Matthias Claudius Abendlied

Predigt: Zum 200. Todestag von Matthias Claudius

Gottesdienst zum 200. Todestag von Matthias Claudius

* 15. August 1740 in Reinfeld (Holstein)
† 21. Januar 1815 in Hamburg

Pfarrer Dr. Eberhard Kenntner

Liebe Schwestern und Brüder!

Die schrecklichen Morde von Paris haben die ganze Welt von Tschetschenien bis Nigeria, von England bis Australien aufgeschreckt, und wohl auch niemanden von uns lässt das kalt, wenn das Aufeinandertreffen verschiedener Grundeinstellungen zum Leben in blutigen Terror mündet. Hier aufgeklärte westliche Lebens- und Denkweise, dort fundamentalistische religiöse Intoleranz mit Denkverboten aller Art.

Matthias Claudius Abendlied
Matthias Claudius Abendlied
Der Grundkonflikt, um den es da geht, beherrschte in einer anderen Form auch die Zeit, in der Matthias Claudius das wunderbare Lied „Der Mond ist aufgegangen“ dichtete. Es war, wie wir eben hörten, die Blütezeit der Aufklärung. Diese hatte Immanuel Kant 15 Jahre vor der Entstehung unseres Liedes als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ bezeichnet. Sein Aufruf lautete: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Bis heute hält sich die Meinung, und wird von manchen Medien gebetsmühlenartig wiederholt, als sei damit gegeben, dass Verstand und Gefühl, dass Naturwissenschaft und Religion sich ausschließende Gegensätze seien. Das Abendlied von Matthias Claudius will uns da eines Besseren belehren. Einen Konflikt, einen massiven sogar sieht der Dichter wohl auch, aber die Grenzlinien des Konfliktes verlaufen für ihn ganz anders, als man gemeinhin denkt.

Abendlied von Matthias Claudius

Strophe 1 und 2

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt

Das Lied beginnt mit Worten, die vor unserem geistigen Auge Bilder wie von Caspar David Friedrich gemalt entstehen lassen. Scheinbar Romantik pur. Der Mond, die goldenen Sternlein, schwarzer Wald und weiße Nebel – heile Welt. Auch die zweite Strophe malt an diesem Bild zunächst weiter.

Hierbei nimmt Matthias Claudius eine Fülle von biblischen Motiven auf, besonders aus Schöpfungs- und Vertrauenspsalmen und der Weisheitsliteratur. Doch schon am Ende dieser Strophe bekommt das heile-Welt-Bild Risse. Denn plötzlich drängt sich statt des wunderbaren weißen Nebels des Tages Jammer in den Mittelpunkt; also ist die Welt gar nicht heil, und Flucht in Romantik ist kein Weg, all die Not und den Jammer, von dem Menschen betroffen sind, verschlafen und vergessen zu können.

Und eine Ahnung steigt in uns auf, dass dieses Abendlied uns gar nicht nur sanft in den Schlaf wiegen will, sondern uns herausfordert und um Antwort ringt auf Grundfragen des Menschseins überhaupt.

Strophe 3 und 4

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Diese beiden Strophen sagen nun ohne Umschweife an, was Sache ist. Die Natur, so wird deutlich, ist hier nicht Gegenstand verklärter Romantik eines verträumten Naturschwärmers, sondern wird zum Lehrmeister, der hilft, die Lebensaufgaben realistisch anzugehen. Siehst du den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön. In den Auseinandersetzungen seiner Zeit macht Claudius geschickt mit wenigen Worten deutlich, dass er naturwissenschaftlich durchaus auf der Höhe ist. Er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön. Aber er macht auch klar:

Wer allein darauf setzt, die Welt erklären zu können mit dem, was zu sehen und zu fassen und zu messen ist, geht an ihrer Wirklichkeit voll vorbei. Hier bezieht Claudius eindeutig Position; er sagt der Aufklärung als alleiniger Weltdeutung den Kampf an. Ist doch der Mond nur ein Beispiel für etwas Halbes, das man sieht, obwohl es doch ganz da ist.

Matthias Claudius zieht daraus einen klaren Schluss: Wir stolzen Menschenkinder … wissen gar nicht viel. Der deutlich kritische Unterton ist nicht zu überhören. Das ist schon starker Tobak in einer Zeit, die so stolz auf ihren Wissensfortschritt war. Doch Matthias Claudius befindet sich in guter Gesellschaft mit seiner Feststellung: Wir spinnen Hirngespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel. So ähnlich hatte schon Sokrates gut 2000 Jahre zuvor festgestellt, je mehr er wisse, umso mehr Unbekanntes tue sich ihm auf; und in der Lebenssumme stellte er fest: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Und kommen weiter von dem Ziel …

Strophe 5 und 6

Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

Was aber kann helfen, nicht weiter von dem Ziel weg zu kommen? Der Dichter denkt nicht theoretisch darüber nach, belehrt auch niemanden von oben herab, sondern er praktiziert einfach die Alternative zum Stolz der Menschenkinder und nimmt uns ungefragt mit hinein: Ins demütige Gebet.

Gott lass dein Heil uns schauen. Das was Gott uns zugut vorhat – dein Heil – und das, was wir selber vorhaben – auf Vergängliches trauen – das wird plötzlich zur Hauptfrage. Nicht Glauben oder Wissen, nicht Vernunft oder Religion ist die Alternative, die wir jeder für uns zu entscheiden haben, sondern die Kernfrage ist, ob wir Menschen uns selbst zum autonomen Mittelpunkt der Welt erklären oder uns als Teil der Schöpfung Gottes und damit als sein Geschöpf verstehen; dies hätte zur Folge, dass wir auch versuchen, nach seinen Weisungen zu leben.

Die Nagelprobe hierauf gibt das Stichwort Eitelkeit. Es ist ein Wort mit doppeltem Boden. Eitel ist nach dem etymologischen Wörterbuch jemand, der von seinen vermeintlichen Vorzügen überzeugt und daher gefallsüchtig ist. Da fallen einem schon auch aktuelle Beispiele ein. Wichtiger aber finde ich, dass eitel und öde verwandte Worte sind, und Eitelkeit daher auch „Leere“ und „Nichtigkeit“ bedeutet. Wer sich auf sich selbst etwas einbildet und meint, darauf sein Leben bauen zu können, baut auf Sand, setzt auf etwas, das hohl ist und leer. Das wusste übrigens schon die Weisheit Salomos.

Lass uns einfältig werden ist dazu genau das Gegenteil. Einfältig heißt ursprünglich nicht dumm, sondern „einfach“ im Sinne von „aufrichtig“, „rechtschaffen“. Ohne Hintergedanken, ohne heimlichen Wunsch nach perfekter Selbstdarstellung, eben wie Kinder fromm und fröhlich. Zuversichtlich sich die leeren Hände füllen lassen, nicht auf eigene Verdienste pochen. „So ihr nicht werdet wie die Kinder, werden ihr keinen Anteil an Gottes Reich haben.“ Das kann man sich nämlich nicht verdienen, sondern nur zusprechen lassen. Allein aus Gnaden. Das Abendlied ist zum Kern der Verkündigung Jesu vorgedrungen und kreist nun um allerletzte Fragen.

Die Melodie hat uns längst darauf vorbereitet. Vor Beginn der Liedpredigt spielte die Orgel die uralte Melodie des Reiseliedes „Innsbruck ich muss dich lassen“, ein Lied, dass die Lebensreise des Menschen zum Inhalt hat. Dessen Melodie, die auch die Melodie von Paul Gerhards Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“ ist, und die Melodie von „Der Mond ist aufgegangen“ sind im Kern und Aufbau gleich, Matthias Claudius hat dies bewusst so gewählt und die Inhalte zusammen klingen lassen. Die Natur, Morgen und Abend werden dem, der mit einem Schöpfer rechnet, zum Gleichnis und Symbol für etwas, was unsere Augen nicht sehen, was also viel tiefer reicht als unsere vordergründige Geschäftigkeit, mit der wir unsere Zeit ausfüllen.

Dies wird für alle klar, wenn es aufs Sterben geht. In der 6. Strophe reden alle Verben nur noch von dem, was Gott tut, was er allein tun kann: Nämlich uns am Ende dorthin geleiten, wo unser Ursprung und damit unsere Heimat ist: Bei Gott im Himmel. Der Weg dorthin ist für uns solange nicht sichtbar, solange wir wie der ungläubige Thomas nur nach Beweisbarem Ausschau halten.

Du unser Herr und unser Gott. Nur an einer einzigen Stelle in der ganzen Bibel kommt diese Formulierung vor; am Ende der Erzählung vom ungläubigen Thomas, als dieser dem auferstandenen Christus begegnet und diese Begegnung für ihn alles Mess- und Beweisbare bedeutungslos werden lässt. Dies erleben zu dürfen, das ist die wichtigste Bitte am Abend des Tages und einmal am Abend des Lebens.

Strophe 7

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

Matthias Claudius gibt hier die Antwort auf die Frage aus der zweiten Strophe, wo wir des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollen. Diese Antwort heißt: Legt euch in Gottes Namen nieder. Überlasst ihm, zu beurteilen, was der Tag wert war, überlasst ihm, zu lösen, was ihr nicht lösen konntet, vertraut auf seinen Schutz.

Solcher Schutz ist bitter nötig, denn Kalt ist der Abendhauch. Seit den Zeiten der Urchristenheit war der Abendhauch ein Gleichnis für die Vergänglichkeit: Herr bleibe bei uns am Abend des Tages, am Abend des Lebens, am Abend der Welt. Dass solches Beten in Gottes Namen niemals egoistisch nur um sich selbst kreisen kann, sondern immer im Wir geschieht und im kranken Nachbarn den Nächsten im Blick hat, gehört ebenfalls zum Kern des Evangeliums, das Matthias Claudius seiner aufklärungs-trunkenen Zeit ansagen will.

„Der Mond ist aufgegangen“ – wie oft haben wir das schon gesungen. Trotzdem gibt es immer noch Neues zu entdecken und weiter zu sagen, gerade in unserer Zeit. Für mich ist die wichtigste Botschaft dieses Liedes: Aufklärung und Glaube, Verstehen und Fühlen, Wissenschaft und Religion sind nicht Gegensätze, und dürfen schon gar nicht Ursache verletzender Auseinandersetzungen zwischen Menschen und Religionen sein; sie sind, so lehrt uns Matthias Claudius, vielmehr wie die beiden Brennpunkte einer Ellipse, die erst in komplementärer Ergänzung helfen, diese Welt und unser Leben mit Gott recht zu verstehen.

Amen.

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