Evangelium nach Lukas

Sonntag nach Weihnachten

Sonntag nach Weihnachten

Damals lebte in Jerusalem ein Mann, der Simeon hieß. Der hielt Gottes Gebote und vertraute ganz auf Gott. Und Simeon wartete schon lange auf die Zeit, da Israel getröstet werden sollte. Und der Geist Gottes ruhte auf Simeon. Durch den hatte Gott ihn einst wissen lassen: „Du wirst nicht sterben, bevor du den Gesalbten Gottes gesehen hast.“
Jetzt drängte ihn der Heilige Geist, in den Tempel zu gehen. Gerade brachten die Eltern das Kind Jesus dorthin. Sie wollten die Vorschriften erfüllen, die im Gesetz für das Kind vorgesehen sind. Da trat Simeon hinzu und nahm das Kind auf den Arm. Er lobte Gott und sagte:
„Gott, jetzt kann dein Diener in Frieden sterben, wie du es versprochen hast. Denn mit eigenen Augen habe ich gesehen: Von dir kommt die Rettung. Alle Völker sollen sie sehen: Ein Licht, das für die Heiden leuchtet, und deine Herrlichkeit aufscheinen lässt über deinem Volk Israel.“
Der Vater und die Mutter von Jesus aber staunten über das, was Simeon über das Kind sagte. Simeon segnete sie und sagte zur Mutter Maria:
„Sieh doch: Dieses Kind ist dazu bestimmt, in Israel viele zu Fall zu bringen und viele aufzurichten. Dieses Kind wird ein Zeichen Gottes sein, dem viele sich widersetzen. Ja, Maria, auch durch dein Herz wird ein Stich wie von einem Schwert fahren. So soll ans Licht kommen, was viele im Innersten denken.“
Lukas 2,25–35

In diesem Bibeltext sind gleich zwei spannende Geschichten versteckt. Die eine ist uns wohl vertraut und wird immer wieder gerne nacherzählt: Da ist ein gottesfürchtiger Mann namens Simeon, dem einst verheißen war, den Retter und Heiland mit eigenen Augen sehen zu dürfen. Doch nun ist er alt geworden, seine Zeit ist bald abgelaufen, und noch immer wartet er auf die große Begegnung. Und dann, sozusagen im allerletzten Moment, passiert es doch noch. Er trifft Jesus – und erkennt sofort, wer dieses Kind wirklich ist. Darum kann er doch noch getröstet Abschied nehmen:

Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen!

Wundert es da, dass das Gebet des Simeon fester Bestandteil des christlichen Abendgebetes geworden ist, verbunden mit der Anfrage: Bist auch du bereit, dich im festen Vertrauen auf Jesus Christus zum Schlaf hinzulegen, vielleicht sogar zum Sterben hinzulegen?

Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen!

In diesem Bibeltext steckt jedoch noch eine ganz andere Geschichte, auf die mich ein jüdischer Kollege in den USA vor ein paar Jahren aufmerksam gemacht hat. Im Alten Testament gibt es ein Gebot, dass jede erste Frucht, jede Erstgeburt, sei es Tier oder Mensch, Gott gehören soll. Die erste Frucht, das erste Jungtier wurden Gott als Opfer dargebracht. Der erste Sohn musste in den Dienst Gottes treten. Gottes Recht am Erstgeborenen konnte jedoch und musste gegen eine Geldspende ausgelöst werden, denn nicht jeder Erstgeborene wurde am Tempel gebraucht und genommen. 5 Silbermünzen seien ein angemessener Preis, sagt das Alte Testament, zahlbar bei jedem Priester. Den Brauch gibt es bis heute im Judentum, auch wenn es keinen Tempel und keine amtierenden Priester mehr gibt: Pidjon ha-Ben heißt der Brauch. Wird der erste Sohn geboren, sucht der Vater sich einen Nachkommen der antiken Priester, am Familiennamen „Cohen“ oder „Kohn“ (Priester) erkennbar, und legt ihm den Erstgeborenen in die Arme. Dann sagt der Vater Herrn Cohen, dass er gerne Gott das Recht auf die Erstgeburt abkaufen wolle, und zahlt 5 Silbermünzen. Herr Cohen spricht daraufhin einen Segen über Kind und Familie aus und gibt das Kind an den Vater zurück. Und mein jüdischer Kollege fügte augenzwinkernd hinzu: Und an der Haustüre, beim Abschied, erhält der Vater heutzutage die Münzen unauffällig von Herrn Cohen wieder zurück.

Klingelt es bei Ihnen? Das ist genau das, was Maria und Josef hier vorhaben: 30 Tage sind seit Weihnachten vergangen, nun ist der Zeitpunkt gekommen, Gottes Recht am Erstgeborenen abzulösen. Maria und Josef hatten 5 Silbermünzen mitgebracht und waren auf der Suche nach einem Priester. Da tritt ihnen Simeon entgegen und nimmt das Kind auf den Arm. Simeon scheint geradezu auf das Kind gewartet zu haben. Segensworte hat er auch für das Kind, und ein frommer Mann ist er ehedem. Jetzt könnte er die 5 Silbermünzen nehmen, und die Sache wäre geritzt.

Doch die Geschichte geht anders aus: Simeon nimmt kein Geld. Simeon spricht auch keinen Abschiedssegen, mit dem er den kleinen Jesus in die Arme seines Vaters zurücklegt. Simeon führt den kleinen Jesus vielmehr in den Dienst Gottes ein, erklärt ihn zum Retter, zum Licht der Menschen und zum Zeichen Gottes. Jesus ist gerade 30 Tage alt und hat schon ein Amt! Und dieses Amt gewinnt in der Rückschau einen besonders bitteren Geschmack: Von Abraham hatte Gott einst gefordert, seinen Erstgeborenen Isaak ganz real zu opfern wie ein Stück Vieh – und dieses Opfer erst in letzter Sekunde doch noch abgewendet. Weiß Simeon hier bereits, als er die Ablösung der Erstgeburt verweigert, dass dieser Jesus einmal am Kreuz geopfert werden wird? Und für den Vater, Ritualpartner im Pidjon ha-Ben, hat Simeon auch keinen Blick mehr, einzig Maria wird noch einmal angeredet. Doch der Schwertstich im Herzen der Maria trennt auch sie am Ende von Jesus. Dieser Jesus wird seinen Eltern nicht liebevoll wieder in die Arme gelegt, sondern in den Dienst Gottes gesandt. So überrascht, wie Maria und Josef hier sind, hatten sie damit nun gar nicht gerechnet.

Wir selbst kommen übrigens in dieser zweiten Geschichte ebenfalls im Text vor! An uns sind jene abschließenden Worte des Simeon gerichtet:

Dieses Kind ist dazu bestimmt, in Israel viele zu Fall zu bringen und viele aufzurichten. Dieses Kind wird ein Zeichen Gottes sein, dem viele sich widersetzen.

Das heißt dann wohl: Nein, wir bekommen an Weihnachten NICHT „ein Kindelein so zart und fein“, NICHT den „holden Knaben im lockigen Haar“, KEIN „Kindlein zart und rein, o liebstes Jesulein“. Nein, wir bekommen in diesem Jesus von Gott ein Zeichen gesetzt, das nicht nur Zustimmung, sondern auch viel Ärger hervorrufen wird. Wir werden für ihn nicht nur romantische Weihnachtsgefühle und ein Hosianna haben, sondern ebenso Zweifel und Widerstand, Gleichgültigkeit und Enttäuschung. Selbst Maria wird mit ihrem Stich im Herzen wie von einem Schwert ihr Lied davon singen können. Manchmal war dieser Jesus selbst ihr fremd, manchmal hätte auch sie es sich ganz anders gewünscht.

Hätte dieser Jesus die Welt nicht nachhaltiger und gründlicher umkrempeln können? Eine starke und ordnende Hand wäre nötiger gewesen als dieses schwer verdauliche Ende am Kreuz. Der Weihnachtszauber, den wir einmal im Jahr über unser Leben ausgießen, verliert sich gar so schnell, und untendrunter schaut wieder die kalte und unbarmherzige Wirklichkeit hervor. Es wird schon wieder geschossen und gefoltert, vergewaltigt und vertrieben. Und dieser Jesus gibt nicht den starken Helden, den Alleskönner und Rächer der Entrechteten, sondern den Leidenden und Sehnsüchtigen, den Träumer und Hoffenden.

Jesu Traum ist es, dass Weihnachten weitergeht, dass da eine Kraft bleibt unter all dem Leiden und der Kälte dieser Welt, obwohl die Lichter am Baum irgendwann wieder verloschen sein werden, die letzten Kekse aufgegessen sein werden. Jesu Traum ist es, dass sich Gottes Kraft gerade in den Schwachen vollendet, dass Menschen sich selbst dort von Gottes Liebe umfangen wissen dürfen, wo die Welt gar nicht liebevoll und kuschelig sein will. Jesus will uns zum Zeichen dafür werden, dass Gott dort in der Welt zu finden ist, wo sie am dunkelsten ist, dort, wo Gott mit uns leidet, mit uns trauert, mit uns verzweifelt. Es ist nicht Gottes Allmacht, die Er unserer Welt entgegensetzt, sondern Seine unbegrenzte und bedingungslose Liebe, die uns in aller Verzweiflung nicht untergehen lässt. Gott verändert nicht die Welt, Gott fügt sich selbst dieser Welt mit Seiner Kraft und Liebe immer wieder neu hinzu. Wer diese Nähe Gottes mitten in der Finsternis erleben darf, wird Trost erfahren, wer aber Gott sein Leiden und seine Nähe in allem Zweifeln abspricht, der wird Ihm nie begegnen, der wird sich an Ihm ärgern.

Dieses Kind ist dazu bestimmt, in Israel viele zu Fall zu bringen und viele aufzurichten. Dieses Kind wird ein Zeichen Gottes sein, dem viele sich widersetzen.

Amen

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