Evangelium nach Lukas

Predigt zum Reformationstag 2106

von Pfarrer Dr. Diethard Römheld

Ich lese ausgewählte Verse aus Römer 3. Es handelt sich um DIE zentrale Bibelstelle, auf der Luther seine Theologie der Rechtfertigung aufbaut. Die Übersetzung folgt der neuen Revision der Lutherübersetzung von 2017:

Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes
die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart.
Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott,
die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus
zu allen, die glauben.
Denn es ist hier kein Unterschied:
Sie sind allesamt Sünder
und ermangeln des Ruhmes,
den sie vor Gott haben sollen,
und werden ohne Verdienst gerecht
aus Seiner Gnade
durch die Erlösung,
die durch Christus Jesus geschehen ist.
So halten wir nun dafür,
dass der Mensch gerecht wird
ohne des Gesetzes Werke,
allein durch den Glauben.

Tja, da haben wir den Salat: Auch hier in der Gnadenkirche gilt ohne Unterschied: Wir sind allesamt Sünder!
Aber Hand auf’s Herz: um DAS zu erfahren, seid Ihr nicht hergekommen, oder? Fühlt Ihr Euch als Sünder? Könnt Ihr so aus dem Stegreif aufzählen, wo Ihr gesündigt haben? Und ich meine nicht den Kühlschrank! Ist „Sünde“ nicht ein furchtbar altmodischer Begriff?

Schuldig im Sinne des Strafgesetzbuches, das kennen wir. Das trifft uns im Nomalfall eher selten. Aber Sünde? Ist das nicht etwas für den Beichtstuhl? Wer von Euch hat denn schon mal dringesessen? Na also! Was soll uns dann die „Sünde“? Kleine Anekdote zum Thema gefällig? Mein bester Freund in Kindertagen war katholisch und musste jeden Samstag beichten gehen. Der wusste nie, was er beichten sollte. Dem fielen einfach keine Sünden ein. Also haben wir im katholischen Kinderbeichtspiegel nachgeschlagen, was man da so alles sagen könnte. Aber das passte alles nicht. In seiner Not behauptete mein Freund dann, er habe unkeuschte Gedanken gehabt. Das stand auch im Beichtspiegel, aber „unkeusch“ war genauso ein Wort, das keiner von uns verstand – und bei dem die Erwachsenen so merkwürdig wortkarg wurden, wenn wir danach fragten. Konfirmanden unter uns muss man vielleicht erklären, dass es damals noch nicht so viel nackte Haut im öffentlichen Raum zu sehen gab, auch noch kein Internet gab und wir uns, als wir etwas älter waren, mit dem Unterwäschekatalog vom Quelleversand behalfen. Kurz gesagt: Was für eine wundervolle Idee, die Sache mit der Sünde durch die Sache mit der Unkeuschheit zu erledigen!

Später haben wir gelernt, dass die Sache mit der Sünde immer ein kleines Augenzwinkern wert war: Sang nicht der unvergessene Willy Millowitsch: „Wir sind alle kleine Sünderlein“ – und das zur Melodie des schlesischen Liedes: Wenn wir sonntags in die Kirche gehen?! Wir lernten schnell: Sünde war etwas für Erwachsene, machte Spass und wurde schamhaft – oder schalkhaft bemäntelt. Und jetzt soll ich Euch beibringen, das mit der Sünde ernst zu nehmen? Vergesst es!

Tja, da haben wir den Salat: Auch hier in der Gnadenkirche gilt ohne Unterschied: Wir sind allesamt Sünder!

Neulich, abends im Luther-Gesprächskreis, da regte sich Widerstand. Warum muss Kirche uns immer erst so runtermachen, uns erst kleinmachen und nach dem schlechten Gewissen bohren? Sollte Christentum nicht eine fröhliche Veranstaltung sein? Stattdessen kommt Kirche so furchtbar negativ daher! Ich wünsche mir mehr Leichtigkeit und Positives!
Klarer kann man eigentlich nicht umschreiben, was uns heute, fast 500 Jahre später, von Luthers Zeiten trennt: Luther trieb die bange Frage um, wie er einen gnädigen Gott finde. Dafür ging er ins Kloster, warf mit Tintenfässern um sich und stand da und konnte nicht anders. Dafür brauchte er gleich 95 lateinisch geschriebene Thesen gegen den Ablass. Wir hingegen wünschen uns einen freundlichen, unterstützenden, einen bejahenden Gott – wenn wir ihn denn schon einmal suchen. Ist ja schon verheerend, wenn wir ihm so zwei- oder dreimal im Jahr über den Weg laufen, und dann redet der erst einmal von Sünde?! Bei Luther war das mit dem strafenden Gott und der Sünde so gewiss wie das Gewitter bei Mansfeld oder die Pestepidemie in Erfurt. Heute muss der Liebe Gott sich schon ein wenig attraktiver machen, wenn er noch einen Hund hinterm Ofen hervorlocken will. Marketing jedoch ist keine kirchliche Tugend …

Tja, da haben wir den Salat: Auch hier in der Gnadenkirche gilt ohne Unterschied: Wir sind allesamt Sünder!

Sagt die Bibel. Doch das, was sie damit meint, ist meilenweit von dem entfernt, was wir uns hier zusammenfantasieren. Glaubt Ihr im Ernst, Gott würde sich für das interessieren, was wir nachts am Kühlschrank treiben oder wann wir unseren erotischen Fantasien freien Lauf lassen? Glaubt Ihr im Ernst, Gott würde einen Strafpunktekatalog führen, um uns irgendwann den Lebensführerschein zu entziehen? Der Himmel ist kein Amtsgericht und keine Erziehungsanstalt! Jesus hat den Himmel einmal – für mich sehr eindrücklich – als ein Elternhaus beschrieben, in dem die Sehnsucht nach dem verlorenen Sohn wohnt, der Vater, der täglich Ausschau hält, um dem Heimkehrenden entgegenzulaufen. Und vielleicht eine Mutter, so füge ich eigenmächtig hinzu, die sorgenvoll das Kind in ihre Arme zurücksehnt. Gott fragt nicht: warst du auch immer artig? Gott fragt vielmehr: darf ich dir, kann ich dir Heimat und Geborgenheit anbieten? Magst du Mir dein Leben, deine Ängste und Nöte, deine Erfolge und Freude anvertrauen? Gehören wir zusammen?

Das hat übrigens auch Luther schon gewusst: Gott will nicht den Menschen, der aus Angst vor Strafe das Gute tut. Gott will den Menschen, der alles Gute von ihm erhofft und in allen Nöten Zuflucht bei ihm sucht. Gott will den Menschen, der ihm von Herzen vertraut. So haben wir es letzte Woche in Luthers Großen Katechismus gelesen. Und wenn das so ist, dann ist vielleicht die reformatorische Entdeckung Luthers und unsere Gegenwart doch nicht so weit von einander entfernt:

Wenn wir nämlich in unserem Leben auf Gott stoßen, so hin und wieder, dann geht es um unsere Glaubenszweifel, um das Gefühl, dass dieser Gott uns fremd und fern ist. Dann erleben wir, dass es so vieles um uns herum gibt, was wir auch für wichtig halten und womit wir uns gerne ablenken, woraus wir auch noch Sinn und Ziel des Lebens abzuleiten versuchen. Dann erleben wir in unseren stillen Stunden mehr Fragen als Antworten, mehr Sehnsucht als Erfüllung, mehr Angst als Zuversicht. All das ist es, was zwischen Gott und uns steht, was unseren Ruhm vor Gott, wie Paulus es nennt, schmälert. „Sünde“ bei Paulus ist keine Missetat, sondern ein Maßstab für Entfernungen! Mit Sünde bemisst sich unsere Gottesferne, die Distanz zum sehnsuchtsvoll wartenden Vater in Jesu Gleichnis.

Und wenn Paulus jetzt von der Gerechtigkeit spricht, die vor Gott gilt, dann meint er die ausgestreckte Hand Gottes, mit der Er UNSERE Gottesferne wenden will, unsere Zweifel und Fremdheit wegwischen will, unsere Angst und Verlorenheit besiegen will. Unsere Zweifel, unser mangelndes Vertrauen, unsere Unbeholfenheit in Glaubensdingen, unsere Scheu vor Gottes Nähe kann gewendet werden: nicht Ihr müsst etwas dafür tun, Gott selbst will sich Euch anbieten! Wir hingegen dürfen all das Trennende Gott zu Füßen legen! Und das ist dann eine wirklich frohe Nachricht für alle, die zwar das Wort Sünde nie in den Mund nehmen würden, aber immer wieder unter der Ferne und Fremdheit Gottes gelitten haben.

Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes
die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart.
Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott,
die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus
zu allen, die glauben.

Amen

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