Evangelium nach Lukas

Predigt: Erster Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti) 2015

Erster Sonntag nach Ostern:

Glaube und Zweifel gehören zusammen

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. 21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! 23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. 24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben. 26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! 27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Johannesevangelium 20, 19-29

Liebe Schwestern und Brüder!

Der erste Sonntag nach Ostern trägt den Namen „Quasimodogeniti“, wie die neugeborenen Kinder. Ja, so dürfen wir uns fühlen nach Ostern. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort, neue Zukunft und Zuversicht für die Wege die vor uns liegen sind angesagt.

Doch in den Kirchen ist von solch neuer Zukunft wenig zu spüren. Immer mehr Menschen fragen sich: Hat der christliche Glaube, hat die Kirche in unserem Land eigentlich noch Zukunft? Oder kaschieren wir mit allerlei Aktivitäten nur das unaufhaltsame Schrumpfen des Glaubens, in der Gesellschaft, der Kirche, bei uns selber?

Ja, haben wir womöglich noch nicht realisiert, dass die Weisen aus dem Morgenland, die auf ein Sternzeichen hin kommen und in Jesus den Heiland der Welt anbeten, dass diese längst von den Weisen aus dem Abendland abgelöst worden sind? Von denen also, die radikal alles hinterfragen, was nicht beweisbar und mit Fakten belegbar ist? Die den radikalen Zweifel zur Methode gemacht haben und unseren Glauben für eine Krankheit unselbständiger, lebensuntüchtiger Menschen halten?

Liebe Schwestern und Brüder, unser heutiger Predigttext aus dem Johannesevangelium vom Jünger namens Thomas kann uns in solch grundsätzlichem Hinterfragen unseres Glaubens eine wichtige Hilfe sein. Denn in diesem Thomas begegnet uns der moderne Mensch schlechthin, auch wenn er vor 2000 Jahren gelebt hat. Thomas kann der Botschaft von der Überwindung des Todes durch die Auferstehung Jesu Christi einfach keinen Glauben schenken. Was ihm gesagt wird, reicht ihm nicht; er will sehen, und mehr noch, er will handgreifliche Beweise.

Denn in Händen halten kann er, wie wir alle nur, was gegen den Glauben spricht. Die Vergänglichkeit und Endlichkeit dieser Welt und unseres Lebens. Krankheiten, Kriege, Flüchtlingselend, Katastrophen im Weltmaßstab wie im privaten Bereich lassen tagtäglich erleben und miterleben, dass keineswegs der Tod verschlungen ist vom Sieg des Lebens, sondern dass, beweisbar und belegbar, der Tod das Leben verschlingt. Stück für Stück und unaufhaltsam. Thomas ist Realist, er verschließt die Augen nicht vor dieser Wirklichkeit. Er sieht die Welt, wie sie ist. Und aus dieser Sicht formuliert er seine Bedingungen für den Glauben an die Auferstehung: Sehen und mit eigenen Händen fühlen.

Viele von uns haben im Kindergottesdienst diesen Jünger Jesu als den „ungläubigen Thomas“ kennen gelernt. Und haben damit eingeimpft bekommen, dass Glaube und Zweifel grundsätzlich nicht zusammengehören können, dass Zweifel etwas Ungutes, ja antikirchliches sei. Solche Wertung hat grausame Tradition in unseren christlichen Kirchen. Wie oft wurden Menschen ausgeschlossen, die ihre Zweifel äußerten, wurde Druck ausgeübt, Ketzerprozesse geführt und Scheiterhaufen errichtet für Menschen, die wie Thomas sagten: Ich kann’s einfach nicht glauben.

Wie sehr sich die Kirche mit solcher Wertung von ihrem Ursprung, ja von ihrem Herrn selbst entfernt hat, zeigt unser Predigttext. Kein Wort der Schelte ist da zu hören, erst recht keine Drohung. Vielmehr eine Frohbotschaft für alle Zweifelnden.

Denn Thomas wird von seinem Herrn, an den er gerne glauben möchte, aber nicht kann – es ist nicht die Rede davon, dass er nicht will! – Thomas wird mit seinem Zweifel nicht alleingelassen, er wird nicht isoliert – nein, ganz im Gegenteil!

Dreifach macht der Predigttext dies deutlich. Es ist nicht Thomas, der sich aufmacht, um endlich Gewissheit zu bekommen, sondern es ist der auferstandene Christus, der sich aufmacht und wortwörtlich dem entgegenkommt, der an seiner Auferstehung zweifelt. Jesus kennt die Glaubensnot seines Jüngers; er weiß um die Anfechtungen, die uns das Glauben schwer machen. Er selber lässt sich finden, selbst wenn wir uns noch gar nicht auf die Suche nach ihm gemacht haben.

Und solches Entgegenkommen, das ist das zweite, bedeutet zugleich die Überwindung der Mauern, die den Zweifler umringen. Nicht nur Thomas, auch die anderen Jüngerinnen und Jünger Jesu lebten ja trotz Ostern weiterhin hinter ver-schlossenen Türen, eingemauert von ihrer Angst, gefangen von ihrer Enttäuschung. Jesus aber geht durch diese Mauern einfach hindurch; sein „Friede sei mit euch!“ schlägt eine Bresche, bahnt den Weg ins Freie und eröffnet neue Horizonte.

Doch das alles geschieht, und das ist das Dritte, nicht einfach über den Kopf des Zweifelnden hinweg. Jesus nimmt Thomas ernst, erfüllt sogar seine Bedingungen: „Reiche deine Hand und lege sie in meine Seite!“ In diesem Moment wäre Thomas, der „Weise aus dem Abendland“, dieser unglaublich selbstbewusste und fordernde Zweifler, eigentlich am Ziel. Doch Thomas folgt Jesu Einladung nicht. Das Berühren der Wunden ist plötzlich nicht mehr wichtig für ihn. Das Wort des lebendigen Gottes hat alles verändert. Der ungläubige Thomas wird zum Bekenner: „Mein Herr und mein Gott!“ Er bekennt und glaubt, und sucht nicht mehr nach historischen Belegen für die Auferstehung; Grabtücher, Splitter, Nägel – plötzlich alles ohne Belang! Eine neue Wirklichkeit ist angebrochen, er hat für sich den Raum, in dem allein die Kategorien des Verstandes gelten, hinter sich gelassen.

Was aber war geschehen mit Thomas, der sich der Berechtigung seines Zweifels doch so sicher war? Der gekreuzigte Jesus was Thomas begegnet. Und in dieser Begegnung wurde ihm klar, dass der Gekreuzigte der Auferstandene ist. Und eben
darauf kommt alles an: Der Gekreuzigte und der Auferstandene sind ein und derselbe; sie gehören nicht verschiedenen Welten oder Wirklichkeiten an. Wer den Auferstandenen dort sucht, wo keine Wunden, keine Verletzungen, kein Leiden ist, der wird ihn nie und nimmer finden.

Denn die Botschaft von der Auferstehung will nicht hineinführen in sonnige Ecken und Nischen des Lebens, in denen der raue Wind der Wirklichkeit dieser Welt nicht weht, in die wir uns hineinflüchten könnten wie in eine Traumwelt –

Nein, gerade da, wo das Leid am größten ist, wo Trauer endlos scheint, wo Hoffnungslosigkeit schier unbesiegbar ist, wo Mauern der Trostlosigkeit und des Zweifels uns umgeben, gerade da ist der Ort, wo der Auferstandene als der Gekreuzigte uns begegnet. Als der nämlich, der „um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünden willen zerschlagen ist. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ So hatte es Jesaja verheißen, und mit der Zusage „Friede sei mit euch!“ tritt Jesus nun zu Thomas und zeigt ihm die Wunden, die ihm geschlagen wurden.

Zum Glauben an Jesus als seinen „Herrn und Gott“ kommt Thomas also gerade da, wo er mit dem Leid dieser Welt konfrontiert wird. Da geht ihm auf, dass es Auferstehung nicht am Tod vorbei gibt, sondern nur durch den Tod hindurch. Da geht ihm auf, dass die Osterbotschaft nicht in erster Linie denen gilt, die unbeschwert durchs Leben schlendern, sondern denen, die mühselig und beladen sind. Ja, da geht ihm auf, dass alle Endlichkeit dieser Welt und alle Tode, die wir zu sterben haben, keine Gegenbeweise sind gegen den Sieg Jesu über den Tod. Und damit ist auch klar, was gemeint ist mit der Verheißung, „dass selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Denn die, die glauben, sind nicht die Träumer und Spinner und psychisch Labilen, auf die man verächtlich herabsehen könnte, sondern das sind die, die endlich frei geworden sind von der viel zu kurz greifenden Suche nach Beweisbarem und Messbarem. Das sind die, deren Perspektive weiter geht als bis zum Tod, das sind die, die gelernt haben damit zu rechnen, dass in den Dimensionen von Raum und Zeit längst nicht alles zu begreifen ist, was das Leben ausmacht. Glaube rechnet fest
damit, dass in Jesu Kommen in unsere Welt das Ewige im Jetzt, die Unendlichkeit in der Vergänglichkeit erschienen ist und die Grenzen dazwischen so durchlässig geworden sind, wie es Thomas mit dem Kommen Jesu durch die verschlossene Türe erlebt hat.

Solcher Glaube aber entsteht aus nichts anderem als aus dem Wort Gottes. Dem lebendigen Wort, wie es weitergesagt wird von den Jüngerinnen und Jüngern Jesu durch die Zeiten. Auf die Predigt dieses Wortes kommt alles an, und nichts Sichtbares, Greifbares ist dafür vonnöten. Das ist die Botschaft der Erzählung vom alles andere als ungläubigen Thomas.

Was aber für den Glauben an Jesus Christus gilt, gilt ebenso für die Gemeinschaft derer, die diesen Glauben leben und weitersagen! Das Äußere, das Greifbare, die Strukturen der Kirche also sind weithin belanglos. Das mögliche Vergehen einer bestimmten Gestalt von Kirche ist in keiner Weise ein Zeichen von Krise oder erst recht nicht von Realitätsverlust und Verdrängung unangenehmer Entwicklungen, sondern theologisch gesehen genau das Gegenteil.

Die Bereitschaft, die äußere Gestalt von Kirche und Gemeinde immer wieder zu verändern ist die Konsequenz aus der Erkenntnis, dass alles, wirklich alles darauf ankommt, dem Weitersagen der frohen Botschaft einen angemessenen Raum zu schaffen und die Bedingungen für die Verkündigung des Evangeliums für die Menschen je nach ihrer Zeit und je nach ihren Erfordernissen neu auszurichten.

Darum gilt: Eine Kirche, die über lange Zeit sich nicht verändert, die steht in der Gefahr, zum Museum zu werden und zu sterben. Und auch unser persönlicher Glaube kann und braucht heute nicht mehr derselbe zu sein wie vor Jahren. Für eine Gemeinde gilt: Zweifelnde und Suchende dürfen nicht isoliert und hinausgedrängt werden. Gerade sie sind eingeladen, zu erleben, wie um Jesu Christi willen die engen Mauern ihrer Vorstellungen durchlässig werden und sie befreit werden zu einer neuen Sicht des Lebens, des Sterbens und der Ewigkeit, die Gott uns Menschen verheißen hat. Und das gleiche gilt für jeden einzelnen von uns; wir brauchen Zweifel und Fragen nicht zu fürchten, denn sie sind es, die unseren Glauben reifer machen und uns hinführen in die Begegnung mit dem lebendigen Christus. Nur so können wir erleben, dass Christus selber die Mauern unserer Ängstlichkeit und Zweifel sprengt und mit uns ist alle Tage, bis an der Welt Ende.

Wo wir das erleben, können wir wie Thomas einstimmen in das lebenswendende und zukunftsschenkende Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott!“ Amen.

Pfr. Dr. Eberhard Kenntner

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