Evangelium nach Lukas

Predigt zur Konfirmation 2016

Predigt zur Konfirmation 2016

1 Kor 14,1–3

Kirchenslang, den kein Schwein versteht, den kennt Ihr zu Genüge. So ein Pfaffe redet ja viel, wenn der Tag lang ist, und da ist manch seltsamer Kram dabei. „Himmelreich, Heiland, Messias, Sohn Gottes, Halleluja, Hosianna“ und was sonst noch alles. Ich bin auf dem Land groß geworden, und wenn wir unsere Lehrer ärgern wollten, gaben wir in solchen Situationen den Bauernbengel: „Hosianna, was ist denn das? Kann man das essen? Ist das ansteckend? Ist das was unanständiges?“ Mann, was waren wir aufgeschlossen für neue Bedeutungshorizonte! Und unseren Lehrern wuchsen graue Haare: Hatten sie es doch schon immer gewusst: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht! Auch Ihr habt euch manchmal sicherlich gefragt, wovon wir Kirchenleute gerade reden. Aber Ihr habt anders als wir damals höflicherweise nicht den Bauernbengel gegeben, auch wenn Eure Fragen nicht unähnlich waren: Warum soll man an etwas glauben, was man nicht sehen und anfassen kann? Warum soll man Vergebung für etwas suchen, was uns nicht weiter auf der Seele liegt? Und ist „Jesus liebt dich“ nicht eine furchtbar kirchliche Floskel, aber meilenweit vom täglichen Leben entfernt?

Okay, Schwamm drüber, das mit dem Kirchenslang ist erst einmal vorbei, Ihr schließt die Zeit mit der Konfirmation ab. Genug der Innenschau, genug der Frage, ob da ausreichend Glaube in Euch wächst und wie Ihr zum Lieben Gott überhaupt steht. Diese Frage habt Ihr erst einmal geklärt im vergangenen Jahr. Jetzt ist was anderes dran! Ihr denkt vielleicht an Geschenke, lecker Essen, nette Gäste usw.

ABER wir hätten da heute noch etwas ganz anderes für Euch: An die Stelle des Kirchenslangs sollte das eigene Engagement treten, die eigene Rede zu den Menschen um Euch herum! So heißt es im Predigttext 1 Kor 14,1–3*:

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!
Strebt nach den Gaben,
die Gottes guter Geist verleiht.
Strebt vor allem aber danach,
als Prophet, als Prophetin zu reden.
Wer im Kirchenslang redet,
spricht nicht wirklich zu den Menschen.
Kein Mensch versteht ihn.
Wer dagegen als Prophet, als Prophetin redet,
der spricht zu den Menschen.
Er baut die Menschen auf,
ermutigt sie
und tröstet sie.

Als konfirmierte Christinnen und Christen habt Ihr etwas zu sagen, auch wenn das vielleicht nicht alle hören wollen. Ihr seid die Stimme der nächsten Generation. Ihr seid die Generation, für die Zukunft zur unmittelbaren Gegenwart werden wird. Erinnert Ihr Euch an die prophetischen Gestalten aus dem Alten Testament? Die haben gemahnt und gewarnt, Verantwortung für die Zukunft eingefordert, scheinbar unumstößliche Gewissheiten in Frage gestellt, unbequeme aber notwendige Forderungen gestellt. Die haben verhindern wollen, dass sich ihre Zeitgenossen aus der Verantwortung stehlen oder in den Tot-Stell-Reflex flüchten, weil man angeblich ehedem nichts machen könne.

So etwas Ähnliches ist nun auch von Euch gefordert! Mit dem heutigen Schritt hin auf das Erwachsenwerden stellt sich für Euch die Frage, was Ihr zur Gestaltung von Zukunft beitragen wollt, welche Spuren Ihr in das Leben aller einschreiben wollt. Ein Weg dazu ist das prophetische Wort, die Einmischung, der Widerstand, die inspirierende Hoffnung, die beharrliche Mahnung.

Und seien wir ehrlich: Themen habt Ihr jetzt schon mehr als genug: Ich greife ein einziges heraus: Die Gesellschaft, in der Ihr als Erwachsene leben werdet, wird sehr anders aussehen als heute. Und wenn wir ehrlich sind: unsere heutige Gesellschaft sieht schon anders aus, als wir es uns in verklärter Erinnerung an früher zurecht legen. Dass Gesellschaft uns dennoch nicht um die Ohren fliegt, dass es so etwas wie einen sozialen Kitt gibt, Werte des Zusammenlebens und der gegenseitigen Solidarität, daran muss heute wieder gearbeitet werden, das fällt gerade in einer Lage wie der unseren nicht vom Himmel. Nur zu klagen, dass dies nicht mehr die Gesellschaft von Anno Duwak sei, hilft da wenig! Es braucht prophetische Visionen!

Die Zeiten, da Globalisierung nur vor unserer Haustüre stattfand und so aussah, wie wenn der arme Süden und der arme Osten sich an den fortschrittlichen Westen anzupassen habe, sind vorbei. Die Zeit, wo wir zwischen den Problemen draußen und den Problemen drinnen unterscheiden konnten, sind Geschichte. Die Wunschvorstellung, dass uns nichts angehe, dass wir ignorieren könnten, was woanders brennt, ja, dass wir Geschäfte machen könnten, ohne mit den Folgen leben zu müssen, hat sich längst in einen Albtraum verkehrt. Kann es da noch ein weiter so wie immer geben? Die Zeit ist reif für prophetische Widerworte!

Dass all die innereuropäischen Flüchtlinge ja eigentlich nur Wirtschaftsmigranten sind und dass das ja nicht zählt, da könne jeder kommen, das haben wir uns säuberlich zurecht gelegt. Zu dumm nur, dass die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge trotzdem an unsere Türen hämmern, weil sie ein Stück vom Kuchen abbekommen wollen. Ist es damit getan, denen zu erklären, dass das aber unser Kuchen sei? Ich fürchte, auch hier braucht es prophetische Weitsicht!

Dass die syrischen, irakischen und afghanischen Flüchtlinge vor Krieg, Folter und Versklavung fliehen, kann man ihnen nicht verübeln. Wenn es doch nur nicht so viele wären … Und schon ist vergessen, dass auch der Westen seine Finger mit im Spiel hatte, so lange es gut für ihn lief. Doch als die ersten Flüchtlingswellen die Nachbarländer überfluteten, war kein Geld für die menschenwürdige Unterbringung oder auch nur eine ausreichende Ernährung da. Erinnert sich noch irgendjemand, dass der UNHCR um Geld gebettelt hat für die Auffanglager? Sollen doch der Libanon, Jordanien und die Türkei selbst sehen, wie mit der Völkerwanderung klar kommen: nicht unsere Grenzen! Schon damals gab es prophetische Stimmen, doch keiner hat sie hören wollen!

Dass Schwarz-Afrikaner wie Nord-Afrikaner zu Zehntausenden an unseren Südgrenzen scheitern, nicht nur am Seegang des Mittelmeeres, sondern auch an der nordafrikanischen Polizei, ist keine Fernsehbilder, keine Pressefotos mehr wert. Problem erkannt, Problem gebannt, so reden wir uns ein. Nach deren Fluchtursachen zu fragen ist uns zu anstrengend. Und dass aus zehntausenden bald Millionen werden, wenn wir weiter wegschauen, das konnte man neulich schon in der Zeitung lesen. Aber so lange die Südgrenze hält, schlafen wir ruhig. Es sei denn, ein Prophet machte sich doch noch mal die Mühe, seine Stimme zu erheben?

Nur ein Thema von vielen, wenn es um Zukunft geht. Und alles, was meiner Generation dazu einfällt, ist Kosmetik. Höhere Zäune, Lager auf der Fluchtroute, Geld dafür, dass andere die Drecksarbeit für uns machen. Nur den Finger in die wirkliche Wunde, den legt keiner. Ist halt eine prophetische Aufgabe.

„Und warum wir?“, werdet Ihr jetzt fragen. Weil die Frage: „Warum ich?“ viel zu oft gestellt wurde. Es gehört zur Verantwortung des mündigen Christen dazu, die Augen nicht vor der Wirklichkeit zu verschließen, sich nicht vor der Verantwortung zu drücken, dem Lauf der Geschichte notfalls ins Rad zu fallen: Denn wir Christen stehen nicht alleine in dieser Geschichte, sind ihrem Lauf nicht blind ausgeliefert: Gott selbst hat uns versprochen, mit uns auf diesen Wegen unterwegs zu sein. Wir werden nicht alleine um eine bessere Welt kämpfen müssen. Gottes guter Geist wird unser Wort zum wahrhaft prophetischen Wort machen, wird dafür sorgen, dass dieses Wort nicht ohne Früchte wieder zu uns zurückkehrt. Wenn Gott uns in seinen Dienst nimmt, dann wird unser Wort all die Autorität haben, die es braucht, um der Geschichte eine andere Richtung zu geben. Und glaubt mir: Ihr braucht diese Autorität, dann das, was es da zu sagen gibt, wird weh tun. Aber uns selbst belogen haben wir lange genug. Darum packt es mutig an, denn Ihr seid nicht alleine damit unterwegs!

Amen!

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