Evangelium nach Lukas

Predigt: Haus am Römerkanal 17.09.2015

Pfarrer Dr. Diethard Römheld

Lukas 17,1–6
Er sprach aber zu seinen Jüngern:
Verführung wird kommen, sie sind unausweichlich!
aber weh dem, durch den sie kommt!
Es wäre besser für ihn,
wenn man einen Mühlstein an seinen Hals hängt
und ihn ins Meer wirft,
als dass er einen dieser Kleinen zum Abfall verführt.
Seht euch vor!
Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht;
und wenn er es bereut, vergib ihm.
Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigen wird
und siebenmal wieder zu dir kommt und spricht:
Es tut mir leid!,
so sollst du ihm vergeben.
Da sprachen die Apostel zum Herrn:
Gib uns mehr Glauben!
Der Herr aber sprach:
Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn,
dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen:
Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!,
und er würde euch gehorchen.

Auf den ersten Blick ist das ganz schön befremdlich, ja unheimlich, was Jesus hier tut: Erst kündigt er seinen Freundinnen und Freunden große Gefahren für ihren Glauben an: Anfechtungen, Verführungen. Doch als seine Gefährten dann aufgeschreckt und voller Sorge um Stärkung ihres Glaubens bitten, damit sie gewappnet sind, bekommen sie nicht, was sie brauchen! Jesus führt ihnen scheinbar gnadenlos vor, wie winzig ihr Glaube ist und dass sie erst gar keine Chance haben! Denn wer kann schon von sich sagen: Mein Glaube kann Bäume mit der Kraft allein des Wortes verpflanzen? Das ist alles andere als Mut machend!

Ach übrigens, Jesus, will ich ihm entgegenwerfen: mir würde ein Glaube reichen, der nicht irre wird an Dir, der den Zweifeln und der Kälte der Welt gewachsen ist. Ich will einen Glauben, der mich durch dunkle Stunden trägt und stärker ist als alle Dunkelheiten! Das würde mir reichen! Jesus, ich brauche doch gar keine Bäume verpflanzen, ich muss keine Wunder vollbringen. Mit würde völlig reichen, wenn ich einen Halt für mich selbst finden würde! Es würde mich auch beruhigen, wenn ich der Anfechtung und der Krise des Glaubens entgegen könnte.

Das war mein erster, mein erschreckter Blick auf diesen Text. Aber ist es wirklich wahr, dass Jesus uns Angst machen und anklagen will, unser Glauben sei ja winziger als ein Senfkorn? Das passt doch gar nicht zu dem Rest des Textes vom Bereuen und wieder neu Anfangen und Verzeihen! Kann es sein, dass ich hier etwas gründlich falsch verstanden habe? Oder genauer: kann es sein, dass ich hier nicht Jesu wirklicher Botschaft höre, sondern dass hier meine eigene Angst zu mir spricht? Jene Angst, dass mein Glaube nicht reichen könnte, dass ich vor Gottes Augen versagen könnte, Gottes Ansprüchen nicht genügen könnte? Manchmal hören wir bekanntlich ja nur, was wir hören wollen. Manchmal sind wir von unserer eigenen Angst so gefesselt, dass gar nicht mehr zu uns durchdringt, was andere uns Gutes sagen wollen.

So könnte das hier auch sein, wenn ich es mir genau überlege: Hier steht nämlich nirgends: Euer Glaube ist nicht einmal so groß wie ein Senfkorn, schämt euch! Vielleicht wollte Jesus uns etwas ganz anderes sagen, nur wir konnten es nicht hören vor Angst: Auch wenn euer Glaube nur so winzig wie ein Senfkorn wäre, könntet ihr zum Baum sagen … Und zwischen den Zeilen stände dann die Fortsetzung: Euer Glaube aber ist größer als das Senfkorn, warum zweifelt ihr daran? Traut Eurem Glauben doch mehr zu, der wird euch tragen und beschirmen auch mitten in allen Zweifeln und Anfechtungen. Sicher, die werden euch nicht immer erspart bleiben. Aber ihr braucht keine Angst zu haben. Euer Glaube wird euch schon tragen! Werft den Glauben nicht schon vorher weg, haltet an ihm fest, und ihr dürft ganz gewiss erfahren, wie groß seine Kraft sein wird! Denn das Besondere am Glauben ist nicht, dass wir stark sein müssen, sondern dass wir gewiss sein dürfen, nicht alleine unterwegs zu sein. Nicht unsere Stärke und Mut, sondern Gottes Nähe und Begleitung werden uns durch dunkle Stunden tragen.

Das ist es, was Jesus meinte, als er davon sprach: Auch wenn ihr umfallt und versagt, wenn euer Mut mal nicht reicht, wenn Zweifel euch übermannen, ihr dürft umkehren, bei mir neu anfangen, das soll uns nicht voneinander trennen. Nicht wir sind Glaubenshelden, sondern Gott ist für uns stark, weil er sich nicht von uns abwendet!
Doch wie ist das dann mit dem Baum und dem Meer? Mir ist das erst im dritten Anlauf aufgegangen: Wenn wir mit unserem winzigen Glauben Bäume verpflanzen könnten mitten ins Meer, wissen Sie, wem unsere Bäume dort begegnen würden? Jenen bösen Mächten, die mit einem Mühlstein um den Hals dorthin verbannt gehören! Sie erinnern sich:

Weh dem, durch den die Anfechtung kommt! Es wäre besser für ihn, wenn man einen Mühlstein an seinen Hals hängt und ihn ins Meer wirft, als dass er einen von euch zum Abfall verführt.

Jesus gebraucht hier ein Sprachbild: Der Glaube kann, selbst wenn er so winzig wie ein Senfkorn wäre, sehr wohl dem Verführer, der Anfechtung, dem Zweifel trotzen, er kann ihn mitten ins Meer verbannen. Denn ein Glaube, der mit Gottes Vergebung rechnet, ist stärker als all die kommenden Herausforderungen. Traut es eurem Glauben, traut es Gottes Treue zu! Wenn wir das Wort Jesu so lesen, dann wird es zu einem sehr tröstlichen Wort, dann macht es auch uns Mut zu unseren Lebenswegen unter dem freundlichen Angesicht Gottes!

Alles andere wäre ja auch grober Unfug: wer will schon Bäume mitten ins Meer verpflanzen? Die wachsen dort doch gar nicht! Die Sache mit dem Baum und dem Meer ist ein Bild für alles, was uns das Glauben schwer machen will – und was wir im Vertrauen auf Gottes Güte beiseite räumen können, weil Gott sich als stärker erweisen wird als all unsere Dunkelheiten!
Amen!

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