Predigt: Jahreslosung 2015

Römer 15, 7: Nehmt einander an wie  Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Römer 15, 7: Nehmt einander an wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Nehmt einander an wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Römer 15, 7

Liebe Schwestern und Brüder,

wir leben in einem der reichsten Länder der Erde, wir haben in Europa alle Auswirkungen der Finanzkrise am besten gemanagt, Gesundheitswesen, Sozialsysteme, Bildungschancen… weltweit wären Millionen Menschen glücklich, von dem, was wir haben, nur ein ganz klein wenig abbekommen zu können.

In seltsamem Kontrast dazu steht aber die Stimmungslage der Menschen in unserem Land. Seit der Kubakrise, ich war damals 11 Jahre alt, gab es nicht mehr ein solches Gefühl von Verunsicherung und Angst und Unzufriedenheit. Alle Errungenschaften der Nachkriegs-Politik, alle Verträge und Vereinbarungen vom Helsinki-Prozess bis zur Charta der Vereinten Nationen scheinen plötzlich Makulatur zu sein.

Russland, vom Gegner im Kalten Krieg zu einem der Haupt-Handelspartner gewandelt, annektiert mit der Krim Teile einen souveränen Nachbarstaates und weckt damit Ängste vom Baltikum bis Polen, nutzt dazu die Rohstoffversorgung als strategische Waffe. Die USA, einst Lehrmeister in Demokratie und Menschenrechten, muss systematische Folter über Jahrzehnte zugeben, die Rassendiskriminierung ist alles andere als überwunden. Durch die Grausamkeit der IS in Irak und Syrien ist Religion für viele zur Kriegshetze verkommen. Seit dem II. Weltkrieg gab es keine solchen Flüchtlingsströme mehr. PEGIDA mischt die Innenpolitik auf, die FIFA versinkt in Manipulation und Korruption, der Cyber-Krieg erreicht durch Nordkorea ungeahnte Dimensionen. Die Veränderungen des Weltklimas können selbst von den ärgsten Ignoranten nicht mehr geleugnet werden, und was wir über Nahrung und Wasser zu uns nehmen, wollen wir lieber im Einzelnen gar nicht wissen.

Liebe Schwestern und Brüder, worauf ist überhaupt noch Verlass in unserer Zeit, in unserem Leben, auf dieser Welt? Am letzten Abend im alten Jahr drängt sich diese Frage in den Vordergrund, ob wir das wollen oder nicht. Die Jahreslosung des Jahres 2015 will uns auf diese Frage eine tröstliche, mutmachende Antwort geben: Nehmt einander an wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

Doch – das soll Mut machen? Das ist doch nur noch eine weitere Aufforderung, die uns unter Druck setzt. Neben der Rettung des Klimas, des Friedens, der Arbeitsplätze und des sauberen Wassers und was weiß ich noch allem nun auch noch die Aufforderung zur uneingeschränkten Nächstenliebe?! Dabei wollen wir doch erstmal selber wissen, wer uns hält, wer uns stützt, wer uns nicht mit falschen Parolen missbraucht. Nehmt einander an … das scheint genau das Gegenteil zu sein von dem, was wir jetzt gerade brauchen. Doch dieser Schein trügt, liebe Schwestern und Brüder!

Denn die Jahreslosung stammt aus dem Schlussteil des für mich wichtigsten Briefes des neuen Testamentes, des Römerbriefes. Der Apostel Paulus hat der Gemeinde in Rom die Kernpunkte des christlichen Glaubens erläutert, hat von der Taufe gesprochen, vom Kreuz Jesu Christi als Heil für alle Menschen, von der Vergebung von Schuld und – ganz umfangreich – vom Leben aus solcher Vergebung. Diesen Brief zu schreiben ist Paulus nicht leicht gefallen, wusste er doch, dass es in Rom wie übrigens auch in Korinth und anderen Städten in der christlichen Gemeinde drunter und drüber ging.

Das gab es Menschen, die vorher der jüdischen Gemeinde angehörten und solche, die vorher an unterschiedlichste Götter glaubten. Beide brachten ihre Prägungen, Voreinstellungen, auch ihre Ängste mit in die junge Christengemeinde. Viele ehemalige Juden legten weiterhin Wert auf die Beschneidung, weil sie sie als Zeichen des Bundes mit Gott wertschätzten. Andere empfanden das Festhalten an der Beschneidung als Entwertung der Taufe und des Christusglaubens. Viele ehemalige Verehrer anderer Gottheiten trauten sich nicht, Fleisch zu essen von Tieren, bei deren Schlachtung bestimmte Riten ihres früheren Glaubens beachtet wurden, andere wollten nicht essen, wenn diese Riten nicht beachtet wurden. Jeder meinte es ernst mit seinem Glauben an Christus, aber jeder war in unterschiedlicher Weise auch gefangen in seiner Herkunft, seiner Prägung, seinen eigenen Einstellungen.

Das führte zu Streit, zu Abgrenzung, zur Aufrichtung von Normen und Vorschriften. Die wunderbare Freiheit eines Christenmenschen, an der Paulus so viel lag, drohte im täglichen Kleinkrieg unterzugehen. Starke und Schwache rangen um ihre Positionen. Nehmt einander an! Paulus hat also allen Grund für diese Aufforderung. Allerdings hört nur der sie richtig, der den ganzen Satz wahrnimmt: Nehmt einander an wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

Hier schwingt also nicht einer die Keule mit der Aufforderung unbedingter Nächstenliebe, sondern hier erinnert einer an den Kern der frohen Botschaft, des Evangeliums. Wie Christus euch angenommen hat. Das ist die Grundlage, von der aus Paulus die Christen seiner Zeit anspricht. Christus hat angefangen mit dem Annehmen der anderen, er hat keine Unterschiede gemacht zwischen Griechen und Juden, Frau und Mann, Alt und Jung, Gebildeten und Sklaven. Er sagt allen Gottes Liebe zu, Gottes Fürsorge, Gottes unbedingte Annahme.

Unbedingt im wörtlichen Sinne: Es gibt keine kleingedruckten AGB mit versteckten Vertragsfallen für den Eintritt in die Gemeinde Gottes. Die Zugehörigkeit zur Christengemeinde ist an keine Vorleistungen geknüpft, die erst von uns zu erbringen wären. Nein, umsonst, sola gratia, allein aus Gnade, als Geschenk erhalten wir die Zusage, Menschen Gottes zu sein, für Zeit und Ewigkeit!

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat – wir brauchen nur das zu tun, was an uns selber geschehen ist. Was das ist, erklärt sehr schön das Bild zur Jahreslosung, das Sie als Lesezeichen bekommen haben.

Es zeigt die Gemeinde Gottes, also uns alle, als bunten Flickenteppich. Vielfältig in Formen und Farben, mit und ohne geometrische Figuren, mit und ohne verschiedene Sprachen und Größen. Zusammengehalten von gut sichtbaren Bändern, die recht stabil, ja fast grob wirken. Sie müssen ja auch einiges aushalten. Zum einen das einzelne je ganz besondere Stück von den anderen abgrenzen – Gott klont nicht, da ist Vielfalt gefragt – zugleich aber müssen die schwarzen Fäden das große Ganze zusammenhalten.

Doch der eigentliche Zusammenhalt ist gar nicht sichtbar. Er ist hier angedeutet durch eine Art Heiligenschein. Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen. Das sind nicht irgendwelche besonderen Frauen und Männer, sondern das sind wir. Wir, die wir durch die Taufe von Gott geheiligt, also Heilige geworden sind, zu Gott gehören, ein für allemal. Nichts, aber auch gar nichts kann diese Zugehörigkeit auflösen, kein Zweifel, kein Kirchenaustritt, nicht mal der Tod. Aus dieser Gewissheit dürfen wir leben, an diese Gewissheit erinnert uns die mutmachende Jahreslosung.

In allen Veränderungen und Undurchsichtigkeiten dieser Welt und unseres Lebens gibt es diese eine große Konstante: Wie Christus euch angenommen hat. Gott sei Dank!

Dieses Gott sei Dank darf dann aber auch ohne jeden Leistungsdruck und ohne jede Gesetzlichkeit lebendig und für andere spürbar werden. Wer als aus Gnaden Angenommener lebt, der darf auch andere annehmen, wie komisch und anders sein Auffassungen mir auch scheinen. Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. Ja, so darf Gemeinde sein, so darf Gemeinde wirken in unsere Zeit und Gesellschaft hinein, in der Ausgrenzung und Verteufelung anderer, auch andersgläubiger wieder politisch Konjunktur haben. Dem haben wir uns entschieden entgegen zu setzen und uns quer zu stellen.

Nicht um selber groß raus zukommen, sondern um der ausgegrenzten Menschen willen. Das geht am besten, wenn wir den kleinen Ratschlag am Ende der Jahreslosung beherzigen: Zu Gottes Lob. Nicht für uns oder unsere Auffassung von Glaube und Kirche haben wir uns einzusetzen, sondern zu Gottes Lob, zu seiner Verherrlichung. Das rückt die Maßstäbe zurecht, das hilft – um in unserem Bild zu bleiben – die offenen Enden der schwarzen Schnüre wahrzunehmen; es ist noch Platz für andere, die Ränder sind offen, wir sind keine geschlossene Gesellschaft.

So öffnet uns die Jahreslosung 2015 einen Raum der Freiheit. Nehmt einander an wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. In diesem Raum der gottgeschenkten Freiheit sind wir nicht allein, sind wir auch den Stürmen, Gefahren und Undurchsichtigkeiten unseres Lebens und dieser Welt nicht hilflos ausgeliefert. Der der, der uns in der Taufe angenommen hat, bleibt unser Begleiter alle Tage, bis an das Ende der Welt.

So wollen wir getrost das alte Jahr hinter uns lassen mit allem, was es für uns bedeutet hat, und zuversichtlich hineingehen in ein neues Jahr des Herrn, in dem wir uns vornehmen, einander anzunehmen, wie Christus uns angenommen hat, zu Gottes Lob! Amen.

Pfarrer Dr. Eberhard Kenntner
Superintendent .a.D.

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