Evangelium nach Lukas

Predigt Karfreitag

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Jesus neigte das Haupt und verschied. – Aus! Kerzen aus, Altar abgeräumt, Ende, Aus, Schluss. Jedes Jahr dasselbe. Und jedes Jahr ist es schwer zu ertragen. Karfreitag ist schwer zu ertragen. Karfreitag ist unpopulär. Wäre es nicht leichter, diesen düsteren Tag einfach zu überspringen und schon mal zu Ostern überzugehen.
Aber das konnten die Jüngerinnen und Jünger Jesu auch nicht. Sie mussten Karfreitag ertragen, hilflos, ausgeliefert, aller Hoffnungen beraubt. Warum musste das geschehen? so fragten sie sich. Warum dieser Tod, dieses Scheitern, dieses jähe Ende aller Hoffnungen und Träume? Was hatte Ihr Leben jetzt noch für einen Sinn? Was gab es für sie noch zu erwarten? Dieser Tod macht für sie einfach keinen Sinn. Er macht sie mutlos, sprachlos, lässt sie erstarren. Ihre Sprache haben sie erst langsam nach Ostern wiedergefunden. Erst im Licht der Auferstehung wird das Kreuz für sie überhaupt deutungswürdig. Sonst wäre es einfach das grausame Ende eines Gescheiterten gewesen. – Und genau das müssen Sie zunächst einmal aushalten.

Sie haben Antworten gesucht, Erklärungen für das, was Ihnen so fraglich erschien. Auch Paulus versucht einige Jahre später immer wieder seinen Gemeinden den Tod Jesu zu erklären. Nein, er hat nicht mit der Enttäuschung des Karfreitags zu kämpfen. Für ihn gab es das Kreuz nie ohne die Auferstehung, Karfreitag nie ohne Ostern. Aber ein ohnmächtiger Gott am Kreuz, das war für Juden wie für Griechen eine Zumutung. Für die einen ist der Tod Jesu ein Skandal – Gott am Kreuz, das geht doch nicht – heißt es doch in der Thora: Verflucht ist, wer am Kreuze hängt! – Für die anderen ist er eine Torheit – wie kann man sein Leben nur an so einen Gescheiterten hängen!
Für Paulus aber ist das Kreuz eine Gotteskraft. Sein Glaube ist ohne das Kreuz gar nicht denkbar.

Hören wir Worte aus dem 2. Korintherbrief
17 Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.
18 Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat.
19 Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung zur Verkündigung anvertraute.
20 Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen! Lasst euch versöhnen mit Gott!

Das ist die große Einladung, die für Paulus vom Kreuz Jesu Christi ausgeht. Nehmt diese Einladung an und sagt sie weiter. Das ist die eigentliche Aufgabe jedes Predigers, ja eigentlich jedes Christen: Die Versöhnung zu predigen. Das hat Gott uns anvertraut und zugetraut. Und alles kirchliche und gemeindliche Handeln und Reden hat letztlich nur der Verbreitung dieser Einladung zu dienen: Lasst euch versöhnen mit Gott.
Versöhnung, das ist ein großes Wort. Versöhnung, das bedeutet: Da wird etwas wiederhergestellt – eine abgebrochene, abgerissene Beziehung, da macht einer Frieden mit dem anderen und vielleicht auch mit seiner eigenen Vergangenheit. Versöhnung ist dann nötig, wenn etwas zerbrochen ist, aus dem Ruder gelaufen ist, vielleicht auch abgebrochen ist; eine Beziehungen, eine Freundschaft. Wenn einer mit dem anderen fertig ist. Wenn Worte gefallen sind, die verletzt haben und die wir nicht mehr zurück nehmen können.
Manchmal sehne ich mich nach Versöhnung. Aber soll ich den ersten Schritt tun? Was, wenn ich verletzt und zurückgewiesen werde, wenn der alte Streit wieder von vorne anfängt? Versöhnung ist ein schwieriges Geschäft und erfordert Mut – und auch die Bereitschaft, noch einmal genau hinzuschauen, auch auf das eigene Versagen. Zur wirklichen Versöhnung gehört die Konfrontation mit dem, was geschehen ist. Wir müssen die zugefügten Verletzungen voreinander aussprechen, vielleicht um sie erst einmal überhaupt wahrzunehmen, um zu wissen, was wir einander angetan haben. Das ist manchmal schmerzlich und nur schwer auszuhalten. Aber nur dann kann am Ende stehen: Wir fangen gemeinsam neu an.
Was gewesen ist, ist bereinigt. Wenn das gelingt, dann ist das wie eine Befreiung von einer schweren Last, die ich vielleicht über Jahre mit mir herumgeschleppt habe.
Versöhnung ist ein schwieriges Geschäft. Gott bietet uns Versöhnung an. Versöhnung mit Gott – aber warum? Also für mich hätte er das nicht machen müssen, mögen vielleicht manche Zeitgenossen sagen. Versöhnung mit Gott – na so schlimm bin ich nun auch wieder nicht. Klar, man macht mal den ein oder anderen Fehler, aber im Großen und Ganzen bin ich doch ganz o.k. Gott kann doch eigentlich ganz zufrieden mit mir sein. Und wenn nicht, dann muss das kein anderer für mich richten – schon gar nicht am Kreuz. Wär ja noch schöner. Dann muss ich das schon selbst hinkriegen.
Aber ist das nicht eine Illusion. Lügen wir uns da nicht etwas in die Tasche. Wenn wir uns in unserer Welt umschauen, dann müssen wir doch zugeben: Wir leben in einer unversöhnten Welt – und es gibt nichts, was wir so nötig hätten wie Versöhnung. Allein die schrecklichen Ereignisse der letzten Woche führen uns das schmerzlich vor Augen: Terror und Gewalt, Ohnmacht und Ausgeliefertsein, Schuld und Versäumnisse – und immer wieder die große Versuchung, wegzuschauen, sich das Leiden vom Leibe zu halten.
Aber hat das etwas mit unserer Unversöhntheit zu tun? Der Reformator Johannes Calvin hat einmal gesagt: Dass der Mensch wie Gott sein will und dass er immer wieder Götzen schafft, ist die zentrale Sünde, das zentrale Problem.
Es ist unser Eigensinn, der Gott nicht Gott sein lassen will, sondern meint alles selbst im Griff zu haben und sich selbst zum Gott macht. Es ist die Eigenmächtigkeit, die Gottes Willen zu kennen meint und diesen um jeden Preis durchsetzen will, notfalls mit Gewalt. Es ist die Verbohrtheit, die Gottes Reich auf Erden erzwingen will und Gott ins Handwerk pfuschen. Wir neigen dazu, uns selbst und unser Leben zum Maß aller Dinge zu machen und beurteilen, bewerten und benutzen die anderen nach diesem Maß. Wir machen uns selbst immer wieder neue Götzen – sie mögen Erfolg oder Ansehen, Reichtum oder Macht, Ruhe oder Sicherheit heißen – und opfern dann so manches und so manchen, um diesen Götzen zu huldigen.Und wenn einer uns in unserer Eigenmächtigkeit beschneidet, dann antworten wir gerne auch mal mit Gewalt – zumindest in Gedanken oder Worten, bisweilen auch in Taten.
Lasst euch versöhnen mit Gott. Das heißt: Hört auf, mit Gott zu konkurrieren, zu versuchen ihm gleich zu sein, euch selbst oder Dinge zu vergotten. Hinterfragt eure Götzenbilder, richtet euer Leben neu aus. Aber Versöhnung ist ein schwieriges Geschäft. Gott weiß das – und deshalb nimmt er das selbst in die Hand. – Und er macht sich Mühe damit. Das geschieht im Übrigen nicht erst am Kreuz. Es beginnt schon an Weihnachten. Gott kommt selbst zu uns in seinem Sohn Jesus Christus. Er begegnet uns mit seiner Liebe und lädt uns ein, unser Leben neu an seiner Liebe auszurichten. Da, wo sein Sohn Menschen begegnet, da geschieht das, was Paulus beschreibt mit den Worten: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. – da werden Menschen neu, bekommen neue Lebensmöglichkeiten. Da wird Leben neu. Gott nimmt unser Leben an, erlebt und erleidet es in Jesus Christus. Sein Weg der bedingungslosen und konsequenten Liebe bringt ihn schließlich ans Kreuz. In seiner grenzenlosen Liebe gibt sich Gott selbst hin. Er liefert sich allem menschlichen Versagen, all unseren Fehlern, unserer Unfähigkeit und unserer Schuld aus. Er erträgt alles, was Menschen bis heute einander antun – Verrat und Verleugnung, Verurteilung und Verspottung, Gewalt und Hass, Gleichgültigkeit und Feigheit, Härte und Lieblosigkeit.
Am Kreuz leidet Gott selbst. – Und er erträgt es. Er zieht sich nicht raus. Er hält aus bis zuletzt. Deshalb dürfen wir sicher sein: Er ist an der Seite der Leidenden. Er hält mit uns aus. Nein, er rettet nicht aus dem Leiden, reißt nicht einfach heraus, wie wir es manchmal wünschen, aber er bleibt im Leiden an unserer Seite. Gott erträgt das Leiden am Kreuz bis zum Ende. Er sinnt nicht auf Rache. Er fordert nicht Genugtuung. Er zieht die Ohnmacht der Allmacht vor. Lässt sich lieber ans Kreuz schlagen, als andere zu kreuzigen. Opfert sich selbst auf, statt von anderen Opfer zu verlangen. Er rechnet selbst seinen Peinigern ihre Sünden nicht zu, sondern erträgt ihre Vergehen gegen ihn geduldig. Er nimmt all das mit in den Tod, um es durch seinen Tod und seine Auferstehung zu überwinden.
So schafft Gott selbst Versöhnung. Er schafft, was wir nicht schaffen können. Er stellt die zerbrochene Beziehung wieder her, richtet unser Leben neu aus – wenn wir uns einlassen auf seine Einladung: Lass dich versöhnen mit Gott!

Wenn du willst, kann dich von jetzt an nichts mehr von der Liebe Gottes trennen und du wirst frei von Allmachtsfantasien, frei von dem Zwang, dich unsterblich zu machen, frei von selbstgemachten Götzen, denen es zu huldigen gilt, frei vom Geltungsstreben auf Kosten anderer und auch von dem unbarmherzigen Urteilen über andere. Du kannst dir eingestehen und anderen zugestehen, fehlbar und sterblich zu sein. Wer sich versöhnen lässt, wird selbst frei zur Versöhnung. Gott macht den ersten Schritt – und er macht es uns vor. Aber Versöhnung – selbst mit den Feinden, mit den Menschenverachtern, die Angst und Terror verbreiten? Ist das nicht zu viel verlangt? Ja, das ist viel verlangt, vielleicht zu viel für uns. Aber Jesus hat am Kreuz nicht gesagt: Versöhnung mit der ganzen Welt mit ihren Abgründen und Dunkelheiten – das ist zu viel verlangt! Aber er hat auch keine billige Versöhnung gebracht. Kein schlichtes Schwamm drüber. Seine Versöhnung gibt keinem Menschen das Recht zu töten und die Würde anderer zu missachten. Aber sie steht da – als immerwährendes Angebot, das Leben neu auszurichten. Sie nagelt keinen für alle Zeiten fest. Sie mahnt uns in all unserem Tun und Bemühen, die Möglichkeit der Versöhnung und des Friedens nicht aus den Augen zu verlieren, uns für Versöhnung und Frieden einzusetzen. Sie hält die Hoffnung wach, dass nicht Terror und Gewalt das letzte Wort haben, sondern dass am Ende Liebe, Frieden und Versöhnung siegen werden. So wie auch nicht das Kreuz das letzte Wort über das Leben Jesu hatte, sondern die Auferstehung, das neue Leben.
Darum: Halten wir heute den Blick auf unsere unversöhnte Welt aus, vertrauen wir sie dem an, der in Jesus Christus die Welt bereits mit sich versöhnt hat und nehmen wir sein Angebot an:
Lasst euch versöhnen mit Gott. Amen.

Und der Friede Gottes, des höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Gudrun Schlösser

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.