Predigt zur Jahreslosung

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder.

Die Jahreslosung für das kommende Jahr steht beim Propheten Hesekiel im 36. Kapitel Vers 26:

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.

Na prima! – ein neues Herz – eine kollektive Herztransplantation für diese unsere Gesellschaft.

Das ist es, was wir brauchen, damit unsere Gesellschaft menschlicher und wärmer wird, damit niemand vergessen und abgehängt wird.  Ein neues Herz für unsere Politiker und Wirtschaftsbosse, für alle Entscheidungsträger – kurz für die da oben, die abgehoben und hartherzig unsere Geschicke lenken.

Ja, ja, das neue Herz brauchen immer die anderen, die Hartherzigen,
die über Leichen gehen, die nur sich selbst und ihren Vorteil sehen, die blind sind für die Nöte anderer und die Schäden, die ihr Lebensstil in der Natur verursacht, nicht sehen wollen – die Egoisten, die Ellbogentypen, die Machtmenschen. Die brauchen das neue Herz, um endlich zu kapieren, dass es so nicht weitergeht.

Stopp! Und ich? Ich mit meinen hehren moralischen Vorsätzen, die immer nur so kurze Halbwertzeit haben, die so oft der Bequemlichkeit und Gewohnheit zum Opfer fallen.

Wie oft nehme ich mir etwas vor – vielleicht gerade jetzt zum neuen Jahr: mehr Sport, gesünder leben, mehr Zeit für mich und die Familie, vernünftiger und bewusster einkaufen, auf das Auto verzichten und, und, und – und dann? 2. Woche Januar: alles vergessen – keine Zeit, zu aufwändig, zu unbequem – alles wieder beim Alten.

Und neulich? – Hab ich da nicht jemanden so richtig runtergeputzt, nur um selbst gut dazustehen – oder schnell weggeguckt, als jemand meine Hilfe brauchte. Und manche Warnungen und Appelle dringen schon lange nicht mehr zu mir durch – irgendwie auch hartherzig – oder? Auch ich bin hart – hart zu mir selbst und hart zu anderen. Ich ziehe einen Stacheldraht um mich herum, baue Mauern, lasse nichts und niemanden mehr an mich heran.

Nein, das neue Herz brauchen nicht nur die anderen. Auch ich bin eine Transplantationskandidatin.

Andrerseits – ich lebe doch recht gut mit dem alten Herzen. Das ist auch bequem. Will ich überhaupt ein neues Herz – mit allen Risiken und Nebenwirkungen? Ein Herz aus Fleisch, das wach, einsichtig und empfindsam ist, das einen klaren Blick auf die Dinge und die Menschen hat, das nicht gleichgültig, abgestumpft und dumpf ist.
Wer weiß, was dieses Herz alles wahrnimmt und empfindet? Wer weiß, wie es ist, mit dem neuen Herzen zu leben, was das für Konsequenzen hat?

Das Wort, das uns als Jahreslosung für dieses Jahr gegeben ist, steht beim Propheten Hesekiel. Hesekiel lebt im 6. Jh. v.C. nach Krieg, Verschleppung und Flucht im Exil in Babylonien – fern der Heimat, wie seine Adressaten auch. Es ist eine trostlose, eine schwierige Zeit. Und jetzt kommt auch noch die Nachricht, dass der Tempel in Jerusalem zerstört ist.

Wo ist Gott? Hat man noch was vom Leben, hat man noch was von ihm zu erwarten? Hesekiel versucht zu erklären.

Ihr selbst seid in euer Unglück gerannt. Gott hat alles versucht, euch zu bewahren. Seine Propheten haben sich den Mund fusselig geredet: Kehrt um! Achtet das Recht, die Gebote! Kümmert euch um die Armen! So kann es nicht weitergehen. Ihr geht auf euren Untergang zu!

Aber euer Herz war wie aus Stein – unbelehrbar. Jeder dachte nur an sich und seinen Vorteil. Keine Liebe, kein Mitgefühl für den anderen – nicht mal die Gebote interessierten euch mehr, geschweige denn die Liebe zu Gott – alles kalt, alles hart.

Ihr seid nicht umgekehrt. Habt einfach weitergemacht. Habt die Warner ausgelacht und in die Wüste geschickt.

Die Katastrophe hat nicht lange auf sich warten lassen: Jerusalem ist erobert und zerstört, und wir sitzen wir hier in Babylon. „Ist das das Ende? Ist jetzt alles aus? Hat Gott uns vergessen?“ fragt ihr.

„Nein“, sagt Gott.  „Ich habe euch nicht vergessen. Mein Herz schlägt immer noch voller Leidenschaft für euch. Deshalb will ich neu mit euch anfangen.“ Hören wir die Worte der Jahreslosung noch einmal im Zusammenhang:

24 Denn ich will euch aus den Völkern herausholen und euch aus allen Ländern sammeln und wieder in euer Land bringen,

25 und ich will reines Wasser über euch sprengen, dass ihr rein werdet; von all eurer Unreinheit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen.

26 Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.

27 Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.

Haben Sie es gemerkt! Keine Appelle! Kein: Jetzt macht mal! Ihr müsst endlich! Gott weiß: Das hat keinen Sinn. Das hat er lange genug probiert. Jetzt nimmt Gott es selbst in die Hand. „Ihr habt’s verbaselt, aber ich will es zurecht bringen, ich will euch zurechtbringen.“ Fünf Mal sagt er in diesen wenigen Versen „ich will“.

Na, das ist ja prima – wir kriegen es nicht hin, aber der liebe Gott wird’s schon richten. Nein, so nicht! Gott ist nicht der große Zauberer, der mit einem Schnipp die Welt wieder in Ordnung bringt, zurecht bringt, was wir verbockt haben.

Gott will mit uns zusammenarbeiten. Mit uns! – unglaublich, immer noch. Unbelehrbar optimistisch, unverbesserlich gnädig fängt er neu an – und es wird nicht das letzte Mal sein, denn auch das neue Herz lässt sich immer wieder betäuben und kalt stellen. Gott will das Herz, den Verstand fähig machen, nach seinen guten Regeln zu leben.

„Ihr wisst es doch eigentlich – aber euer hartes Herz – gefühllos, unverständig und dumm, mit Blindheit geschlagen und von Egoismus und Bequemlichkeit geleitet – schafft es nicht, es zu tun. Deshalb will ich euch ein neues Herz und einen neuen Geist geben.“

Gott will nicht unsere Hausaufgaben machen, aber er will uns befähigen, dass wir sie erledigen können – mit einem neuen Herzen,
das sieht und erkennt, versteht und mitfühlt und mit einem neuen Geist, der ermutigt und in Bewegung setzt. Damit wir furchtlos unsere Wege gehen können – auch neue Wege –, achtsam gegenüber uns selbst und anderen, vertrauensvoll und zuversichtlich.

„Damit ihr neu anfangen könnt“, sagt Gott, „nehme ich euer Versagen und Scheitern weg. Ich lege euch länger nicht darauf fest. – Und auch ihr solltet euch nicht länger lähmen mit Sätzen wie „Das hat doch noch nie geklappt! Das brauchen wir gar nicht zu versuchen! Da scheitern wir ohnehin!“ Ihr könnt neu anfangen, weil ich euch erneuern werde.“

Gott fordert nicht Erneuerung, er schenkt Erneuerung und Neuanfang. Ich will Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln – nicht sauertöpfisch bemüht und aus Pflichtgefühl, sondern weil ihr Herz es ihnen sagt und sie dazu drängt. Nicht weil man sich ja kümmern muss, sondern weil sie es wollen, weil es ihnen ein Herzensanliegen ist, weil sie sich berühren lassen. Hört auf, euch durchzuwursten und euch vorzumachen, ihr kriegt das schon irgendwie hin – hier ein bisschen Kosmetik und da ein bisschen Reparatur. Lasst euch helfen, lasst euch verändern. Gott schenkt euch das neue Herz – aus Gnade.

Diese Verheißung, die Hesekiel dem entmutigten Volk Israel ausrichtet, ist uns für das neue Jahr als Jahreslosung gegeben. Wer weiß, welche Herausforderungen auf uns zukommen werden. Welche Wege, Veränderungen und Entscheidungen von uns gefordert werden – privat, gesellschaftlich, politisch. Für alle gilt: Gott will uns mit einem Herzen und einem Geist ausrüsten, diese zu bestehen.

Wir werden im kommenden Jahr nicht alle schlagartig bessere Menschen werden unter dieser Jahreslosung – einsichtig, mitfühlend, weitsichtig und weise -, aber wenn es uns gelingt, hier und da dem neuen Herzen und dem neuen Geist eine Chance zu geben, in uns und durch uns zu wirken, dann ist schon viel gewonnen. Immer wieder begegne ich Menschen, die konsequent in ihren Entscheidungen sind und diese durchziehen, die von jetzt auf gleich ihr Leben auf den Kopf stellen, ihre Gewohnheiten ändern, weil ihre Gesundheit es erfordert oder weil sie für sich erkannt haben: So darf es nicht weitergehen. Sie bleiben nicht bei guten Vorsätzen und beim „Man müsste eigentlich!“ stehen, sondern machen Nägel mit Köpfen und stehen zu ihren Entschlüssen – auch wenn es unbequem, mühsam und mit Verzicht verbunden ist. Manche mögen sie verbohrt nennen – mich ermutigen sie: Es geht. Wir können neue Wege gehen.

Manchmal seid es Ihr, die jungen Leute, die mir das vormachen und mich daran erinnern: Das hast du dir auch mal vorgenommen, aber irgendwie ist es im Alltag wieder untergegangen. Versuch‘s wieder! Wir müssen es nicht alleine und aus eigener Kraft tun. Wir wissen, wie stark der innere Schweinehund manchmal ist. Wir dürfen uns Veränderung schenken lassen – ein neues lebendiges Herz, einen neuen Geist.

Nehmen wir das Geschenk an? Geben wir ihm Raum und verschütten es nicht alsbald wieder unter dem alten Ballast, der Angst, der Trägheit, der Bequemlichkeit? Lassen Sie uns immer wieder beten um ein neues Herz und einen neuen Geist für alle, die Verantwortung tragen und Entscheidungen treffen in Politik und Wirtschaft – auf für die, die wir für hoffnungslose Fälle und unveränderbar halten.

Und lassen Sie uns beten um ein neues Herz für uns, dass uns sein Geist leite, uns die Augen öffne für das, was möglich und nötig ist. Dass er uns in Bewegung halte und uns den Mut und den langen Atem gebe, neue Wege zu beschreiten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen

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