Totensonntag

Predigttext Totensonntag oder Ewigkeitssonntag, 23.11.2014

Es bleibt also dabei: Die endgültige Sabbatruhe steht für das Volk Gottes noch aus. Denn wer in den Ort der Ruhe Gottes eingezogen ist, der ruht sich aus von seinen Werken, so wie Gott selbst es von seinen eigenen Werken getan hat. Wir wollen uns also anstrengen, in jenen Ort der Ruhe einzuziehen. Denn niemand soll zu Fall kommen, weil er ungehorsam war!

Hebräer 4, 9–11

Liebe Schwestern und Brüder,

viele von Ihnen haben im zuendegehenden Kirchenjahr Angehörige verloren. Sie haben Menschen, mit denen Sie eng zusammengelebt haben, zu Grabe tragen müssen. Seit dem ist es still geworden in Ihrem Leben. Sehnsucht ist an die Stelle des Menschen in Ihren Armen getreten. Schmerz an die Stelle der einst so selbstverständlichen Nähe:

  • Da war die plötzliche Leere, die Sie vielleicht wie in Trance durchschritten haben. In der Sie funktionsiert haben, weil all die Dinge halt getan werden mussten. Doch Sie selbst waren mitten in der plötzlichen Leere sich selbst fremd, standen neben sich wie betäubt. Selbst für Tränen war keine Kraft.
  • Da brachen plötzlich Schmerz und Verzweiflung ihren Weg, überrollten Sie schutzlos, überschwemmten Sie ohne Vorwarnung. Wohin mit all den plötzlichen Gefühlen, wohin mit all den Fragen nach dem Warum und Was man anders hätte machen können? Warum jetzt? Warum Du? Und wie soll es bloß weitergehen? Und unsere Seele begreift scheibchenweise, dass eine Welt untergegangen ist.
  • Da waren Stunden der Verzweiflung und der Auflehnung gegen den Abschied, da waren vielleicht Stimmen des Zorns: Wie konntest Du mich gerade jetzt verlassen, warum musstest Du so gehen? Und hätte man das alles nicht verhindern können? Wir hätten so manches gerne im Nachhinein anders gemacht, wenn man die Zeit noch einmal zurückdrehen könnte.
  • Sie haben sich selbst vielleicht dabei zugesehen, wie Sie durch die verwaisten Zimmer streifen, immer noch auf der Suche nach Spuren und Erinnerungen. Ihre Träume bringen noch einmal zurück, was im Licht des Tages längst vergangen ist. Die stillen oder manchmal sehr beredten Zeiten am Grab, der Blick in den gemeinsamen Kleiderschrank, das Fotoalbum, das Wühlen in den Liebesbriefen: alles hilflos und schmerzhaft, und dennoch notwendig. Es bindet uns und zerrinnt uns gleichzeitig zwischen den Fingern.
  • Kennen Sie das auch, das tastende Weitergehen alleine, der bange Neuaufbruch auf Wege ohne den geliebten Menschen, das schlechte Gewissen, das bittere Gefühl, die Einsamkeit und der Trauerrand der Welt, wenn für uns das Leben weitergeht? Darf das Leben eigentlich so einfach weitergehen? Dürfen wir wieder neu aufbrechen?

Ein unendliches Wechselbad der Gefühle, ein Auf und Ab, Nähe und Ferne gleichzeitig, hilflos dem ausgesetzt, was da über uns hereingebrochen ist. Und dann zu allem Überfluss auch noch die Zumutung, mitten in diesem ChaosWorte finden zu sollen für die Traueranzeige, für den Grabstein,Worte, die beschreiben sollen, was niemand umfassend beschreiben kann.

Für meinen eigenen Vater war es immer klar, dass diese Worte Stunde der Wahrheit waren. Hier zeige sich, behauptete er, der große Dogmatiker seiner eigenen Kirchengemeinde, ob Glaube trage und Hoffnungen nährten. Ein bestimmtes Wort wollte er nie auf Traueranzeigen seiner Gemeinde lesen, das hat er uns schon im Konfirmandenunterricht eingebläut: „Müh und Arbeit war sein Leben, Ruhe hat ihm Gott gegeben.“ Nach dem Unterricht, abends am Abendbrottisch habe ich ihn dann gefragt, was an dem Wort denn eigentlich verkehrt sei, warum das denn verboten gehöre. Kitschig nannte er dann den Spruch, abgegriffen und verlogen, weil Mühe und Arbeit nichts besonderes seien und schon gar nicht vor Gott zählten. Und dann schenke Gott nicht Ruhe sondern Auferstehung. Das sei der klassische Nachruf für ein Pferd, schade wenn bei einem Menschen nicht mehr gewesen sei. Sprach der Pfarrer-Vater, und die Sache war erledigt. Vielleicht ahnen Sie schon, warum mir mal wieder mein alter Herr eingefallen ist. Meine seelsorgliche Erfahrung und das Studium des Predigttextes strafen nämlich das väterliche Diktum Lügen: Ja, es gibt Menschen, die zeit ihres Lebens darum ringen, das Leben zu bestehen, es mit Anstand und Würde zu tragen, dafür hart arbeiten, und dennoch nie sicher sind, ob das am Ende reichen wird. Die bange Frage in der Todesstunde lautet: Hat es gereicht? Habe ich es gut gemacht? Kann ich vor dem Tod, vor Gott, vor dem Leben, vor meinen eigenen Ansprüchen bestehen? Ja, es gibt Menschen, die leben wie ein Pferd, und uns sollte eigentlich der Spott darüber im Halse stecken bleiben! Und außerdem ist die biblische Tradition reicher an Bildern für das, was uns nach dem Tod erwartet, als die väterliche Theologie zuließ: Sterben ist wie sich zur Ruhe legen, zur Sabbatruhe hinlegen! Und Sterben ist wie das Eingehen zu dem Ort, da Gott selbst ausruht. Das klingt doch sehr danach: Ruhe wird uns Gott, der Herr, geben!

Dieses Bild aus unserem Predigttext ist übrigens tief in der biblischen Tradition verwurzelt. Als das Volk Israel auf der Flucht aus Ägypten war, unterwegs durch die Wüste Sinai, unterwegs zum gelobten Land, da lauerten zahlreiche Feinde und Gefahren, aber auch unzählige Glaubenszweifel und Ängste, Verzagtheiten und Auflehnung am Wegesrand. Diese Wanderschaft war gefährlich und mühsam, arbeitsreich und ständig bedroht. Das einzige, was ihnen den Weg in die Zukunft wies, war die Hoffnung, dass Gott ihnen am Ende der Reise ein Land versprochen hatte, da Milch und Honig fließen sollten, da sie Ruhe und Frieden finden sollten. Ein Land, da sie sein durften, ohne kämpfen zu müssen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Ein Land, wo das Leben wie ein Pferd, wie ein Ackergaul, sich zum Besseren wenden würde.

Was für ein schönes Bild für das Land, das auch wir in der Stundes unseres Todes betreten werden: Alle Schinderei hat ein Ende. Die Frage, ob es denn reiche, ob wir genug getan haben, muss verstummen. Dieses Ziel kann uns niemand nehmen, kein Angreuifer mehr streitig machen. So betrachtet ist das Leben am Ziel unserer Wanderschaft sozusagen die Erfüllung und Krone des Lebens, ein Ankommen und gerade kein Abschied, kein Verlust. Der Ort der Ruhe ist ein Ort der Sicherheit und des Aufgehoben Seins! Nicht ein Ort der Auflösung und des Hergeben Müssens.

Dieses Bild aus unserem Predigttext ist tief in der biblischen Tradition verwurzelt. Die Ruhe, die dort jenseits unserer Wanderschaft auf uns wartet, ist die Sabbatruhe. Auch das kennen wir aus dem eigenen Leben: Der siebte tag kommt ganz gewiss, egal wieviel wir vorher sechs Tage lang geschuftet haben. Der Sabbat spricht über das Werk der vorausgehenden Tage sein „Genug! Halt inne!“ Es wird Sabbat nicht, weil WIR ihn uns verdient haben, sondern weil Gott den Tag zum Ruhetag geschaffen hat. Es ist Gottes „Genug!“, das unsere Arbeit begrenzt und zugleich adelt. Du wirst in der Sabbatruhe deinen Frieden finden, Schutz vor allen Abgriffen des Lebens, Verteidigung auch gegen alle Selbstzweifel, denn Gott selbst spricht am Sabbat über diese Welt: Es ist genug, es ist sogar sehr gut. Du hast Dein Zeil erreicht!

Dieses Bild aus unserem Predigttext ist tief in der biblischen Tradition verwurzelt. Im Mittelpunkt des Landes, da Milch und Honig fleißen sollen, steht die Wohnung Gottes, sein heiliger Tempel. Und die Wohnung Gottes unter den Menschen ist zugleich der Ort, da Gott sich zur Ruhe legt, da Gottes Augen mit Wohlgefallen über Seine Schöpfung schweift mit den Worten: „Siehe, es ist sehr gut!“

Gott richtet Seine Wohnung mitten unter uns ein, und wir dürfen sozusagen in seinem Schoß zusammen mit ihm ruhen, unseren Frieden und unser Ziel in Seiner Hand finden. Auch dann, wenn wir im Leben gearbeitet haben wie ein Ackerpferd, immer in der bangen Frage, ob das alles denn überhaupt genug sei und recht war.

All das nimmt weder den Schmerz noch die Einsamkeit von uns. Wege zurück in unser eigenes Leben bleiben mühsam udn von bangen Fragen begleitet. Doch unser Predigttext lädt uns ein, im Tod nicht mehr nur den Verlust und Abschied zu sehen, sondern ein an unser Ziel Kommen, an ein „Es ist genug, es genügt und ist sogar sehr gut. Komm und ruhe bei mir aus, du bist an Dein Zeil gekommen!“ Vielleicht können wir unseren Angehörigen bei aller Trauer und allem Schmerz dieses Ankommen, diese Sabbatruhe gönnen? So könnte aus dem Abschied ein Anvertrauen werden, aus der Auflösung eine Vollendung werden.

Amen


Evangelische Gnadenkirche Rheinbach, Pfarrer Dr. Diethard Römheld, 23.11.2014

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