Evangelium nach Lukas

Predigt vom 13.03.2016 – Judica

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heilige Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Brüder und Schwestern!
Ich kann nicht drängeln. Konnte ich noch nie. In der Schlange, ob am Skilift oder an der Kinokasse, stehe ich immer hinten. Wenn sich eine Türe öffnet und alle auf die Plätze stürmen, gerate ich regelmäßig ins Hintertreffen. Freie Platzwahl ist mir ein Gräuel. Nicht, dass ich nicht gerne einen guten Platz hätte. Aber ich kann es einfach nicht. Deshalb bin ich froh, wenn mein Platz schon mal reserviert ist.

Der Kampf um die besten Plätze ist ein lebenslanges Thema, so scheint mir. Nicht nur im Konzert oder Theater, sondern auch in der Schule, im Beruf, im Sport, bei mancher Feier. Wo sitze ich richtig? Wo stehe ich? Wo positioniere ich mich am geschicktesten? Wo werde ich wahrgenommen, mein Einsatz gesehen und honoriert? Wo ist mein Platz? Vielleicht steckt dahinter ja die Angst, zu kurz zu kommen, übersehen oder gar vergessen zu werden, wenn die besten Plätze verteilt werden.

Ist das die Frage, die die beiden Jünger, Johannes und Jakobus umtreibt? Die beiden gehörten mit zu den ersten Jüngern Jesu. Er hatte sie berufen und sie hatten alles stehen und liegen gelassen und waren ihm gefolgt. Wahrscheinlich gehörten sie mit Petrus zu den engeren Vertrauten Jesu. Diese drei – Johannes, Jakobus und Petrus – durften Jesus auf den Berg begleiten, seine Verklärung erleben und die Stimme aus dem Himmel hören: „Dies ist mein geliebter Sohn!“. Später sind es auch die drei, die Jesus im Garten Getsemane mit sich nimmt.
Jetzt sind sie auf dem Weg nach Jerusalem. Sie merken, dass die Lage sich zuspitzt. Drei Mal schon hatte Jesus angekündigt, dass er leiden, sterben und auferstehen werde. Sie sind verunsichert. Sie wissen nicht, was kommen wird. Wäre es da nicht gut, wenn man einiges schon mal klären und regeln könnte? Immerhin könnte man schon mal fragen, wo man steht, solange Jesus noch bei ihnen ist. Schließlich soll ja aller Einsatz nicht umsonst gewesen sein.
Da nehmen Johannes und Jakobus Jesus beiseite. Voller Vertrauen und ziemlich kühn sprechen sie ihn an: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten. Wir beide möchten in deinem Reich zu deiner Rechten und zu deiner Linken sitzen, ganz nah bei dir, deine rechte und linke Hand.
Diese Plätze gibt es nur einmal. Wenn die erst besetzt sind, sind sie weg. Ganz selbstverständlich gehen sie davon aus, dass es dort, in seinem Reich, dieselbe Hierarchie geben wird wie bei den weltlichen Herrschern.
Ihr wisst gar nicht, was ihr bittet! antwortet Jesus. Wer neben mir in meinem Reich sitzen will, der muss meinen Weg mit mir gehen, der muss bereit sein, den bitteren Kelch des Leidens zu trinken, genauso wie ich. Könnt Ihr das? Völlig überzeugt antworten sie: Klar, das können wir. Natürlich sind wir dazu bereit. Wir sind schon so viele Wege mit dir gegangen, da werden wir auch diesen Weg mit dir gehen.
Ob sie sich später daran erinnern werden – im Garten Getsemane? Jesus bittet sie, mit ihm zu wachen, und sie schlafen dreimal ein. Ob sie sich daran erinnern werden bei der Kreuzigung? Rechts und links von Jesus sind nicht seine Getreuen, sondern zwei Verbrecher, die mit ihm ausharren? Von seinen Freunden keine Spur.
Ich fürchte, Ihr werdet tatsächlich leiden müssen wie ich, sagt Jesus. Sie werden euch verfolgen und anfeinden, aber über diese Plätze, die ihr von mir zugesichert haben wollt, kann ich und will ich nicht bestimmen. Glaubt mir! In meinem Reich hat jeder seinen Platz – ohne Rangordnung – von Gott geschenkt, nicht verdient, nicht hochgedient, sondern einfach so, weil ihr meine Freunde seid. Da könnt ihr sicher sein. Ihr habt euren Platz – das muss euch genügen.

Das Gespräch könnte hier beendet sein, wenn nicht – ja, wenn nicht die anderen zehn Jünger aufmerksam geworden wären. Irgendwie haben sie mitbekommen, was da zwischen Jesus und den beiden läuft. Sie reagieren mit Unmut, mit Unruhe. Was bilden die beiden sich ein? Was nehmen die sich heraus? Die glauben wohl, sie seien etwas Besseres? Insgeheim, hatte vielleicht jeder diesen Wunsch, aber so was spricht man doch nicht aus. So schamlos, ohne Scham, kann man doch nicht bitten. Doch, die beiden haben sich getraut. Darüber sind die anderen verärgert. Das Verhalten der beiden, die Bitte um eine Extrawurst, zerstört von jetzt auf gleich ihre Gemeinschaft. Wenn sie erst einmal anfangen, um die besten Plätze zu buhlen, dann sind sie keine Einheit mehr. Dann kocht jeder sein eigenes Süppchen. So schnell geht das!
Jetzt wird Jesus grundsätzlich: Ihr habt völlig falsche Vorstellungen von meinem Reich. Ihr seht nur, wie es in dieser Welt zugeht. Da gibt es oben und unten und die oben, tun alles, um oben zu bleiben, auch auf Kosten derer, die unten sind. Die, die groß sind, machen die kleinen noch kleiner, um größer dazustehen. Und natürlich sitzen alle lieber oben als unten Natürlich stehen alle lieber auf der Seite der Gewinner, sonnen sich in deren Erfolg, statt sich mit den Verlierern abzugeben.

Bei euch soll es nicht so sein, sagt Jesus, aber – wenn ihr so weiter macht, seid ihr auf dem besten Weg dahin. Bei euch soll es anders sein: Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein. Jesus stellt die Maßstäbe auf den Kopf. Groß ist, wer sich um der anderen willen klein machen kann. Groß ist nicht, wer sich oben seinen Platz sichert und den mit Zähnen und Klauen verteidigt, sondern wer anderen einen Platz im Leben einräumt, wer anderen Platz macht und Raum gibt.
Groß ist nicht, wer laut schreit: Ich brauch jetzt! Das steht mir zu!, sondern wer fragt: Was brauchst du? Groß ist nicht, wer fragt: Wozu könnte der andere mir nützlich sein, sondern wer fragt: Was kann ich für dich tun? So soll es bei euch sein. Ob es ihnen immer gelingt?

Gelingt es uns – in unserem christlichen Abendland mit seinen christlichen Werten? Gelingt es uns in unseren Kirchen und Gemeinden? Nein – es gelingt uns ganz oft nicht.
Wir sind nicht immer selbstlos, edel, hilfreich und gut. Manchmal packt uns die Angst, zu kurz zu kommen und wir meinen erst mal für uns selber sorgen zu müssen – oft ohne Maß und Ziel. Aber es ist schon viel, wenn wir uns immer wieder daran erinnern, dass es anders sein soll und anders sein kann. Und immer wieder gelingt es ja auch.
Gestern ist es gelungen, als der Gospelchor ein Benefizkonzert für die Flüchtlingshilfe gegeben hat – einfach so, natürlich aus Spaß am Singen, wer sagt denn, dass Dienen keinen Spaß machen darf, aber auch aus dem Bedürfnis heraus, ein Zeichen zu setzen und etwas für die Menschen zu tun, die bei uns fremd sind. Heute gelingt es den Churchillers durch ihre frohe gesungene Verkündigung. Immer wieder gelingt es in dem großen Engagement des Flüchtlingshelferkreises. Das ist nicht immer vergnüglich, was all die vielen Ehrenamtlichen da machen. Es gelingt in unseren Kleiderstuben und den vielen großen und kleinen diakonischen Aktivitäten. Es gelingt immer wieder, wenn Menschen einen Dienst, ein Amt, eine Aufgabe mit ganzem Herzen übernehmen – im Presbyterium, im Büro, beim Besuchsdienst … . In den letzten Wochen ist es uns gelungen im Glaubenskurs. Wir haben einander gedient mit unseren Erzählungen, unserem Glaubenszeugnis, mit unserem gemeinsamen Fragen und Suchen nach Antworten.
Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein.

Heute ist in drei Bundesländern Wahlsonntag. Natürlich will jeder, der antritt, am Ende Sieger sein – sonst wär das eine komische Wahl. Aber die meisten, die antreten, wissen auch: Es reicht nicht, eine Wahl zu gewinnen. Es reicht nicht, sich feiern zu lassen und von allen auf ein Podest heben zu lassen. Es reicht nicht, die eigene Größe zu feiern, indem man die anderen klein macht. Wer wirklich groß sein will, der macht sich zum Diener aller, der setzt sich ein für gute und gerechte Politik, der ringt um Lösungen, der verliert die Kleinen, Schwachen und Rechtlosen nicht aus den Augen, der stellt sich für die anderen in den Wind und steckt dafür auch Schelte ein. Jeder Wahlsieger muss sich daran messen lassen, ob er denen dient, die ihn gewählt haben und Verantwortung übernimmt für die, die ihm anvertraut sind. Ich bin dankbar für jeden, der nicht nur nach Macht giert, sondern sich dieser Verantwortung bewusst ist.

Ich möchte ein Bild gebrauche. Ich habe diese Woche die ersten Zugvögel gesehen. Einer ist bei ihnen der Erste, fliegt vorne weg, aber nicht um als erster anzukommen, sondern um den anderen zu dienen, sich für die anderen in den Gegenwind zu begeben. Der Erste ist der Diener aller. Und weil das auf Dauer über die Kräfte geht, wechseln sie ab. Ist immer ein anderer der Erste. Egoismus hat da keinen Platz, Alleingänge auch nicht.
Wer bei euch groß sein will, sei euer aller Diener.

Jesus hat es uns vorgemacht. Er hat sich klein gemacht und sich den Kleinen, den Schwachen zugewendet. Er hat sogar seinen Jüngern die Füße gewaschen. Am Ende stirbt er den Verbrechertod. Das alles hätte er nicht nötig gehabt. Er ist diesen Weg gegangen, weil er es so wollte, für uns, um uns zu erlösen vom krampfhaften Kampf um Geltung und Anerkennung. Er kauft uns frei von der Angst, nicht zu genügen, vergessen oder übersehen zu werden und am Ende keinen Platz zu haben. Er befreit uns von dem Zwang, uns selbst und anderen ständig beweisen zu müssen, wie toll, wichtig und wertvoll wir sind. Er hat uns ausgelöst aus dieser Versklavung an andere und deren Urteil. Er macht uns frei davon, andere ausbremsen und klein machen zu müssen, um selbst die besten Plätze zu ergattern.

Wir sollen, wir können anders miteinander umgehen. Wir können uns einander zuwenden, einander dienen, einander Raum geben. Keine Angst, wir verlieren nichts dabei. Wir müssen nicht um unseren Platz drängeln, wie haben längst einen Platz – einen Platz bei ihm, von ihm reserviert – keine freie Platzwahl, sondern Platzreservierung, Platzgarantie – 100 %.Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Gudrun Schlösser

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