Die Lindenholzstele (Ausschnitt)

Die Lindenholzstele in unserer Gnadenkirche

Die frohe Botschaft vom gnädigen Gott

Lukasevangelium Kap. 15, Vers 11-32

Die Lindenholzstele Gnadenthaler Künstlers Andreas Felger
Lindenholzstele; © Andreas Felger Kulturstiftung, www.af-kulturstiftung.de

Wie bei vielen Arbeiten des Gnadenthaler Künstlers Andreas Felger bestimmt eine Kreuzform den Aufbau und das Zentrum des Bildes.
Damit stellt es sich in den Dienst der Verkündigung der gnädigen Zuwendung Gottes zu uns Menschen, wie sie im Wirken Jesu Christi, seinem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung für uns geschehen ist.

Was solche gnädige Zuwendung Gottes konkret bedeutet, hat Jesus im Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt: Ein Sohn fordert von seinem Vater sein Erbe, sagt ihm damit, dass er für ihn "gestorben" sei, zieht fort und bringt das Geld mit Prassen durch. Als er am Ende ist und selbst die Schweine um ihr Futter beneidet, besinnt er sich darauf, einmal ein "Vaterhaus", einen Ort der Geborgenheit und Heimat gehabt zu haben. Voller Reue kehrt er um, will seinen Vater um Vergebung bitten – und darf erleben, dass der Vater ihm schon entgegengeht. Keine Vorwürfe, keine Forderung nach Wiedergutmachung; statt dessen offene Arme, die
Annahme als Sohn und Erbe und – die Einladung zum Fest des Lebens: "Lasset uns essen und fröhlich sein. Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden!". So, sagt Jesus, ist Gott: gnädig und barmherzig.

Diese Botschaft will die Lindenholzstele unserer Gnadenkirche verkünden: In weißen Gewändern, der Farbe des Lichtes und des Lebens liegen sich Vater und Sohn in den Armen; sie sind so gestaltet, dass es auch eine Mutter "Ich will euch trösten, wie einen
seine Mutter tröstet" (Jes. 66,13) und eine Tochter sein können. Ihre Körper einerseits und die Arme und Schultern andererseits deuten eine Kreuzform an, die sich im Bildaufbau mehrfach wiederholt; ständiger Hinweis darauf, dass durch das Kreuz Jesu Christi Versöhnung mit Gott möglich ist, wieweit unsere Wege uns auch von ihm entfernt haben mögen.

Als Hinweis für das schon vorbereitete Fest des Lebens stehen am unteren Bildrand Krüge mit Wein sowie Brot bereit – Erinnerung an das Abendmahl, in dem wir Vergebung und Versöhnung mit Gott leibhaftig erfahren dürfen. Wo solche Annahme durch den Vater, solche Versöhnung mit Gott geschieht, da scheint ein Stück Ewigkeit in die Zeit; auf dem Bild angezeigt dadurch, dass ein Stück Kuppel, die am oberen Bildrand das Vaterhaus darstellt, vergoldet ist – Gold ist die Farbe der Ewigkeit.

Die Versöhnung mit Gott, die reuige Umkehr zu ihm kann jederzeit geschehen; das runde Gestirn am Himmel rechts oben kann als Mond wie als Sonne gedeutet werden. Einzige Voraussetzung ist die Einsicht in die Falschheit bisheriger Gott-loser Wege und die Bereitschaft, Gott hierfür um Vergebung zu bitten – eben das, was die Bibel mit dem Wort "Buße" meint. Die liturgische Farbe der Bußzeiten im Kirchenjahr (Advent und Passion), die Farbe Violett prägt daher neben dem Weiß das Bild.

Besonders deutlich steht die Farbe der Buße zwischen dem Kopf des Vaters und dem im Hintergrund kaum erkennbaren, weil gesichtslosen Bruder des "Verlorenen Sohnes". Dieser hatte in der Zeit, in der sein Bruder gottlose Wege ging, seinem Vater treu gedient und ist nun mit der Gnade des Vaters gar nicht einverstanden. In sein Raster von
Verdienst und Lohn, in sein Schubladen- und Kästchen-Denken paßt das barmherzige Verhalten des Vaters nicht; er reagiert mit Ablehnung auf die Bitte seines Bruders, doch wieder Heimat im Vaterhaus finden zu dürfen. Die violette Bußfarbe nicht in, sondern neben
dem Kopf des älteren Bruders stellt eindringlich die Frage, wer hier eigentlich der verlorene Sohn ist: der selbstgerechte, von der
Richtigkeit des eigenen Weges so überzeugte Bruder oder der, der eingesteht: "Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir!"

Nach dem Gleichnis, das Jesus erzählt, steht beiden, dem Selbstgerechten wie dem in die Gottesferne Verirrten, der Weg zur Umkehr ins Vaterhaus offen. Und so kann es denn auch bei allen
Umwegen und Holzwegen und Irrwegen, die wir gehen, nicht so etwas wie verlorene Lebenszeit geben. Unsere Zeit kommt von Gott und bleibt bei
ihm aufgehoben, wie es die Sanduhr am oberen Bildrand, wiederum durch die Farbe Gold, unterstreicht. Am Ziel all unserer Wege sind wir erst in Gottes Ewigkeit, im himmlischen Vaterhaus.

Dass wir dahin gehören und dass Gott will, dass wir dahin kommen – das ist die frohe Botschaft des Evangeliums, das Jesus Christus in die Welt gebracht hat. Diese frohe Botschaft gibt uns Kraft und Zuversicht auf den mannigfaltigen und oft alles andere als gerade verlaufenden Wegen unseres Lebens und lädt uns zugleich immer wieder ein, von falschen Wegen zurückzukehren dahin, wohin wir
gehören. Der gnädige Gott ist immer schon unterwegs, uns entgegenzugehen.

Pfarrer Dr. Eberhard Kenntner, Sup.