Alle Beiträge von Diethard Römheld

Predigt Himmelfahrt 2017

Pfarrer Dr. Diethard Römheld

1 Könige 8, 22–24 und 26–28
Es war bei der Einweihung des Tempels in Jerusalem:
Da trat Salomo vor den Altar des Herrn.
Und die ganzen Gemeinde Israels schaute zu.
Salomo hob seine Hände zum Gebet zum Himmel und sprach:
„O Herr, Du Gott Israels!
Kein anderer Gott ist Dir gleich,
weder oben im Himmel noch unten auf Erden!
Denn du hältst fest am Bund mit deinen Knechten
und bleibst denen gnädig,
die sich in ihrem Leben auf dich verlassen.
Du hast wahr gemacht,
was Du Deinem Knecht, meinem Vater David, verheißen hast.
Ja, was Dein Wort angekündigt hat,
das hat Deine Hand heute vollendet.
(Gemeint ist die Vollendung des Tempelbaus!)

O Herr, Gott Israels,
lass jetzt auch jenes Wort wahr werden,
das Du auch zu Deinem Knecht, meinem Vater David, geredet hast.
(Gemeint ist das Versprechen Gottes, im Tempel wohnen zu wollen!)
Willst Du wirklich auf Erden wohnen?
Siehe, der Himmel, ja selbst der Himmel aller Himmel
kann Dich nicht aufnehmen!
Wie viel weniger dann dieser Tempel,
den ich gebaut habe!
(Doch egal, wo du wohnst:)
Wende Dich dem Gebet Deines Knechtes
und seinem Flehen zu!

O Herr, mein Gott, höre diese meine Bitte!“

Tja, spannende Sache: Es ist Himmelfahrt, der Tag, an dem wir uns daran erinnern, dass Jesus in den Himmel emporgehoben wurde. Und dann darf König Salomo mit seinen Zweifeln zu Wort kommen? „Gott ist größer als alle Himmel!“ Unsere Rede vom Himmel kann bestenfalls symbolisch gemeint sein, der gestirnte Himmel über uns ist nämlich nicht wirklich Gottes Aufenthaltsort! Wir ahnen es schon länger: Gott ist nicht der alte bärtige Herr, der sich da oben hinter den Wolken oder im Blau versteckt. Wie sprachen die russischen Kosmonauten: Wir waren oben, wir haben ihn nicht gesehen! Dass schon König Salomo rund 1000 Jahre vor Christus Gott nicht im Himmel suchen wollte, klingt mehr als modern. Doch die Frage des Salomo: „Gott, wenn nicht im Himmel, wo bist Du denn dann? Und hörst Du überhaupt mein Gebet?“, die ist nicht minder modern …
Predigt Himmelfahrt 2017 weiterlesen

Predigt zum Reformationstag 2106

von Pfarrer Dr. Diethard Römheld

Ich lese ausgewählte Verse aus Römer 3. Es handelt sich um DIE zentrale Bibelstelle, auf der Luther seine Theologie der Rechtfertigung aufbaut. Die Übersetzung folgt der neuen Revision der Lutherübersetzung von 2017:

Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes
die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart.
Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott,
die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus
zu allen, die glauben.
Denn es ist hier kein Unterschied:
Sie sind allesamt Sünder
und ermangeln des Ruhmes,
den sie vor Gott haben sollen,
und werden ohne Verdienst gerecht
aus Seiner Gnade
durch die Erlösung,
die durch Christus Jesus geschehen ist.
So halten wir nun dafür,
dass der Mensch gerecht wird
ohne des Gesetzes Werke,
allein durch den Glauben.

Tja, da haben wir den Salat: Auch hier in der Gnadenkirche gilt ohne Unterschied: Wir sind allesamt Sünder!
Aber Hand auf’s Herz: um DAS zu erfahren, seid Ihr nicht hergekommen, oder? Fühlt Ihr Euch als Sünder? Könnt Ihr so aus dem Stegreif aufzählen, wo Ihr gesündigt haben? Und ich meine nicht den Kühlschrank! Ist „Sünde“ nicht ein furchtbar altmodischer Begriff?
Predigt zum Reformationstag 2106 weiterlesen

15. Sonntag nach Trinitatis – der Teufel

Die Predigt vom Sonntag, 04. Septeber 2016, in der Gnadenkirche von Pfarrer Dr. Diethard Römheld.


Ich lese ausgewählte Verse aus 1 Petrus 5 (8–10*):

Bewahrt einen klaren Kopf
und seid wachsam!
Denn Euer Feind, der Teufel,
streift wie ein brüllender Löwe umher.
Er sucht jemanden,
den er verschlingen kann.
Leistet ihm Widerstand
in unbeirrtem Glauben!
Gott hat euch in seiner großen Gnade
zu seiner ewigen Herrlichkeit berufen.
Nur für eine kurze Zeit müsst ihr leiden.
Dann wird Gott euch wieder herstellen und stärken,
euch Kraft und Halt geben.

Das riecht heute nach ganz großem Kino: Da kommt der Teufel um die Ecke, gefräßig und aggressiv wie ein Löwe. Und WIR sollen seine Opfer sein. UNS will er als Beute! Der Teufel hält sich nicht irgendwo fern von uns in der Hölle auf, um da schon mal ein wenig einzuheizen für die, die es später verdient haben. Nein, der Teufel steht schon draußen vor der Kirchentür und wartet auf uns. Und es scheint ihm egal, ob wir es verdient haben oder nicht! Es geht um den Hunger des Löwen, nicht um Gerechtigkeit!
Das riecht heute nach ganz großem Kino: Da kommen wir selbst vor in der Heldenrolle, als tapfere Kämpfer. Wachsam müssen wir sein, sehr wachsam. Und permanent Widerstand leisten müssen wir, um nicht zur Beute zu werden. An Schlaf ist nicht zu denken, an verträumtes in den Tag leben auch nicht. Zu den Waffen, Geschwister, der Feind ist nahe! Leben im Glauben ist weder kuschelig noch tröstlich, sondern gefährlich und anstrengend. Schweiß und Tränen werden fließen.
15. Sonntag nach Trinitatis – der Teufel weiterlesen

Predigt zur Konfirmation 2016

Predigt zur Konfirmation 2016

1 Kor 14,1–3

Kirchenslang, den kein Schwein versteht, den kennt Ihr zu Genüge. So ein Pfaffe redet ja viel, wenn der Tag lang ist, und da ist manch seltsamer Kram dabei. „Himmelreich, Heiland, Messias, Sohn Gottes, Halleluja, Hosianna“ und was sonst noch alles. Ich bin auf dem Land groß geworden, und wenn wir unsere Lehrer ärgern wollten, gaben wir in solchen Situationen den Bauernbengel: „Hosianna, was ist denn das? Kann man das essen? Ist das ansteckend? Ist das was unanständiges?“ Mann, was waren wir aufgeschlossen für neue Bedeutungshorizonte! Und unseren Lehrern wuchsen graue Haare: Hatten sie es doch schon immer gewusst: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht! Auch Ihr habt euch manchmal sicherlich gefragt, wovon wir Kirchenleute gerade reden. Aber Ihr habt anders als wir damals höflicherweise nicht den Bauernbengel gegeben, auch wenn Eure Fragen nicht unähnlich waren: Warum soll man an etwas glauben, was man nicht sehen und anfassen kann? Warum soll man Vergebung für etwas suchen, was uns nicht weiter auf der Seele liegt? Und ist „Jesus liebt dich“ nicht eine furchtbar kirchliche Floskel, aber meilenweit vom täglichen Leben entfernt?

Predigt zur Konfirmation 2016 weiterlesen

Predigt Lukas 18, 9–14a

11. nach Trinitatis, 16.08.2015

Pfarrer Dr. Diethard Römheld

Luk 18,9–14a (!)
Einige der Leute waren davon überzeugt,
dass sie selbst nach Gottes Willen lebten.
Für die anderen hatten sie nur Verachtung übrig.
Ihnen erzählte Jesus dieses Gleichnis:
Zwei Männer gingen hinauf in den Tempel,
um zu beten.
Der eine war ein Pharisäer
und der andere ein Zolleinnehmer.
Der Pharisäer stellte sich hin
und betete leise für sich:
„Gott, ich danke dir,
dass ich nicht so bin
wie die anderen Menschen –
kein Räuber, Betrüger, Ehebrecher
oder Zolleinnehmer wie dieser hier.
Ich faste an zwei Tagen in der Woche
und gebe sogar den zehnten Teil
von allem, was ich einnehme.“
Der Zolleinnehmer aber stand weit abseits.
Er traute sich nicht einmal,
zum Himmel aufzublicken.
Er schlug sich auf die Brust
und sprach:
„Gott, sei mir Sünder gnädig!“
Das sage ich euch:
Dieser ging befreit nach Hause zurück,
jener nicht!

Ach ja, die Geschichte vom Pharisäer und von Zöllner: wir kennen sie alle. Und sie bestätigt all unseren Erwartungen – was sonst soll man von so einem sprichwörtlichen Pharisäer halten? Nun gut, dass Zöllner eigentlich korrupte, üble Burschen waren, damals, das ist bekannt, aber bei genauerem Hinsehen entpuppen die sich doch immer wieder als nette Kerle. Am Ende ist die Welt also wieder in Ordnung! Was soll ich Ihnen dazu heute noch viel Neues erzählen?
Predigt Lukas 18, 9–14a weiterlesen

Predigt: Der Sabbat

Pfarrer Dr. Diethard Römheld

Markus 2,23–27*
An einem Sabbat ging Jesus durch die Felder.
Unterwegs rissen seine Jünger Ähren von den Halmen.
Da sagten die Pharisäer zu ihm:
„Sieh nur, was sie tun.
Das ist am Sabbat verboten.“
Er antwortete ihnen:
„Habt ihr denn nicht gelesen,
was David getan hat,
als er und seine Männer in Not waren
und Hunger hatten?
David ging in das Haus Gottes
und aß von den Broten auf dem Altar.
Dabei durften eigentlich
nur die Priester davon essen.
Aber David gab sogar seinen Kämpfern von den Broten.“
Und Jesus sagte zu den Pharisäern:
„Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht,
nicht den Menschen für den Sabbat!“

Abschaffung des jüdischen Sabbats

Ach ja, der Sabbat! Gäbe es den nicht, müsste er glatt erfunden werden, damit Jesus ausreichend Gelegenheit hat, sich abzugrenzen von den Erwartungen seiner Zeitgenossen! Am lockeren Verhältnis zum Sabbat und seinen Gesetzen sollt ihr Jesus erkennen, scheinen die Evangelien erzählen zu wollen.
Die Begehung des Sabbats ist selbst unter wenig religiösen Juden bis heute absolut selbstverständlich, identitätsstiftend sozusagen. Sie kennen vielleicht die alte jüdische Anekdote zum Thema:

An einem Sabbat ertappt der Rabbi seinen Schwiegersohn beim Zigarettenrauchen und fällt über ihn her: „Du Heide! Du Schabbes-Schänder! Du Verräter!“ Darauf der Schwiegersohn kleinlaut: „Ich hab vergessen, wie ich leben soll!“ – „Was heißt: vergessen? Wie kann ein Jude vergessen, dass Schabbes ist?’ – „Gott behüte! Ein Jude kann das nicht vergessen!“ – „Was denn? Hast du vielleicht vergessen, dass ein Jude am Schabbes nicht rauchen darf?“ – „Gott behüte! Was fällt dir ein, dass ein Jude so was vergessen könnte!“ – „Was hast du denn vergessen?“ „Ich hab ganz einfach vergessen, dass ich ein Jude bin.“

Hat Jesus hier auch vergessen, dass er Jude ist? Oder will Jesus gar kein Jude mehr sein? Erleben wir hier gerade die Abschaffung des Sabbats? Diese Geschichte wird oft für das Paradebeispiel grundlegender Kritik an der jüdischen Gesetzlichkeit gehalten.

Jesu Heiligung des Sabbats

Wer sich in seiner Bibel ein wenig auskennt, wird wissen, dass Jesus an keiner Stelle den Sabbat abgeschafft hat. Jesus selbst besucht am Sabbat die Synagoge, heute würden wir sagen: Er geht in die Kirche, betet, liest die heiligen Texte, predigt und sucht mit seinen Wunderheilungen Gottes Werk im menschlichen Tun sichtbar werden zu lassen. Denn es ist doch gerade dem Sabbat angemessen, Gutes zu tun! Nein, es bleibt dabei, für Jesus müsste der Sabbat erfunden werden, gäbe es den nicht längst. Der Sabbat bleibt auch für Jesus ein Zeichen zwischen Gott und den Menschen, dass sie beide zusammengehören, gemeinsam durch ihr Leben gehen.

Und wer sich ein wenig im antiken Judentum auskennt, könnte auch wissen, dass jener berühmte Jesussatz:
Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht, nicht den Menschen für den Sabbat! ursprünglich gar nicht von Jesus stammt. Jesus zitiert hier eine ältere jüdische Lehre. Die Spuren jenes Satzes reichen bis ins 2. Jh. vor Christi Geburt zurück! Unser Gefühl: Wir sind im Recht, jene im Unrecht, trügt. So billig ist die Botschaft für den heutigen Sonntag nicht zu haben!

Die Heiligung des Menschen am Sabbat

Es lohnt sich, noch einmal genauer hinzuschauen, was Jesus hier seinen Zeitgenossen mitgeben will: Habt ihr denn nicht gelesen, was David getan hat, als er und seine Männer in Not waren und Hunger hatten? David ging in das Haus Gottes und aß von den Broten auf dem Altar. Dabei durften eigentlich nur die Priester davon essen. Aber David gab sogar seinen Kämpfern von den Broten.

In jener alttestamentlichen Episode ist David mit seinen wenigen Kämpfern auf der Flucht vor König Saul. Erschöpft und hungrig stoßen sie auf einen Tempel Gottes. Dort liegen, jeden Sabbat frisch, Opferbrote auf dem Altar, leicht angeröstet vom begleitenden Weihrauch. Der Duft ist Gottes Anteil, die Brote selbst dürfen, oder soll ich sagen: müssen die Priester essen. Gott teilt sozusagen das am Sabbat ihm gebrachte Opfer mit den Menschen. Auch hier geht es um die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch: Das Brot bringt Gott und Mensch zueinander. Als nun David mit seiner Truppe auftaucht, stellt sich, liest man im Alten Testament genauer nach, nicht die Frage: Dürfen die davon essen? Die Frage des Hohen Priesters ist vielmehr: seid ihr kultisch rein, habt ihr euch vorbereitet darauf, Gott gegenüberzutreten und mit ihm zusammen zu essen?

Meine These ist auf den ersten Blick vielleicht gewagt, liegt aber auf der Linie des alttestamentlichen Argumentes: Wer am Sabbat mit Gott isst, wer am Sabbat Gottes Wort vernimmt, Gottes heilendem Willen begegnet, der ist selbst heilig, wird in Gottes Heiligkeit eingebettet. Nicht WIR machen den Feiertag heilig für Gott, sondern Gott macht Seinen Tag heilig für uns, trägt von Seiner Heiligkeit in unser Leben. Oder in Jesu Worten: der Mensch ist nicht dazu da, den Sabbat für Gott heilig zu machen, sondern der Sabbat ist dazu da, dass Gott Seine Heiligkeit mit den Menschen teilt. Und ganz besonders mit den Menschen auf der Flucht wie damals bei David, und den Menschen, die hungert, wie hier bei den Jüngern.

Was geht uns das an?

Besonders steil wird meine Auslegung bei der Frage, wer denn heute, unter uns, Adressat dieser Heiligkeit ist, wem denn der Sabbatsegen heute gilt. Alttestamentlich betrachtet sind WIR jedenfalls nicht auf der Flucht. Neutestamentlich betrachtet sind WIR jedefalls nicht hungrig, leben auch nicht von der Hand in den Mund. Aber auch WIR meinen immer wieder zu wissen, was uns heilig ist und wie das unangetastet bleiben muss. Dabei hat Jesus gerade nicht gesagt: Der Sabbat ist für EUCH da, sondern: Der Sabbat ist für den Menschen da. Und das war in dem Predigttext gerade der Andere! Es geht nicht darum, das zu erhalten, was Ihr für heilig, für unantastbar haltet, sondern um das, oder besser, um diejenigen, die Gott heilig sind, die Gott Seiner Zuwendung wert sind. Und ich fürchte, von denen gibt es im Moment sehr viele unter uns! Und leider noch viel mehr vor unseren Grenzen. Die Frage dieses Predigttextes könnte sein, und ich spreche das mit bangem Herzen aus: für wen wird heute mitten unter uns Sonntag, Sabbat, Gottes heiliger Tag werden? Wer darf heute die Ähren unseres eigenen Ackers raufen, rupfen, essen? Mit wem will heute Gott die Gaben seiner Schöpfung teilen? Ja, das geht uns ähnlich schwer runter wie einst jenen Zeitgenossen Jesu. Wir fürchten den Untergang des Abendlandes, wenn alle dürfen, die müssen. Gott hingegen fürchtet den Untergang Seiner Schöpfung. DAS macht diese Geschichte so bitter, damals wie heute!

Lassen Sie mich noch ein Wort hinzufügen, aus meiner Rolle als Pfarrer heraus, bei Jesus jedenfalls steht es so nicht: Selbst die wirklich Wohlmeinenden unter uns, selbst die, die sich noch sehr lebendig an eigene Flucht und Vertreibung nach dem letzten Krieg erinnern, spüren die Angst, dass unsere Gesellschaft muslimisch werden könnte und wir uns in der eigenen Gesellschaft nicht mehr zuhause fühlen werden. Mir als Pfarrer geht dabei durch den Kopf: Wir können nur erhalten, was wir auch aktiv leben, was uns selbst wichtig ist. Ein Sonntag der leeren Kirchen ist irgendwann kein Sonntag mehr. Unsere Angst vor dem muslimischen Freitagsgebet erzählt vielleicht mehr über uns selbst und unsere faulen Kompromisse als über eine wirkliche Bedrohung durch das Fremde.

Und mit diesem Predigttext füge ich hinzu: der Sabbat ist nicht der Tag, an dem alles bleibt, wie es ist, sondern an dem Gottes Heiligkeit der Welt gegenübertritt, um Seinen Willen aufzurichten. Dazu nimmt Gott auch uns in seinen Dienst.

Amen

Predigt: Haus am Römerkanal 17.09.2015

Pfarrer Dr. Diethard Römheld

Lukas 17,1–6
Er sprach aber zu seinen Jüngern:
Verführung wird kommen, sie sind unausweichlich!
aber weh dem, durch den sie kommt!
Es wäre besser für ihn,
wenn man einen Mühlstein an seinen Hals hängt
und ihn ins Meer wirft,
als dass er einen dieser Kleinen zum Abfall verführt.
Seht euch vor!
Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht;
und wenn er es bereut, vergib ihm.
Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigen wird
und siebenmal wieder zu dir kommt und spricht:
Es tut mir leid!,
so sollst du ihm vergeben.
Da sprachen die Apostel zum Herrn:
Gib uns mehr Glauben!
Der Herr aber sprach:
Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn,
dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen:
Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!,
und er würde euch gehorchen.

Auf den ersten Blick ist das ganz schön befremdlich, ja unheimlich, was Jesus hier tut: Erst kündigt er seinen Freundinnen und Freunden große Gefahren für ihren Glauben an: Anfechtungen, Verführungen. Doch als seine Gefährten dann aufgeschreckt und voller Sorge um Stärkung ihres Glaubens bitten, damit sie gewappnet sind, bekommen sie nicht, was sie brauchen! Jesus führt ihnen scheinbar gnadenlos vor, wie winzig ihr Glaube ist und dass sie erst gar keine Chance haben! Denn wer kann schon von sich sagen: Mein Glaube kann Bäume mit der Kraft allein des Wortes verpflanzen? Das ist alles andere als Mut machend!

Ach übrigens, Jesus, will ich ihm entgegenwerfen: mir würde ein Glaube reichen, der nicht irre wird an Dir, der den Zweifeln und der Kälte der Welt gewachsen ist. Ich will einen Glauben, der mich durch dunkle Stunden trägt und stärker ist als alle Dunkelheiten! Das würde mir reichen! Jesus, ich brauche doch gar keine Bäume verpflanzen, ich muss keine Wunder vollbringen. Mit würde völlig reichen, wenn ich einen Halt für mich selbst finden würde! Es würde mich auch beruhigen, wenn ich der Anfechtung und der Krise des Glaubens entgegen könnte.

Das war mein erster, mein erschreckter Blick auf diesen Text. Aber ist es wirklich wahr, dass Jesus uns Angst machen und anklagen will, unser Glauben sei ja winziger als ein Senfkorn? Das passt doch gar nicht zu dem Rest des Textes vom Bereuen und wieder neu Anfangen und Verzeihen! Kann es sein, dass ich hier etwas gründlich falsch verstanden habe? Oder genauer: kann es sein, dass ich hier nicht Jesu wirklicher Botschaft höre, sondern dass hier meine eigene Angst zu mir spricht? Jene Angst, dass mein Glaube nicht reichen könnte, dass ich vor Gottes Augen versagen könnte, Gottes Ansprüchen nicht genügen könnte? Manchmal hören wir bekanntlich ja nur, was wir hören wollen. Manchmal sind wir von unserer eigenen Angst so gefesselt, dass gar nicht mehr zu uns durchdringt, was andere uns Gutes sagen wollen.

So könnte das hier auch sein, wenn ich es mir genau überlege: Hier steht nämlich nirgends: Euer Glaube ist nicht einmal so groß wie ein Senfkorn, schämt euch! Vielleicht wollte Jesus uns etwas ganz anderes sagen, nur wir konnten es nicht hören vor Angst: Auch wenn euer Glaube nur so winzig wie ein Senfkorn wäre, könntet ihr zum Baum sagen … Und zwischen den Zeilen stände dann die Fortsetzung: Euer Glaube aber ist größer als das Senfkorn, warum zweifelt ihr daran? Traut Eurem Glauben doch mehr zu, der wird euch tragen und beschirmen auch mitten in allen Zweifeln und Anfechtungen. Sicher, die werden euch nicht immer erspart bleiben. Aber ihr braucht keine Angst zu haben. Euer Glaube wird euch schon tragen! Werft den Glauben nicht schon vorher weg, haltet an ihm fest, und ihr dürft ganz gewiss erfahren, wie groß seine Kraft sein wird! Denn das Besondere am Glauben ist nicht, dass wir stark sein müssen, sondern dass wir gewiss sein dürfen, nicht alleine unterwegs zu sein. Nicht unsere Stärke und Mut, sondern Gottes Nähe und Begleitung werden uns durch dunkle Stunden tragen.

Das ist es, was Jesus meinte, als er davon sprach: Auch wenn ihr umfallt und versagt, wenn euer Mut mal nicht reicht, wenn Zweifel euch übermannen, ihr dürft umkehren, bei mir neu anfangen, das soll uns nicht voneinander trennen. Nicht wir sind Glaubenshelden, sondern Gott ist für uns stark, weil er sich nicht von uns abwendet!
Doch wie ist das dann mit dem Baum und dem Meer? Mir ist das erst im dritten Anlauf aufgegangen: Wenn wir mit unserem winzigen Glauben Bäume verpflanzen könnten mitten ins Meer, wissen Sie, wem unsere Bäume dort begegnen würden? Jenen bösen Mächten, die mit einem Mühlstein um den Hals dorthin verbannt gehören! Sie erinnern sich:

Weh dem, durch den die Anfechtung kommt! Es wäre besser für ihn, wenn man einen Mühlstein an seinen Hals hängt und ihn ins Meer wirft, als dass er einen von euch zum Abfall verführt.

Jesus gebraucht hier ein Sprachbild: Der Glaube kann, selbst wenn er so winzig wie ein Senfkorn wäre, sehr wohl dem Verführer, der Anfechtung, dem Zweifel trotzen, er kann ihn mitten ins Meer verbannen. Denn ein Glaube, der mit Gottes Vergebung rechnet, ist stärker als all die kommenden Herausforderungen. Traut es eurem Glauben, traut es Gottes Treue zu! Wenn wir das Wort Jesu so lesen, dann wird es zu einem sehr tröstlichen Wort, dann macht es auch uns Mut zu unseren Lebenswegen unter dem freundlichen Angesicht Gottes!

Alles andere wäre ja auch grober Unfug: wer will schon Bäume mitten ins Meer verpflanzen? Die wachsen dort doch gar nicht! Die Sache mit dem Baum und dem Meer ist ein Bild für alles, was uns das Glauben schwer machen will – und was wir im Vertrauen auf Gottes Güte beiseite räumen können, weil Gott sich als stärker erweisen wird als all unsere Dunkelheiten!
Amen!

Sonntag nach Weihnachten

Sonntag nach Weihnachten

Damals lebte in Jerusalem ein Mann, der Simeon hieß. Der hielt Gottes Gebote und vertraute ganz auf Gott. Und Simeon wartete schon lange auf die Zeit, da Israel getröstet werden sollte. Und der Geist Gottes ruhte auf Simeon. Durch den hatte Gott ihn einst wissen lassen: „Du wirst nicht sterben, bevor du den Gesalbten Gottes gesehen hast.“
Jetzt drängte ihn der Heilige Geist, in den Tempel zu gehen. Gerade brachten die Eltern das Kind Jesus dorthin. Sie wollten die Vorschriften erfüllen, die im Gesetz für das Kind vorgesehen sind. Da trat Simeon hinzu und nahm das Kind auf den Arm. Er lobte Gott und sagte:
„Gott, jetzt kann dein Diener in Frieden sterben, wie du es versprochen hast. Denn mit eigenen Augen habe ich gesehen: Von dir kommt die Rettung. Alle Völker sollen sie sehen: Ein Licht, das für die Heiden leuchtet, und deine Herrlichkeit aufscheinen lässt über deinem Volk Israel.“
Der Vater und die Mutter von Jesus aber staunten über das, was Simeon über das Kind sagte. Simeon segnete sie und sagte zur Mutter Maria:
„Sieh doch: Dieses Kind ist dazu bestimmt, in Israel viele zu Fall zu bringen und viele aufzurichten. Dieses Kind wird ein Zeichen Gottes sein, dem viele sich widersetzen. Ja, Maria, auch durch dein Herz wird ein Stich wie von einem Schwert fahren. So soll ans Licht kommen, was viele im Innersten denken.“
Lukas 2,25–35

In diesem Bibeltext sind gleich zwei spannende Geschichten versteckt. Die eine ist uns wohl vertraut und wird immer wieder gerne nacherzählt: Da ist ein gottesfürchtiger Mann namens Simeon, dem einst verheißen war, den Retter und Heiland mit eigenen Augen sehen zu dürfen. Doch nun ist er alt geworden, seine Zeit ist bald abgelaufen, und noch immer wartet er auf die große Begegnung. Und dann, sozusagen im allerletzten Moment, passiert es doch noch. Er trifft Jesus – und erkennt sofort, wer dieses Kind wirklich ist. Darum kann er doch noch getröstet Abschied nehmen:

Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen!

Sonntag nach Weihnachten weiterlesen

1. Advent

Predigttext 1. Advent, 30.11.2014

Siehe, es kommen Tage, spricht der HERR, da lasse ich für David einen gerechten Nachkommen auftreten. Der wird als König herrschen. Er wird weise regieren und Recht und Gerechtigkeit üben im Land. In seinen Tagen wird Juda gerettet werden, und Israel wird in Sicherheit wohnen. Und dies ist sein Name, mit dem man ihn rufen wird: „Der HERR ist unsere Gerechtigkeit!“ Darum siehe, es kommen Tage, spricht der HERR, da wird man nicht mehr sagen: „So wahr der HERR lebt, der die Israeliten heraufgeführt hat aus dem Land Ägypten! “, sondern: „So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Land des Nordens und aus allen Ländern, wohin er sie zerstreut hat! Dann werden sie auf ihrem eigenen Boden wohnen!

Jeremia 23,5–8

Liebe Schwestern und Brüder,

Jeremia träumt hier von besseren Zeiten. Sein Volk war Opfer feindlicher Mächte und eigener Verblendung geworden, die Menschen verschleppt und vertrieben worden, die Heimat zerstört. Das mit Israel und Juda, den beiden antiken Bruderstaaten, das konnte man knicken, die hatten keine Zukunft mehr, nur noch eine schmerzliche Vergangenheit! Es gab nur wenige, die den Kopf nicht hängen ließen, die sich nicht geschlagen gaben. Es gab nur wenige, die gegen jeden Augenschein und gegen jede Wahrscheinlichkeit mitten im Elend Träume wagten, Träume von besseren Zeiten.
1. Advent weiterlesen

Totensonntag

Predigttext Totensonntag oder Ewigkeitssonntag, 23.11.2014

Es bleibt also dabei: Die endgültige Sabbatruhe steht für das Volk Gottes noch aus. Denn wer in den Ort der Ruhe Gottes eingezogen ist, der ruht sich aus von seinen Werken, so wie Gott selbst es von seinen eigenen Werken getan hat. Wir wollen uns also anstrengen, in jenen Ort der Ruhe einzuziehen. Denn niemand soll zu Fall kommen, weil er ungehorsam war!

Hebräer 4, 9–11

Liebe Schwestern und Brüder,

viele von Ihnen haben im zuendegehenden Kirchenjahr Angehörige verloren. Sie haben Menschen, mit denen Sie eng zusammengelebt haben, zu Grabe tragen müssen. Seit dem ist es still geworden in Ihrem Leben. Sehnsucht ist an die Stelle des Menschen in Ihren Armen getreten. Schmerz an die Stelle der einst so selbstverständlichen Nähe:
Totensonntag weiterlesen