Predigt vom 30. Oktober 2016

Die Predigt zum 23. Sonntag nach Trinitatis in der Gnadenkirche von Prädikantin Irmela Richter

Liebe Gemeinde,

mal ehrlich, haben Sie schon einmal versucht, mit Ihrem Gemüsehändler den Preis von 5 Kilo Kartoffeln auszuhandeln? Oder haben Sie vielleicht mit der Verkäuferin über den Preis eines Pullovers oder einer Hose diskutiert? Als vor gut 15 Jahren in Deutschland das Rabattgesetz weggefiel, war die Sorge vor einer Orientalisierung unserer Gesellschaft groß. Aber das Handeln um Preisnachlässe liegt den meisten von uns nicht, es würde in den meisten Geschäften auch nicht funktionieren. Die befürchtete Orientalisierung ist ausgeblieben.

In anderen Kulturen gehört das Handeln und Feilschen unbedingt dazu, sonst macht Kaufen und Verkaufen keinen Spaß. Möchte man auf einem Basar etwas kaufen, dann plaudert man zunächst unverbindlich mit dem Händler über Gott und die Welt: Wie geht es Frau, was machen die Kinder…? Kommt man dann zum Geschäftlichen, beginnt die Diskussion um den Preis. Schließlich einigen sich beide Seiten und der Handel wird abgeschlossen. Das ist eine uralte Tradition im Orient.

Schon im Alten Testament wird von so einem Handel berichtet. Nur dass es hier nicht um den Verkauf einer Ware geht, sondern um das Schicksal der Menschen in Sodom und Gomorra.

Ich lese den Predigttext für den 23. Sonntag nach Trinitatis aus dem 1. Buch Mose im 18. Kapitel:

20 Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer.
21 Darum will ich hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Und wenn nicht, will ich es auch wissen.
22b Aber Abraham blieb stehen vor dem Herrn 23 und trat zu ihm und sprach:
Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen?
24 Es könnten vielleicht 50 Gerechte in der Stadt sein; willst du die umbringen
und dem Ort nicht vergeben wegen der 50 Gerechten dort?
25 Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Gottlosen umbringen.
Dann ginge es ja den Gerechten genauso wie den Gottlosen.
Das kannst du doch nicht tun!
Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten?
26 Da sprach Gott, der Herr:
Wenn ich in Sodom 50 Gerechte finde, mitten in der Stadt, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben.
27 Abraham antwortete und sprach:
Aber siehe, ich habe nun einmal angefangen mit dem Herrn zu reden, obwohl ich nur Staub und Asche bin.
28 Es könnten vielleicht 5 weniger als 50 Gerechte darin sein; willst du wegen der 5 die ganze Stadt vernichten?
Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort 45 finde.
29 Da fuhr er fort, mit ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur 40.
Er sagte: Ich tue es nicht um der 40 willen.
30 Und weiter sagte er: Mein Herr, zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur 30.
Er sagte: Ich tue es nicht, wenn ich dort 30 finde.
31 Darauf sagte er: Ach siehe, ich habe nun einmal angefangen mit meinem Herrn zu reden – vielleicht finden sich dort nur 20.
Er antwortete: Ich werde sie nicht vernichten um der 20 willen.
32 Er sagte: Ach zürne nicht, Herr, dass ich nur noch einmal rede. Vielleicht finden sich dort nur 10.
Und wiederum sprach er: Ich werde sie nicht vernichten um der 10 willen.
33 Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg. Und Abraham kehrte zurück an seinen Ort.

Mich erstaunt, dass Gott offenbar nicht genau weiß, was in Sodom und Gomorra los ist. Ich hätte erwartet, dass Gott genau weiß, was auf der Erde geschieht.

Abraham ist offensichtlich sehr erschrocken, als Gott die Überprüfung der Zustände in Sodom und Gomorra ankündigt. Er ahnt sofort, dass diese Überprüfung nicht gut ausgehen wird. Darum appelliert er an Gottes Barmherzigkeit und an seine Rolle als gerechtem Richter der Welt. Einmal mutig geworden, versucht Abraham die bestmöglichen Überlebenschancen für die Menschen in der Stadt auszuhandeln.

Gottes Auftritt in dieser Geschichte entspricht so gar nicht den üblichen Vorstellungen und Erwartungen.

Da gibt es z.B. die Vorstellung, dass Gott alles sieht und ihm nichts entgeht. Gott ist so ähnlich wie eine Überwachungskamera, die alles beobachtet und aufzeichnet, was rund um die Uhr geschieht. Überwachung und Kontrolle pur wie in George Orwells „1984“.
Ich möchte nicht derart kontrolliert werden, auch nicht von Gott.

Viele Menschen wünschen sich einen Gott, der ähnlich wie der Schutzengel aus der Versicherungswerbung immer wachsam um uns herum schwebt und alles Unglück von uns fernhält.
Doch immer wieder machen wir die Erfahrung, dass genau das nicht eintrifft. Dann stellen wir Fragen: Warum hat Gott das Böse nicht verhindert? Warum hat Gott das Schreckliche zugelassen? Wo war Gott, als das Unglück geschah? All das dürfte nicht passieren, wenn Gott wie der Schutzengel aus der Werbung wäre.

Aber Gott greift nicht ein wie ein Feuerwehrmann, wenn es in unserem Leben brennt. Gott hält nicht alles Unglück von uns fern. Gott ist nicht immer da, wenn wir seine Nähe fordern und zieht sich diskret zurück, wenn wir ohne ihn zurechtkommen wollen.

Jede Vorstellung, jedes Bild, jeder Vergleich beschreiben nur einen Aspekt von Gott. Gott hat viel mehr Facetten, als wir es uns vorstellen können. Wir können nicht darüber verfügen, ob und wie Gott sich uns zu erkennen gibt.

Aber wann immer wir bereit sind, Gott zu begegnen, geht es um unsere Beziehung zu ihm und darum, wie wir diese Beziehung gestalten.

Beziehungen brauchen Kommunikation und Begegnung. Wenn eine Seite die Kommunikation vernachlässigt oder den Kontakt ganz aufgibt, dann ist das das Ende der Beziehung. Das erleben wir im zwischenmenschlichen Bereich, zum Beispiel nach Umzügen oder wenn Lebenswege auseinandergehen.

Abraham ist Gott noch viel näher als wir es heute sind. Er begegnet Gott persönlich und verhandelt direkt mit ihm. Dennoch fällt Abraham das Feilschen um Menschenleben nicht leicht. Das ist auch für Abraham nicht die übliche Art mit Gott zu reden. Das wird deutlich, wenn er sagt: „Ich habe nun einmal angefangen mit meinem Herrn zu reden“. Er nimmt allen Mut zusammen und bittet Gott um Nachsicht: „Ach zürne nicht, dass ich nur noch einmal rede“. Abraham macht im Laufe des Gespräches die Erfahrung, dass Gott mit sich handeln lässt. – Jedenfalls bis zu einer bestimmten Untergrenze. Die liegt bei 10 Gerechten. Mindestens 10 Gerechte müssen zu finden sein, um die ganze Stadt zu retten.

10 Gerechte – darunter ist von Gott kein weiteres Zugeständnis mehr zu erwarten. Noch weniger geht nicht.

Eine Form, wie Menschen ihre Beziehung zu Gott aufrecht erhalten, ist das Gebet. Im Judentum braucht es mindestens 10 erwachsene Männer, um die vorgeschriebenen traditionellen Gebete zu sprechen.

Darum kann die Mindestzahl von 10 Gerechten in der Stadt nicht unterschritten werden. Wenn weniger als 10 Gerechte in der Stadt verbleiben, dann wird es keinen Gottesdienst mehr geben. Wenn kein Gottesdienst mehr gefeiert wird, dann findet kein Kontakt mehr zwischen den Menschen und Gott statt. Dann ist die Beziehung zu Ende.

Abraham hat mit Gott bis zum Äußersten verhandelt. Gott hat sich als geduldiger Gesprächspartner gezeigt – genützt hat es der Stadt dennoch nichts. Die Geschichte ist bekannt, nur einen Gerechten fanden Gottes Engel in der Stadt: Abrahams Neffen Lot. Lot konnte sich rechtzeitig mit seiner Familie in Sicherheit bringen, bevor das Inferno über die Stadt hereinbrach. Die Sodomiter hatten ihre Beziehung zu Gott aufgekündigt, sie hatten Gott vergessen, waren im wahrsten Sinne des Wortes Gott-los geworden.

Beziehungen brauchen Kommunikation und Begegnung, auch unser Glaube an Gott. Die Zeiten, dass Gott einem Menschen persönlich begegnet wie er Abraham begegnete, die sind vorbei. Dennoch könnte es sein, dass wir ihm in einem anderen Menschen begegnen. Möglicherweise begegnen wir Gott in einem Menschen, der auf unsere Hilfe angewiesen ist. Möglicherweise erkennen wir Gott in diesem Hilfsbedürftigen nicht. Dennoch wird sich vielleicht genau in dieser Begegnung entscheiden, wie der gerechte Richter der Welt über uns urteilen wird. Jesus hat einmal gesagt: Was ihr demjenigen angetan habt, der eure Hilfe nötig hatte, das habt ihr an mir getan.

Es liegt an uns, wie wir die Beziehung zu Gott gestalten, ob wir unseren Glauben leben, ob wir den Kontakt zu Gott suchen und wie wir mit den Hilfsbedürftigen umgehen, denen wir begegnen, ob wir wegschauen und vorbeigehen oder ob wir uns kümmern und Hilfe leisten.

Jesus hat uns zwei Werkzeuge an die Hand gegeben, die uns dabei helfen, unseren Glauben zu leben:
Ein Gebet, in dem alles drin ist, was unsere Beziehung zu Gott lebendig hält: das Vater unser – und die Aufforderung an jenen nicht achtlos vorüber zu gehen, die unsere Hilfe benötigen. Wir könnten an Gott vorübergehen, ohne es zu merken.
Amen.

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