Evangelium nach Lukas

Predigt Kantate 24.04.2016

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Kol 3,12-17:
12 So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;
13 und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
14 Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
15 Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
16 Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.
17 Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Liebe Brüder und Schwestern,

stellen Sie sich vor, wir als Gemeinde wären ein großer Chor. Das sollen wir doch sein, oder. Schließlich heißt unser Sonntag Kantate – Singt! Und im Predigttext steht es eindeutig: „Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen!“

Was würden wir als Gemeindechor wohl singen?

Eine jubelnde und dankbare Antwort auf das, was Gott für uns und an uns getan hat – Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat? Oder Klagelieder, die das Weinen und Flehen, die Hoffnung auf Hilfe, das „Herr, erbarme dich!“ Gott anvertrauen, Passionsgesänge oder Osterjubel – je nachdem wie wir uns in dieser Welt gerade wahrnehmen, je nachdem wovon das Herz voll ist
und der Mund überquillt?

Stellen Sie sich vor, wir, die ganze Gemeinde, wären ein Chor, der Chor der auserwählten Heiligen! Was, ein Auswahlchor? Ob ich da überhaupt mitsingen darf? Vielleicht muss man erst vorsingen, mit glockenreiner Stimme.
Vielleicht darf nur mitsingen, wer immer genau den richtigen Ton trifft, nur die Begabten, die Sicheren, die mit der klaren Stimme und dem guten Ton, die sich auskennen und wissen, wie es geht.
Falsch – Gemeinde ist ein Chor der Auserwählten, und kein Auswahlchor – eine Verwechslung, die schnell passiert ist. Der Chor der auserwählten Heiligen – dazu gehören wir alle – Sie und Sie und du und ich – nicht weil wir so heilig sind, nicht weil wir so laut und überzeugend singen können, nicht, weil wir uns durch irgendetwas Besonderes auszeichnen, sondern weil Gott uns auserwählt hat, er hat uns zu seinen auserwählten Heiligen gemacht – damals, bei unserer Taufe. Da hat er gesagt: Du bist mein geliebter Sohn, du bist meine geliebte Tochter! Du gehörst zu mir.
Heilig ist, wer zu Gott gehört – zur Gemeinschaft der Heiligen – von ihm ausgewählt; durch ihn gerettet; durch seinen Tod und seine Auferstehung mit einem neuen Leben beschenkt. Damit sind wir aufgenommen in diesen Chor – ohne Aufnahmeprüfung.

Stellen Sie sich vor, unsere Gemeinde wäre ein solcher Chor der auserwählten Heiligen. Viele Chöre haben eine bestimmte Chorkleidung – zumindest bei Konzerten: ein Shirt mit Aufdruck, schwarz weiß, wenn es feierlich sein soll, vielleicht noch ein Seidenschal, um dem Ganzen etwas Glanz zu verleihen – bunt oder einfarbig – je nachdem, welche Signale man mit der Kleidung setzen will, je nachdem, was gesungen wird.
Unser Predigttext empfiehlt unserem vorgestellten Gemeindechor auch eine bestimmte Kleidung – eine Kleidung, die sich nicht nur auf den äußeren Eindruck bezieht, sondern sich auf unsere Stimme und unsere Stimmung auswirkt, auf Harmonie und Zusammenklang. „Zieht an als die auserwählten Heiligen herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld.“
Was sind das für Kleider?
Erbarmen – Habt ein weites Herz füreinander! Nehmt eure Mitsänger und Mitsängerinnen wahr! Achtet aufeinander, darauf, wie es den anderen geht, auf ihre Stimmung! Seid mit ihren Fehlern barmherzig – ihr trefft schließlich auch nicht immer den richtigen Ton. Nagelt sie nicht drauf fest! Gebt einander den Raum, den jede und jeder braucht und helft dazu, dass jeder sich mit seinen Gaben einbringen kann. Fangt nicht an, zu vergleichen und zu beurteilen, das verpestet nur das Klima.
Freundlichkeit – Kommt nicht schon missmutig und missgünstig an. Begegnet einander vielmehr mit Freundlichkeit, mit einem netten Wort. Seid offen, wenn jemand neu dazu kommt und die Gepflogenheiten noch nicht kennt. Freundlichkeit schottet sich nicht ab. Macht den großen Chor der Gemeinde nicht zu einer geschlossenen Gesellschaft, in der nur mitsingen darf, wer schon immer dabei war.
Demut – Es können nicht immer alle die Melodie oder die markante Oberstimme singen. Seid bereit auch mal zurück zu treten, die zweite Stimme zu singen. Auch der darf im Gesamten nicht fehlen. Schaut, was gebraucht wird! Tut, was dem Ganzen dient! Stellt euch in den Dienst aller, statt immer nur drauf bedacht zu sein, selber groß raus zu kommen, gehört und wahrgenommen zu werden.
Sanftmut – Begegnet einander nicht mit gewaltigen Gesten, lauten Worten, sondern ruhig, besonnen – sanft eben. Dazu gehört Mut, denn die leisen, die sanften werden manchmal auch überhört und nieder gebrüllt.
Geduld – die braucht nicht nur der Chorleiter – aber der hat sie ohne Ende, denn unser Gemeindechor wird von keinem anderen dirigiert als von dem, der uns in den Chor aufgenommen hat, von Jesus Christus. Und der hat Geduld mit uns – über die Maßen – auch mit unseren schiefen Tönen und unseren manchmal kruden Eigenarten.
Aber auch wir brauchen Geduld miteinander, der Sopran mit dem Bass, der, der seine Stimme gut und schnell kann mit dem, der sich immer wieder schwer tut, die Alten mit den Jungen, die Ruhigen mit den Unruhigen, der ausgebildete Tenor mit dem, der nur selten einen Ton auf Anhieb trifft. Geduld anzuziehen, hilft auch, mit Misserfolg und Rückschlägen umzugehen, und damit, dass manches unendlich langsam voran geht und mühsam ist – und sich manches vielleicht nie ändert.
Das alles soll unsere Chorkleidung sein, sagt Paulus.

Na, mit dieser Kleidung müsste der Chor ja an Harmonie kaum zu überbieten sein – das reine Paradies: kein böses Wort, kein Streit, kein Neid, kein Gerangel um die besten Plätze und die Gunst des Chorleiters – gibt’s das im richtigen Leben? Das klingt jedenfalls ganz schön anstrengend.
Ich bin nämlich gar nicht sicher, ob diese Kleider mir nicht viel zu groß und zu schwer sind. Was, wenn ich immer wieder zu den alten, vertrauten, bequemen Klamotten greife? Was ist, wenn mir die Demut und die Sanftmut abgehen, wenn Geduld nicht gerade meine große Stärke ist? Paulus, geht das nicht eine Nummer kleiner?
Doch, das geht, denn nach diesen großen Worten sagt auch Paulus es noch mal eine Nummer kleiner und eine Nummer nüchterner: Ertragt einander – sagt er. Na, das klingt ja schon ein bisschen normaler – aber leicht ist das auch nicht.
Wenn ich bedenke, wie schwer ich manchmal zu ertragen bin und wie schwer es mir manchmal fällt, andere zu ertragen, die mich einfach nur nerven. Ertragt einander – den schief brummenden Bass, die schrill kreischende Sopranistin, die sich immer so wichtig macht, den Tenor, der ständig in die Pausen singt und die unruhige Altistin, die keinen Moment ihre Klappe halten kann. Ertragt einander – mit euren Fehlern und Macken, mit all den Rückschlägen, mit dem, was euch manchmal aneinander auf die Nerven geht oder befremdet. Ertragt einander, weil Jesus Christus jede und jeden von euch auserwählt hat, weil ihr alle, jeder und jede, seine Geliebten seid.
Und vergebt einander – denkt immer daran: Du und der andere – ihr seid beide nicht perfekt und immer wieder auf Vergebung angewiesen – und Jesus Christus vergibt euch und nimmt euch mit euren Fehlern und Eigenarten immer wieder an – wie solltet Ihr da dem anderen Vergebung schuldig bleiben. Geht vielmehr freundlich und geduldig mit euch und euren Fehlern um, schmiert sie euch nicht gegenseitig auf’s Butterbrot. Vergebt einander, bemüht euch umeinander.
Jesus Christus hat es euch vorgemacht. Ihr dürft neue Kleider tragen. Ihr dürft neue Lieder singen. Traut euch! Übt es immer wieder ein. Und wenn sie euch zu groß erscheinen – Ihr werdet hineinwachsen. Nehmt die neuen Gewänder, ihr müsst sie nicht selber nähen oder weben. Jesus schenkt sie euch. Er hat sie euch umgelegt in der Taufe und er hat euch gezeigt, wie man sie trägt. Er gibt uns noch eines dazu: Die Liebe. Sie hält all diese Gewänder zusammen. Sie ist der Gürtel, der uns die einzelnen Gewänder erst ordentlich tragen lässt. Sie ist das bunte Band der Vollkommenheit, das sie erst recht zur Geltung bringt. Ohne diese Liebe wird all das andere zu starrer Pflichterfüllung, zu Zwang, zu verbissenem Gutsein. Ohne die Liebe sind unsere besten moralischen Leistungen, unser größtes Bemühen, unsere fleißigsten guten Taten nichts wert. Ohne die Liebe ist die Freundlichkeit aufgesetzt, die Demut nur gespielt, die Sanftmut erzwungen, die Geduld mit knirschenden Zähnen ausgehalten und das Erbarmen mit der Faust in der Tasche gezeigt. Ohne die Liebe sind all die anderen Gewänder nur Verkleidung, fromme Deckmäntelchen. Erst die Liebe lässt all das zur Wirkung, zum Klingen und Schwingen kommen.
Jesus hat uns neue Kleider geschenkt. Wir sollten sie anziehen und nicht in den Kleiderschrank hängen. Sie sind nicht nur für Weihnachten und Ostern, für Taufe und Konfirmation, für große Konzerte. Sie sind für alle Tage, für jeden Ton, den wir singen im Chor unserer Gemeinde. So bekleidet können wir heraussingen und heraustragen, wovon unser Herz voll ist und unser Mund überquillt.
So wird das Wort Christi, sein Evangelium, reichlich in uns wohnen und leben und nicht nur an Sonntagen zu Besuch sein. So werden alle es hören, das neue Lied, das vom Leben singt, wo der Tod regiert, das vom Frieden erzählt, den er in unser Herz gelegt hat, das einstimmen lässt in den Dank für das neue Leben, das er uns geschenkt hat.
Wir dürfen neue Kleider tragen, wir dürfen neue Lieder singen, weil er uns neues Leben geschenkt hat.

Und der Friede Christi, zu dem wir auch berufen sind in einem Leibe, regiere in unseren Herzen. Amen.

Gudrun Schlösser

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