Predigt: Karfreitag 2015

Karfreitag, 3.4.2015

Lukas 23, 33-49

33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.
34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.
35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.
36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig
37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber!
38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.
39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!
40 Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?
41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!
43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.
44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde,
45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei.
46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.
47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen!
48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.
49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!
Menschen unter dem Kreuz – Lukas stellt jeden einzelnen dar – die einen nahe und unmittelbar am Geschehen beteiligt,
die anderen etwas weiter entfernt.

Neugierige, Zuschauer – und in sicherer Distanz,
die, die zu ihm gehörten, die sicherlich nicht unbeteiligt,
aber aus sicherer Entfernung das Geschehen verfolgen – aus Angst oder auch weil sie es nicht ertragen können.
Da sind die Spötter, die jüdischen Ratsherren und die Soldaten Spott ist ihre Art, sich die Dinge vom Leib zu halten, sich selbst und ihre Ansichten nicht mehr in Frage stellen zu lassen.
Die jüdischen Ratsherren warten ja auf den Messias – und wie sie warten, brennend, sehnsüchtig. Aber Jesus passt nicht zu ihren Erwartungen. Wenn er wirklich der Messias ist, dann muss er es spätestens jetzt unter Beweis stellen.
Aber eigentlich sind sie längst mit ihm fertig.
Die römischen Soldaten – sie tun nur ihre Pflicht – einer muss es ja tun.
Dass sie seine Kleider verlosen, noch bevor er gestorben ist,
ist so üblich – ein kleines Zubrot bei dem ansonsten ungeliebten Geschäft.
Sie wundern sich nur, über die Aufschrift am Kreuz.
„König der Juden“ Pilatus hatte das veranlasst. Was für ein lächerlicher König, der sich so demütigen lässt.

Wo ist seine königliche Macht? Soll er sie doch unter Beweis stellen. Ihr Spott und ihre Häme sind ihm sicher. Und einer von den Soldaten findet eine besondere Erwähnung – allerdings erst am Ende der Erzählung:

Der Hauptmann.

Als er die Geschehnisse sah, pries er Gott und sagte: Das war wirklich ein gerechter Mensch!

Etwas spät die Einsicht, möchten wir ihm zurufen, jetzt, wo Jesus tot ist. Und sag mal: Wie kannst du angesichts dieser schrecklichen Ereignisse Gott preisen.

Als der Hauptmann das Geschehene sah – ja was hat er denn gesehen und wie sah es aus seiner Perspektive aus, dass er am Ende unter dem Kreuz steht und tief berührt ist.

Er hatte seinen Job gemacht. Vielleicht hatte er auch mit um die Kleider gelost und sich mit seinem Spott nicht zurück gehalten.

Er kennt den ganzen Ablauf, hat schon oft daran teilgenommen, aber er spürt: irgendetwas ist anders dieses Mal – nein, nicht irgendetwas, sondern der, der da gekreuzigt wird, der ist anders.

Schon der Prozess war anderes verlaufen – er hat sich nicht gewehrt, nicht verteidigt, nicht auf seine Peiniger geschimpft. Und auch jetzt beschimpft und verflucht er seine Henker und Vollstrecker nicht.

Den beißenden Spott erträgt er wortlos. Er setzt ihm nichts entgegen außer – ja außer der Bitte: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Der Hauptmann traut seinen Ohren nicht.

Während dieser Hingerichtete am Kreuz Höllenqualen leidet, bittet er für die um Vergebung, die ihm alles das zufügen.

Sie wissen nicht, was sie tun.

Sie wissen nicht, wer der ist, den sie da so behandeln, verspotten und grauenvoll hinrichten. Sie bemerken nicht, wie sie verstrickt sind in Machenschaften. Sie überblicken nicht, was ihr Tun bewirkt und wer sie vor ihren Karren spannt.

Sie sehen nicht, wie brüchig das System ist, dem sie sich verschrieben haben.

Sie wissen nicht, was sie tun – ist das eine Entschuldigung?

Steht es uns zu, sie dafür anzuklagen?

Wissen wir immer, was wir tun? Können und wollen wir immer die Folgen absehen?

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Auch der Hauptmann hatte es nicht gewusst – und hatte mitgemacht – wie immer. Dieser Gehenkte bittet um Vergebung auch für ihn – und für all die anderen Spötter und Täter, für seine Peiniger und auch für die, die gleichgültig und tatenlos zusehen und nicht eingreifen und für allen ahnungslos vor den Karren Gespannten.Der Hauptmann staunt. Vergebung – das ist ihm fremd. Sonst wird er in seinem Job immer nur zur Verantwortung gezogen, muss seinen Kopf hinhalten, wenn er oder andere etwas falsch gemacht haben – auch aus Unwissenheit.Hier bittet einer um Vergebung für andere – ohne Bedingung – nicht einmal nach Reue oder Einsicht fragt er.

Ist das die Feindesliebe, von der er immer sprach?

Er hält sie durch bis zur letzten Konsequenz – bis zur Bitte um Vergebung für seine Henker? Ist das seine Art, der Feindschaft, dem Hass und dem Spott zu begegnen und sie zu überwinden

Lied: Misericordias domini

Dann bekommt der Hauptmann das Gespräch zwischen Jesus und den Verbrechern rechts und links mit. Unglaublich, was er da hört. Jesus hätte allen Grund, sich von diesen beiden Schurken zu distanzieren. Der eine spottet – genauso wie alle anderen. Man hätte nichts anderes von ihm erwartet.

Aber der Zweite verwundert den Hauptmann.

Sollte der seine Schuld eingesehen haben?

Ich hänge zu Recht hier, sagt er, aber dieser, der in der Mitte hängt, ist unschuldig.

Und anders als sein Kumpane auf der anderen Seite bittet er nicht darum, dass Jesus sie aus der Situation heraus haut. Er soll nicht die Strafe für ihn abwenden, aber er bittet ihn: Denk an mich in deinem Reich. Und in dieser Bitte steckt die Erkenntnis, ja das Bekenntnis: Du bist der Messias, der Einzige, der meinem verwirkten Leben eine Hoffnung geben kann – selbst jetzt noch. Denk an mich!

Vielleicht ahnt er es ja auch nur. Greift danach wie nach einem letzten Strohhalm. Trotzdem – Jesus nimmt diesem Verbrecher in letzter Sekunde seine Umkehr ab. Er nagelt ihn nicht fest auf das, was er getan hat, auf sein verwirktes Leben, seine Schuld und sein Verbrechen.

“Du darfst umkehren und du wirst gerettet werden – heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.”

Jesus vertröstet ihn nicht, nicht irgendwann,nicht vielleicht, nein: heute, jetzt, mit mir! “Wenn du dich an mich hältst, darfst du deine Schuld loswerden. Sie trennt dich nicht mehr von Gott. Du darfst in seiner Nähe, im Paradies sein.” Er handelt so, wie er es immer gepredigt hatte: Kehrt um, Umkehr ist möglich, jederzeit, selbst noch in letzter Sekunde, im Sterben, da, wo es keinen Ausweg mehr zu geben scheint?

Ein bisschen ist der 2. Verbrecher ja auch immer ein Ärgernis.

Das haben wir gern, sich sein ganzes Leben um nichts kümmern und dann in letzter Sekunde fromm werden.

Ja, sagt Jesus, das haben wir gern, ich und mein Vater, darüber freuen wir uns, dass er doch noch zur Umkehr gekommen ist. Selbst leidend am Kreuz, selbst in seinen letzten Lebenszügen, eröffnet Jesus dem Gescheiterten noch einen neuen Weg, eine Perspektive, die die scheinbar undurchdringliche Wand des Todes durchbricht.
Umkehr ist möglich, geht es dem Hauptmann durch den Kopf.

Lied: Jesus remember me

Dann erlebt der Hauptmann mit, wie Jesus stirbt, nicht schreiend, auf seine Henker fluchend oder vielleicht sogar auf Gott, der ihm dies alles zumutet.
Er stirbt mit einem Ausdruck tiefen Vertrauens – “Vater in deine Hände lege ich meinen Geist!”

Am Ende, da wo keine Hoffnung mehr ist, da, wo nur noch der Tod wartet, sagt dieser Sterbende: Dir, Gott, vertrau ich mich an, bei dir weiß ich mich selbst im Leiden und im Tod, selbst in diesem schrecklichen Geschehen aufgehoben.
Wenn ich doch mit einem solchen Vertrauen sterben könnte, seufzt der Hauptmann. Wenn ich mich doch so vertrauensvoll einem Gott anvertrauen könnte, auch dann, wenn es dunkel um mich wird, wenn Leiden, Schmerzen oder Unglück über mich herein brechen.

Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.

Nachdenklich steht er unter dem Kreuz.
Nachdenklich über das, was er gerade erlebt hat.
Jesu Bitte um Vergebung für seine Peiniger, sein Versprechen an den Mitgekreuzigten, sein Vertrauen auf Gott – alles das bewegt den Hauptmann tief.

So stirbt kein Verbrecher!

So stirbt nur ein Gerechter, einer der schuldlos ist, denkt er und bekennt:

Wahrhaft, dieser Mensch war ein Gerechter. Noch sterbend hat er mich verwandelt. Seine Vergebung, seine Ermöglichung von Umkehr – das gilt auch mir. Es ist nicht zu spät. Das hatte er dort unter dem Kreuz gespürt. Und das macht ihn so froh, dass er angesichts dieses grausamen Todes Gott preisen kann – dafür, dass er ihn berührt hat, dafür, dass er ihm die Augen geöffnet hat, dafür dass er ihn verwandelt hat.

Lied: In deine Hände, Vater

Menschen unter dem Kreuz.

Lukas beschreibt sie sehr genau. Ihm ist wichtig: Hier – unter dem Kreuz – gibt es keine distanzierte Neutralität, kein unberührtes Zuschauen.
Selbst die, die als unberührte Zuschauer gekommen waren, gehen verändert fort. Sie können sich dem Geschehen nicht entziehen.So wie wir uns manchmal den bedrückenden Nachrichten nicht entziehen können und betroffen den Fernseher nach den Nachrichten ausschalten und keine Worte mehr haben, weil Dinge uns erschüttern und berühren und unsere Welt in Frage stellen.

Freilich viel zu oft bleiben wir auch nur distanzierte Zuschauer, lassen die Dinge nicht an uns heran, halten sie uns mit Erklärungen, Schuldzuweisungen und zweifelhaften Beruhigungen vom Leibe, abgestumpft von der Fülle schrecklicher Bilder und furchtbarer Nachrichten, die uns in unsere Wohnzimmer kommen.
Die Zuschauer unter dem Kreuz bleiben nicht unberührt. Sie merken: Das was hier geschieht, das hat auch etwas mit mir zu tun. Sie lassen sich berühren und ihre Welt in Frage stellen. Sie schlagen sich an die Brust und gehen verändert fort.

Menschen unter dem Kreuz.

Auch wir stellen uns Jahr für Jahr wieder unter das Kreuz, wenn wir diese Geschichten hören und bedenken, wenn wir Zeugen werden des Todes Jesu. Lassen wir uns noch berühren? Werden wir von Zuschauern zu Beteiligten?

Genau das will Lukas.

Er will uns hinein holen in dieses Geschehen, will, dass wir darin unseren Platz finden, mit unseren Zweifeln, unseren Fragen und Hoffnungen – und auch mit unserer Schuld. Mal neben dem Hauptmann, mal neben dem Verbrecher, mal bei denen, die ängstlich die Dinge von Ferne verfolgen. Wir sollen zu Beteiligten werden und erkennen: Das, was hier geschieht, das hat er für mich getan! Und am Ende wie der Hauptmann staunend bekennen:”Wahrhaft, dieser Mensch war ein Gerechter. In ihm begegnet mir Gottes Liebe und seine Vergebung.”

Gebet: Vater Unser

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Lied: Eines wünsch ich mir vor allem andern

Pfarrerin Gudrun Schlösser

Unsere Kirchengemeinde auf Facebook

Seit gestern, 5. März 2015, sind wir mit einer eigenen Seite bei Facebook vertreten. Für unsere Jugendlichen im Jugendzentrum Rheinbach und am Aussenort Merzbach betreibt Felix Mors schon seit längerem eine spezielle Facebook-Seite unter Juze Rhb.

Zu den Facebook-Seiten:

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Nachruf

Walter Viethen
Walter Viethen – Presbyter und Diakon
An Weihnachten ist unser Diakon Walter Viethen gestorben. Wir trauern um unseren lieben Kollegen und Freund.

Walter Viethen war seit dem 1. Januar 1981 – länger als fast alle von uns – in unserer Gemeinde tätig und hat unsere Gemeinde mit geprägt. Er arbeitete in der Jugendarbeit.
„Offene Tür“ oder OT war für ihn nicht nur eine Ortsbezeichnung, sondern ein Qualitätsmerkmal. Viele Generationen Jugendlicher sind durch seine „offene Tür“ gegangen. Sie schätzten ihn als Ansprechpartner und Ratgeber, und er gab ihnen im Juze ein Stück Heimat.

1998 übernahm Walter Viethen zusätzlich die Diakonie- und Sozialberatung – ebenfalls beheimatet im Juze – eine offene Tür für Hilfesuchende, Benachteiligte und Notleidende.

Diese beiden Schwerpunkte zeichneten ihn aus. Die Jugendlichen lagen ihm am Herzen, aber er hatte auch immer die Benachteiligten, die am Rande Stehenden, die oft Übersehenen im Blick.

Ihnen und ihren Anliegen galt sein Interesse, und er begegnete jedem mit derselben Herzlichkeit und Offenheit, mit Respekt und Achtung.

Walter Viethen liebte seine Arbeit – das merkte jeder, der ihm begegnete und mit ihm zusammen arbeitete. 1997 wurde er zum Dienst an Wort und Sakrament ordiniert – diese
geistliche Dimension seiner Arbeit war ihm wichtig. Er fühlte sich in seinem Engagement von seinem Glauben an den menschgewordenen Gott getragen und wollte seine Art, Glauben zu leben, weitergeben.

Seit 2004 war Walter Viethen Mitglied des Presbyteriums. Er war das – manchmal auch unbequeme – Gewissen des Presbyteriums, machte sich stark für die Belange der Mitarbeitenden und für die in unserer Gesellschaft – und auch in unseren Gemeinden – oft Vergessenen.

Walter Viethen war uns ein lieber, aufrichtiger und treuer Kollege. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie. Wir haben uns in einem Gottesdienst am 9. Januar von Walter
Viethen verabschiedet. Die Beisetzung der Urne wird in seiner Heimat erfolgen.