Evangelium nach Lukas

Predigt: 1. Advent

Pfr.’in Gudrun Schlösser

Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommen wird.

Römer 13,8-14
Bleibt niemand etwas schuldig!
Was ihr einander jedoch immer schuldet, ist Liebe.
Denn wer den anderen liebt, hat damit das Gesetz erfüllt.
Wenn nämlich das Gesetz sagt:
»Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst keinen Mord begehen, du sollst nicht stehlen, du sollst der Begierde keinen Raum geben!«,
dann sind diese und alle anderen Gebote in dem einen Wort zusammengefasst:
»Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«
Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses an.
Darum ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.
Bei dem allem seid euch bewusst, in was für einer entscheidenden Zeit wir leben.
Unsere Rettung ist jetzt noch näher als damals, als wir zum Glauben kamen, und es ist höchste Zeit, dass ihr aus dem Schlaf aufwacht.
Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe.
Darum wollen wir uns von allem trennen, was man im Dunkeln tut, und die Waffen des Lichts ergreifen.
Lasst uns ein einwandfreies Leben führen, mit dem wir im Licht des Tages bestehen können, ein Leben ohne Schlemmen und Saufen, ohne sexuelle Ausschweifung und ohne Streit und Rechthaberei.
Legt das alles ab, und zieht ein neues Gewand an: Jesus Christus, den Herrn.
Beschäftigt euch nicht länger damit, wie ihr die Begierden eurer eigenen Natur zufrieden stellen könnt.

Liebe Brüder und Schwestern,
Wie soll ich dich empfangen?
Wie bereiten wir uns vor auf einen besonderen Gast, auf Besuch? Klar, Wohnung aufräumen, vielleicht auch ein bisschen schmücken, den Tisch schön decken, Getränke kalt stellen.
Was biete ich an? Was ziehe ich an? Wie schmücke ich mein Haus, wie schmücke ich mich, damit der Gast merkt, dass er mir wichtig und willkommen ist?
Wie soll ich dich empfangen?
Wenn mein Bruder und ich früher schon mal eine Woche allein zu Hause waren,weil unsere Eltern verreist waren, dann gab es immer einen bestimmten Ablauf vor deren Rückkehr. „Aktion Puppenstube“ nannten wir das.
„Aktion Puppenstube“, das bedeutete, die Wohnung wieder annähernd in den Zustand versetzen, in dem meine Eltern sie verlassen hatten – aufräumen, leere Flaschen in den Keller bringen, spülen, saugen, herumliegende Klamotten aufsammeln und in den Wäschekorb werfen.
Immer wieder ermahnten wir uns dann gegenseitig: Los, mach voran! Wir haben nicht ewig Zeit, wir können nicht herumtrödeln, sie sind schon auf dem Weg.
Nicht, dass wir nicht gewusst hätten, was zu tun war. Wir wussten genau, wie unsere Eltern es gerne antreffen würden – und wir waren jedes Mal stolz, wenn wir es geschafft hatten, bevor das Auto um die Ecke bog und wenn unsere Eltern unsere Bemühungen mit einem anerkennenden Lob belohnten.
„Aktion Puppenstube“ ist in unserer Familie zu einem geflügelten Wort geworden, wann immer sich Besuch angesagt hat – immer ein bisschen lästig und mühsam, aber es lebt von der Vorfreude auf den erwarteten Besuch.
Aktion Puppenstube, dieses Unternehmen scheint mir ein angemessenes Bild für den Advent zu sein. Advent – Ankunft – Wie soll ich dich empfangen? Wie soll ich mich vorbereiten auf das Kommen dessen, der da angesagt ist?
Aktion Puppenstube – nicht nur äußerlich, indem wir Hausputz machen, unsere Häuser und unsere Straßen schmücken, die Festtagsgarderobe zusammen stellen – das gelingt uns ja meist ganz gut.
Adventszeit ist aber auch Aktion Puppenstube für die Seele – Inventur in meinem Leben, was sich da alles angesammelt hat, was herumliegt, was noch gebraucht wird und wovon ich mich vielleicht auch trennen sollte.
Davor scheuen wir uns ja immer ein bisschen, das ist mühsam, das fordert Entscheidungen, da muss ich mich selbst in Frage stellen und mich manchmal auch von Liebgewordenem und vertrauten Marotten trennen – wer tut das schon gerne.
Aber – wenn ich mich selbst liebe, wenn ich mir selbst etwas wert bin und mein Leben nicht in lauter Überflüssigem und Unwichtigen ersticken lassen will, dann sollte mir das dennoch ein Bedürfnis sein.
Nicht umsonst ist die Adventszeit Fastenzeit, Bußzeit, Zeit der Besinnung. Vorbereitungszeit auf den, der da kommen soll.
Paulus sagt: Es ist höchste Zeit. Der Morgen dämmert schon. Das Licht des Tages ist schon zu ahnen. Er ist schon unterwegs.
Wie soll ich dich empfangen? Wie soll ich das denn schaffen? Wie soll ich mich denn dabei orientieren? Woher soll ich wissen, was wichtig ist und was nicht?
Ich bin nicht allein. Ich bin nicht orientierungslos. Der, auf den ich mich vorbereite, der ist doch längst gekommen, ist doch längst an meiner Seite. Er wirft mit mir einen Blick in das Haus meines Lebens, keinen Kontrollblick, keinen strafenden Blick, sondern einen hellen und klaren, einen liebenden Blick. Nicht um mich zu rügen, sondern um mir bei meiner Aktion Puppenstube zu helfen.
Lasse ich ihn herein? Öffne ich ihm die Tür?
Wenn er kommt, bringt er mir zuerst einmal etwas mit – ein neues Kleid, sozusagen die Festtagsgarderobe.
„Wenn ich komme, sollst du das tragen!“ sagt er.
Er selbst zieht es mir an, legt es mir um – es ist gewebt aus den feinsten Stoffen. Es ist sein Gewand. Es bekleidet mich, es umhüllt mich ganz mit seiner Liebe.
Leg die alten Klamotten ab, sagt er, zieh das neue Kleid an, das ich dir schenke.
Es besteht aus herzlichem Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld; aus Verständnis und der Bereitschaft zur Vergebung. Zusammengehalten wird es von der Liebe, dem Band der Vollkommenheit.
Willst du es anziehen, dieses Gewand? Es kleidet dich gut.
Und dann schauen wir gemeinsam mein Lebenshaus an,machen Aktion Puppenstube– nicht nur im Wohnzimmer, sondern auch in den Schmuddelecken.
Er sieht das, was sich angesammelt hat, was herumliegt und vielleicht fragt er mich dann
z. B. beim Blick auf all die leeren Flaschen: Sag mal, brauchst du das alles wirklich, das, womit du dich betäubst, womit du meinst, deinen Lebensdurst zu stillen?
Und all die anderen Dinge, die sich da so finden, die rosarote Brille, die mir vorgaukelt, alles wäre bestens so wie es ist, oder die dunkle Brille hinter der ich mich verstecken kann, wenn ich geweint habe, die Masken, die ich trage, um vor anderen zu verbergen, wie es mir wirklich geht. – Du brauchst sie nicht mehr, sagt er.
Du hast ein neues Gewand, du brauchst nicht mehr das dicke Fell, das da in der Ecke liegt, das verhindert, dass dir die Dinge, auch die Not deiner Mitmenschen zu nahe kommen und die faule Socke, die du immer dann anziehst, wenn du dich am liebsten aus allem heraushältst. Und die Plateauschuhe, mit denen du immer versuchst, dich ein bisschen größer vor den anderen zu machen; das Glitzerkleid, das du nur trägst, um andere in den Schatten zu stellen.
Wirf sie weg – genauso wie die angeblich weiße Weste, die doch auf der Rückseite einen schwarzen Fleck hat. Riech doch mal an all den alten Klamotten, sie riechen nach Streit, Neid und Eifersucht, nach Ärger und Unfrieden.
Das ist doch keine Kleidung, wenn man Besuch erwartet.
Trenn dich davon, es wird dir besser gehen!Das hast du doch auch gar nicht nötig, weil du jetzt ein anderes Kleid hast, ein besseres – ein ganz neues Kleid –
mein Kleid, ohne den alten Mief.
Ich schenke es dir. Ich lege es dir um. Dieses feine Gewebe aus meiner Liebe.
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. So, wie du für dich und deine Bedürfnisse sorgst, wenn du dich liebst, so sollst du auch einen wachen Blick auf den anderen und seine Bedürfnisse haben, bereit sein für ihn.

Erinnern Sie sich noch an den Regenbogensonntag und das Gleichnis vom barmherzigen Samariter? Der Nächste, den ich lieben soll, das ist immer der, der mir in den Weg gelegt ist, der jetzt und hier meine Hilfe braucht, der mich auch schon mal in meinem Tun unterbricht oder sogar stört. Es ist nicht immer bequem, dieses Kleid zu tragen. Es ist nicht ohne Risiko. Es macht verletzlich. Wer dieses Gewand trägt, setzt sich aus, lehnt sich auch schon mal für andere aus dem Fenster.
Wer dieses Gewand trägt, sieht genauer hin – auf sich, auf den anderen und auf die Welt – das ist das Einzige, was ihr einander schuldet, sagt Paulus, die Liebe.
Das ist das, was ihr, was diese Welt am meisten braucht. Menschen, die Liebe wagen.
Mit diesem neuen Kleid können wir den neuen Tag erwarten. Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen, es dämmert schon – wer wollte da noch im Schlafanzug herumlaufen.
Darum zieht an Jesus Christus, seine Liebe. – Es ist euch geschenkt, dieses Kleid, zieht es an, tragt es, zeigt es.
Advent – wie soll ich dich empfangen? Nutzen wir die Zeit – für Aktion Puppenstube oder Inventur – oder einfach nur, um die alten Klamotten auszuziehen und uns mit dem Gewand der Liebe bekleiden zu lassen, um uns auf seine Ankunft vorzubereiten.
Freuen wir uns auf sein Kommen.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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