Evangelium nach Lukas

Predigt zum Sonntag Septuagesimae, 2016

Predigt zum Sonntag Septuagesimae, 24. Januar 2016, Gnadenkirche Rheinbach
(Irmela Richter)

Korinth ist in biblischer Zeit eine spannende Multi-Kulti-Stadt mit vielen Möglichkeiten und Gesichtern. Wirtschaftlich prosperierend bietet die Hafen- und Handelsstadt ihren Bürgern alles, was das Herz begehrt: eine große Agora mit Rednertribüne, eine Straße mit vielen Geschäften, Theater und eine Arena, eine öffentliche Latrine und noch eine Reihe weiterer Errungenschaften der damaligen Zeit.

Verschiedene Religionsgemeinschaften geben den Bewohnern und Gästen der Stadt Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Neben Angehörigen der römischen Staatsreligion leben auch Juden und sogar erste Christen in Korinth, als Paulus das erste Mal in diese Stadt kommt. Nach seiner Abreise erfährt Paulus recht bald von Missständen in der Gemeinde und schreibt den Korinthern einen Brief.
Ich lese aus dem 9. Kapitel die Verse 24-27:

24 Ihr wisst doch:
Im Stadion laufen alle Läufer schnell, aber nur einer gewinnt den Preis.
Lauft wie der, der ihn gewinnt!
25 Alle Wettkämpfer üben im täglichen Leben Verzicht.
Sie tun es, um einen vergänglichen Siegeskranz zu gewinnen.
Aber wir tun es für einen unvergänglichen Siegeskranz.
26 So führt mein Wettlauf nicht ins Ungewisse und meine Fausthiebe gehen nicht in die Luft.
27 Im Gegenteil: Meine Schläge treffen meinen eigenen Körper und bringen ihn in meine Gewalt. Ich will nicht anderen etwas verkünden, bei dem ich selbst versage.

Liebe Schwestern und Brüder,

wer Spitzensportler werden will, muss nicht nur in sehr jungen Jahren anfangen, sondern über viele Jahre täglich mehrere Stunden trainieren. Nicht selten richtet sich das Leben an den Erfordernissen des Trainings aus. Wer sich darauf einlässt, der brennt für den Sport. Und wer so für seinen Sport brennt, der wird sich von anderen Vergnügungen tunlichst nicht ablenken lassen.

Paulus verwendet das Beispiel des Läufers, weil er möchte, dass seine Leser sich mit gleichem Engagement für ihren Glauben einsetzen wie der Athlet für den Sport. Die Christen in Korinth waren rückfällig geworden seit seiner Abreise. Sie kamen durchaus noch in der Gemeinde zusammen, um zu beten und um Abendmahl zu feiern. Aber man lebte in einer Gesellschaft, in der der griechisch-römische Kult einen großen Einfluss besaß. So manch einer diente zusätzlich einem der zahlreichen anderen Götter. Die Erwartung an diese Götter hatte Ähnlichkeiten mit einem Vertrag: Wenn ich dir etwas gebe, dann erwarte ich von dir zeitnah eine Gegenleistung.

Die Hoffnung auf das Ewige Leben, von der Paulus gesprochen hatte, war dagegen schwere Kost. Die Menschen wollten einen Gott, der im wahrsten Sinne des Wortes be-greif-bar war und ihnen möglichst sofort ihre Wünsche erfüllte.

Ist das bei uns nicht immer noch ganz ähnlich? Unsere Götter heißen nicht mehr Apollo oder Aphrodite, sondern vielleicht „Geiz-ist-geil“ oder „Weil-ich-kann“. Und deren Tempel sind große Warenhäuser oder Online-Plattformen. Die Berliner Rockband Rammstein beschreibt das in ihrem Song mit dem Titel „Mehr“ wie folgt:

Was ich habe, ist mir zu wenig.
Ich brauche ganz viel.
Hab nichts zu schenken.
Wozu Verzicht?
Zwar bin ich reich, doch reicht das nicht.
Bescheidenheit?
Alles was recht ist,
ich nehme alles, auch wenn es schlecht ist.
Ich werde nie satt.

Ich werde nie satt. So viel ich auch bekomme, es ist nie genug. Irgendetwas in mir bleibt immer leer und hungrig. Mit Geld kann ich mir viele Wünsche erfüllen. Aber da bleibt etwas, das kann ich mir mit keinem Reichtum der Welt kaufen. Was mich wirklich satt macht, – das gilt es herauszufinden. Allerdings werde ich mich dafür auf ein Terrain begeben müssen, wo ich dem Gedanken an meine eigene Sterblichkeit begegnen werde.

Die meisten Menschen fragen irgendwann, ob nach dem Tod noch etwas kommt und was am Ende des Lebens wirklich zählt.

Genau darauf weist Paulus hin, wenn er von dem unvergänglichen Siegeskranz spricht. Das ist ein Synonym für das ewige Leben, auf das wir Christen hoffen. Jesus selbst hat es so gesagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ (Joh 11,25-26a)

Was also wird am Ende meines Lebens wirklich zählen? Der Luxus, den ich mir leisten konnte oder die schönen Reisen, die ich unternommen habe? Das Geld, das ich nach schweren Erdbeben und anderen Naturkatastrophen für die Betroffenen in aller Welt gespendet habe?
Oder zählen vielleicht die Kontakte und Begegnungen mit Menschen, die Gespräche, die ich geführt habe, die Freundschaften und das Vertrauen zwischen uns? Die Momente, in denen ich jemand anderem helfen konnte, weil ich den Mut hatte, nicht wegzuschauen? Was von all dem habe ich selbst in der Hand? Und wie viel muss ich einfach nehmen, wie es kommt?

Was am Ende des Lebens wirklich zählt, diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen. Sie wird individuell ausfallen. Aber es hilft, sich bereits jetzt mitten im Leben mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Ich persönlich will nicht am Ende meiner Tage feststellen müssen, dass ich vieles gerne ganz anders gemacht hätte.

Abschließend verleiht Paulus seiner Forderung zum vollen Einsatz für den christlichen Glauben noch einmal Nachdruck, indem er auf sich und seine eigene Praxis verweist. Er muss selbst hart mit sich ringen, um auf dem eingeschlagenen Weg im Glauben an Jesus Christus zu bleiben. Paulus möchte, dass später niemand behauptet, er habe Wasser gepredigt und Wein getrunken. Es geht ihm darum, sich voll und ganz für die gute Botschaft einzusetzen. Es geht um alles oder nichts, es geht um den unvergänglichen Siegeskranz, damals wie heute.

Die Schwierigkeit besteht aber darin, dass niemand sicher wissen kann, ob sich die Hoffnung auf das Ewige Leben auch wirklich erfüllt, während die Einflüsterungen der anderen Götter eine sofortige Erfüllung unserer Wünsche versprechen.

Jesus hat versprochen, dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben erlangen werden. Auf dieses Versprechen muss ich vertrauen. Die Einhaltung dieses Versprechens ist nicht mit einer Wenn-Dann-Logik zu erzwingen. Wenn ich sonntags in die Kirche gehe, wenn ich immer bete, wenn ich fleißig Gutes tue, dann bist du, Jesus, auch verpflichtet, dein Versprechen einzuhalten. So funktioniert das nicht. Das Ewige Leben ist ein Geschenk. Ob ich es erhalte, werde ich erst wissen, wenn ich nicht mehr darüber berichten kann. Bis dahin kann ich nur vertrauen und glauben.

Darum bitte ich:
Gebe Gott, dass uns der Glaube an das Ewige Leben niemals abhandenkommt. Amen.

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