Predigt vom 21. August

Die Predigt vom Sonntag, 21. August 2016, in der Gnadenkirche von Pfarrerin Gudrun Schlößer.

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.
Amen.

Predigttext 1. Johannes 4

Geliebte, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Geliebte, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

Liebe Schwestern und Brüder,

was würden Sie sagen, wenn ich Sie heute statt mit dieser Anrede mal mit „Geliebte“ ansprechen würde? Sicher wären sie etwas befremdet.
„Na ja“, würden Sie vielleicht sagen, „ist ja schön, wenn sie uns gern hat, aber übertreiben muss man ja auch nicht.“ Geliebte, das sagt man nicht einfach so. Das ist schon ein Wort für eine besondere Beziehung
und für besondere Gelegenheiten.

Aber der Briefschreiber, nennen wir ihn Johannes, fängt genau so an.
Er spricht seine Adressaten,  seine Gemeinde als „Geliebte“ an.

Er bemüht dieses Wort tatsächlich für eine besondere Beziehung. Es geht ihm nicht um seine Beziehung zu seiner Gemeinde, nicht um seine Liebe zu ihnen, auch wenn sie ihm sicher am Herzen liegen.
Würde er sich sonst so wortreich um sie bemühen. Es geht um eine ganz besondere Beziehung – um Gottes Beziehung zu seinen Adressaten. Geliebte heißt „Von Gott Geliebte“.

Es ist Johannes wichtig, das mal als Erstes zu sagen: Ihr seid von Gott Geliebte, Gottes Geliebte. Denn Gott ist Liebe.
Woher weißt du das, Johannes? Uns kommen da manchmal Zweifel.

Aber für Johannes gibt es keinen Zweifel. Gott ist Liebe – ohne wenn und aber Und damit meint er nicht eine harmlose Kuschelliebe – so nach dem Motto „Der ist lieb! Der tut nichts! Der will nur spielen!“ Gott ist Liebe – das ist nicht harmlos. Das hat es in sich.

Gott ist Liebe, das heißt, sein ganzes Wesen ist Liebe. Darum will er nicht allein bleiben, denn Liebe kann nicht allein bleiben. Er sucht sich ein Gegenüber – er sucht sich uns als Gegenüber. Er ist stets zu den Menschen unterwegs. Die ganze Bibel erzählt davon, ist Gottes Liebesgeschichte mit seinem Volk, mit uns. Sie erzählt von seinem Ringen um uns, von seinem Nachgehen, selbst da, wo er auf Ablehnung, Gleichgültigkeit und Zurückweisung stößt.

Seinen Höhepunkt erfährt sein Werben um uns in seinem Sohn Jesus Christus. In ihm macht er sich selbst auf den Weg zu uns, mitten hinein in die verkehrte und verkorkste Welt. Er setzt sich dieser Welt aus – mit dem einen Ziel, uns das Leben zu retten. Wir sollen leben
und nicht in der Gottesferne sterben. Gott lässt sich seine Liebe einiges kosten. Das ist nicht harmlos, das ist bitterer Ernst.

Gott ist Liebe – und wir sind seine Geliebten.

Warum betont Johannes das so? Warum ist es ihm so wichtig,
dass er diese Anrede gleich mehrmals benutzt? Schauen wir doch mal,
woran unsere Liebe immer wieder scheitert.

Woran scheitert Kain? Er spürt die Liebe nicht. Er bemüht sich, buhlt um die Liebe Gottes, aber er spürt sie nicht. Wir empfinden das ja auch immer als ein bisschen gemein, wenn wir da lesen, dass Gott Adams Opfer ansieht, aber das von Kain nicht. Wir kennen das doch von uns selber – dieses Gefühl, der andere kommt besser an als ich,
obwohl er auch nichts anderes tut. Kain buhlt um die Liebe Gottes,
aber er spürt sie nicht – und als Gott, nach dessen Liebe er sich so sehnt, ihn dann anspricht, Kontakt zu ihm aufnimmt, weicht er aus. Schließlich sieht er keine andere Möglichkeit, als den Nebenbuhler auszuschalten – als würde Gottes Liebe nur für einen reichen.

War es vielleicht bei dem Streit in der Gemeinde des Johannes ganz genauso. Hatten sie vergessen, dass sie Gottes Geliebte sind? Deshalb buhlen sie darum, wer der Beste ist, wer es besser weiß, wer auf dem richtigen Weg und vielleicht sogar schon erlöst und Gott ein wenig näher ist – und dabei zerstreiten sie sich so, dass Johannes eingreifen und sie zur Liebe ermahnen muss.

Woran scheitern Priester und Levit im Gleichnis Jesu? Wollen sie sich nicht von ihrem Weg, von ihrem Plan abbringen lassen – keine Zeit, da wartet jemand auf mich? Wollen sie sich nicht die Hände schmutzig machen? Haben sie Angst um das eigene Leben? „Dem ist ohnehin nicht zu helfen. Der muss alleine klar kommen. Ich muss ja auch alleine klar kommen.“

Was macht der Samariter anders? Er sieht hin, bleibt stehen und wendet sich zu. Er lässt sich berühren. Er fragt nicht: Hat der das auch verdient? Er rechnet nicht. Er lässt sich unterbrechen. Er tut das, was jetzt nötig ist. Das hat er sich nicht vorher vorgenommen. Er ist nicht ausgezogen, Gutes zu tun. Er ist einfach vorbei gekommen und hat angehalten.

Und ich?
Woran scheitert meine Liebe?
Nicht auch oft genau daran, dass ich vergesse, dass ich geliebt bin. Ich meine, mich erst beweisen und bewähren zu müssen, zu zeigen, was ich drauf habe. Und dann bin ich ganz mit mir beschäftigt. Hab keine Aufmerksamkeit für den anderen mehr übrig – keine Zeit, keine Lust. Ich hab genug mit mir zu tun und kann mich nicht auch noch um andere kümmern – um mich kümmert sichdoch auch keiner.

Ich habe Angst vor den Folgen, Angst, mich zu verzetteln. Und dann geht der andere mir vielleicht noch auf die Nerven. Mal vergesse ich,
dass ich geliebt bin und mal vergesse ich, dass mein Gegenüber von Gott geliebt ist. Mal ist es wie bei Kain – der Neid und die Angst zu kurz zu kommen und nicht gesehen zu werden, stehen mir im Weg. Mal ist es wie bei Priester und Levit: ich will mich nicht unterbrechen lassen, nicht hinsehen, mir den anderen lieber vom Leib halten. Wer weiß, was ich mir damit einhandle.

Halt, hör auf damit, sagt Johannes. Das macht dich hart, selbstgerecht und ungerecht, aber niemals zufrieden. Du hast das nicht nötig. Du musst keine Angst haben, du musst dich nicht abgrenzen, du kannst austeilen – großzügig.

Denn Du bist geliebt – Gottes geliebtes Kind – vor allem anderen.

Wieso? Keine Ahnung – weil Gott es so wollte. Weil Gott nicht anders kann. Weil Gott Liebe ist. Wenn ihr das begriffen habt, sagt Johannes, dann werdet ihr euch auch untereinander lieben. Nicht als saure Pflicht, sondern ganz selbstverständlich. Liebe kann man nicht für sich behalten und still genießen. Diese Liebe drängt hinaus – und nicht nur zu den Liebenswerten, Sympathischen, Erfolgreichen, sondern auch zu den Gescheiterten, Geschundenen, die da am Straßenrand liegen.

Klingt plausibel, aber so einfachist das nicht.

Gott ist Liebe – was heißt das denn im Alltag? Wenn jemand mein Ohr braucht, ich aber gerade auf dem Sprung bin? Wenn jemand um meine Hilfe bittet, der mir neulich noch schräg gekommen ist? Wenn ich im Bonner Loch an einem Bettler vorbei komme? Wenn die Frau mit dem Rucksack vor meiner Türe steht und wir gerade Geburtstag feiern? Wenn ich mich über den Kollegen oder die Kollegin ärgere, oder über den Autofahrer, der mir gerade die Vorfahrt genommen hat.

Gott ist Liebe, das heißt: Gott liebt mich und Gott liebt ihn oder sie. Sein Sohn Jesus Christus ist zu ihr und zu mir gekommen, für ihn und für mich. Keiner von uns hat seine Liebe mehr oder weniger verdient.
Gott hat mich wie ihn lieb, nicht die eine mehr und den anderen weniger. Wir müssen uns da gegenseitig nichts neiden.
Als Geliebte sind wir frei, unsere Liebe unbegrenzt zu verschenken
– manch einer mag ruhig von „verschwenden“ oder „vergeuden“ sprechen.

Aber ist es Verschwendung, wenn ich dem Nichtsesshaften an der Tür Geld für die Fahrkarte gebe – oder ist es tätige Liebe, oder kaufe ich mich nur frei, um meine Ruhe zu haben? Hat er das verdient oder zieht der mich über den Tisch?

Gott ist Liebe. Da wird nicht sortiert, gemessen und gerechnet. Liebe verdient man nicht. Man bekommt sie geschenkt. Liebe kann man nicht vergeuden. Gott ist Liebe, die allen Menschen gilt. An Jesus sehen wir es. Wir werden eingeladen zu tun, was er getan hat – was wir dann erleben werden? Es ist ein Experiment, vielleicht auch ein Wagnis. Wir werden was erleben. Wir werden Erfahrungen machen,
nicht nur mit uns und untereinander, sondern auch mit Gott. Natürlich werden wir auch immer wieder scheitern – kein Grund, es nicht immer wieder zu versuchen. Gott versucht es auch immer wieder mit mir.

Johannes wirbt: Niemand hat Gott je gesehen, wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns. Können wir ihn spüren oder ahnen in der Liebe, die uns zuteil wird – in mitfühlender Liebe, helfender Liebe,
Liebe, die vom anderen und seinen Bedürfnissen her denkt. Können wir ihn spüren oder ahnen in der Liebe, die wir verschenken dürfen? Kann ich seine Nähe und Liebe spüren oder ahnen und andere spüren lassen.

Vergessen wir nicht: Wir sind Geliebte. Gott vertraut uns seine Liebe an. Teilen wir sie also reichlich aus – ohne zu rechnen und zu knausern. Wir dürfen sicher sein: Es reicht für alle, auch für uns!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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