, die Gott Seiner Zuwendung wert sind. Und ich fürchte, von denen gibt es im Moment sehr viele unter uns! Und leider noch viel mehr vor unseren Grenzen. Die Frage dieses Predigttextes könnte sein, und ich spreche das mit bangem Herzen aus: für wen wird heute mitten unter uns Sonntag, Sabbat, Gottes heiliger Tag werden? Wer darf heute die Ähren unseres eigenen Ackers raufen, rupfen, essen? Mit wem will heute Gott die Gaben seiner Schöpfung teilen? Ja, das geht uns ähnlich schwer runter wie einst jenen Zeitgenossen Jesu. Wir fürchten den Untergang des Abendlandes, wenn alle dürfen, die müssen. Gott hingegen fürchtet den Untergang Seiner Schöpfung. DAS macht diese Geschichte so bitter, damals wie heute!

Lassen Sie mich noch ein Wort hinzufügen, aus meiner Rolle als Pfarrer heraus, bei Jesus jedenfalls steht es so nicht: Selbst die wirklich Wohlmeinenden unter uns, selbst die, die sich noch sehr lebendig an eigene Flucht und Vertreibung nach dem letzten Krieg erinnern, spüren die Angst, dass unsere Gesellschaft muslimisch werden könnte und wir uns in der eigenen Gesellschaft nicht mehr zuhause fühlen werden. Mir als Pfarrer geht dabei durch den Kopf: Wir können nur erhalten, was wir auch aktiv leben, was uns selbst wichtig ist. Ein Sonntag der leeren Kirchen ist irgendwann kein Sonntag mehr. Unsere Angst vor dem muslimischen Freitagsgebet erzählt vielleicht mehr über uns selbst und unsere faulen Kompromisse als über eine wirkliche Bedrohung durch das Fremde.

Und mit diesem Predigttext füge ich hinzu: der Sabbat ist nicht der Tag, an dem alles bleibt, wie es ist, sondern an dem Gottes Heiligkeit der Welt gegenübertritt, um Seinen Willen aufzurichten. Dazu nimmt Gott auch uns in seinen Dienst.

Amen