1. Advent

Predigttext 1. Advent, 30.11.2014

Siehe, es kommen Tage, spricht der HERR, da lasse ich für David einen gerechten Nachkommen auftreten. Der wird als König herrschen. Er wird weise regieren und Recht und Gerechtigkeit üben im Land. In seinen Tagen wird Juda gerettet werden, und Israel wird in Sicherheit wohnen. Und dies ist sein Name, mit dem man ihn rufen wird: „Der HERR ist unsere Gerechtigkeit!“ Darum siehe, es kommen Tage, spricht der HERR, da wird man nicht mehr sagen: „So wahr der HERR lebt, der die Israeliten heraufgeführt hat aus dem Land Ägypten! “, sondern: „So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Land des Nordens und aus allen Ländern, wohin er sie zerstreut hat! Dann werden sie auf ihrem eigenen Boden wohnen!

Jeremia 23,5–8

Liebe Schwestern und Brüder,

Jeremia träumt hier von besseren Zeiten. Sein Volk war Opfer feindlicher Mächte und eigener Verblendung geworden, die Menschen verschleppt und vertrieben worden, die Heimat zerstört. Das mit Israel und Juda, den beiden antiken Bruderstaaten, das konnte man knicken, die hatten keine Zukunft mehr, nur noch eine schmerzliche Vergangenheit! Es gab nur wenige, die den Kopf nicht hängen ließen, die sich nicht geschlagen gaben. Es gab nur wenige, die gegen jeden Augenschein und gegen jede Wahrscheinlichkeit mitten im Elend Träume wagten, Träume von besseren Zeiten.

Manchmal werden Träume wahr, auch in der großen Weltgeschichte. Aber oft nicht ganz so, wie wir es uns erträumt haben! Die hier ersehnte Rückkehr ins sogenannte Heilige Land hat es gleich zweimal in der Geschichte gegeben: Nach dem babylonischen Exil in antiken Zeiten – und nach dem Holocaust der Nazis. Schon in der Antike waren Frieden und Sicherheit, Gerechtigkeit und Weisheit mehr Wunsch als Realität. Und nach Holocaust und Weltkrieg haben sich Frieden und Sicherheit, Gerechtigkeit und Weisheit erst recht nicht einstellen wollen. An den schlimmsten Tagen des letzten Gazakrieges sind rund 50 Raketen pro Tag in Israel eingeschlagen, jüngst starben Menschen ausgerechnet beim Gebet in einer Jerusalemer Synagoge. Sicherheit klingt anders! Von Frieden wollen wir erst gar nicht reden, der scheint weiter entfernt als je zuvor. Der Siedlungsbau in den sogenannten besetzten Gebieten verstößt gegen internationales Recht und teilweise selbst gegen israelisches Recht. Und die mehr als massive Vergeltung jedes einzelnen Angriffs ist wahrhaft nicht der Weisheit letzter Schluss! Dass „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ einmal ein Gebot der Mäßigung gewesen ist, ein biblisches Gebot zur Verhinderung jeder Eskalation, scheint lange vergessen. Viel ist von jenem Traum des Jeremia jedenfalls nicht übrig geblieben. Die Verheißungen des AT sind immer noch offen, und nur wenigen gelingt es noch, sich an einer derart irrealen Hoffnung zu wärmen.

Und Sie fragen sich vielleicht schon länger, was wir heute bloß mit jenem antiken wie zeitgenössischen Trümmerhaufen zu tun haben. Heute ist erster Advent. Da ist Lebkuchen und Pfeffernuss, Tannengrün und Kerzenschein, Macht hoch die Tür und die Schwangerschaft einer gewissen Jungfrau Maria angesagt. Da sollte man besser aufpassen, dass uns die zerbrechenden Hoffnungen des Jeremia nicht den Spass verderben! Advent ist doch die Zeit der Vorfreude, die Zeit froher Erwartung dessen, was am 24. Dezember ganz sicher kommen wird, so sicher wie das Amen in der Kirche: Der Weihnachtsbaum und die Geschenke!

Es ist eine unausrottbare Missdeutung alttestamentlicher Texte, in solchen Verheißungen geheime Hinweise und Weissagungen der Ankunft Jesu Christi in dieser Welt finden zu wollen. Jesus Christus ist zwar von den Menschen auf einen Esel gesetzt worden beim Einzug in Jerusalem, König ist er dort jedoch bekanntlich nicht geworden, ganz im Gegenteil. Recht und Gerechtigkeit haben ihm schon am Herzen gelegen, und für seine Weisheit wurde er bewundert. Durchgesetzt jedoch hat er sich damit nicht. Er hat kein Paradies auf Erden, sondern ein Kreuz hinterlassen. Nein, der Traum des Jeremia ist auch mit Jesus Christus nicht in Erfüllung gegangen.

Und trotzdem oder gerade deswegen verbindet uns etwas mit jenem Jeremia: Der Traum des Jeremia war ein Protest, ein großes Widerwort gegen die Realitäten seiner Zeit. Jeremia hält mit seiner Sehnsucht nach besseren Zeiten ein Bewusstsein davon wach, dass sich die Welt ändern muss, dass sie nicht so bleiben darf, wie sie ist. Der Traum des Jeremia hat seinem Volk geholfen, sich nicht aufzugeben, sich nicht an die Zwänge ihrer Zeit zu verlieren. Jeremia hält mit seinem Traum ganz konkret die Erkenntnis wach, dass unsere Welt nichts dringender braucht als Frieden und Sicherheit, Recht und Gerechtigkeit. Wenn wir nicht bald weise werden und Einsicht uns regiert, dann wird auch unsere Gegenwart finster und beklemmend.

Und trotzdem oder gerade deswegen verbindet uns etwas mit jenem Jeremia: Wie kann man in den Nachrichten von Enthauptungen und sexueller Versklavung hören, von Fassbomben und sinkenden Flüchtlingsschiffen, und anschließend sich den Adventskranz anzünden und „O du fröhliche“ singen? Man kann es nur, wenn unsere Kerzen und unser Tannenduft, wenn Lebkuchen und Pfeffernuss dazu da sind, in uns eine Ahnung wachzuhalten, eine Ahnung, dass unsere Welt so, wie sie ist, nicht bleiben darf, nicht bleiben kann. Im Advent reihen wir uns ein in jene Kette der Träumenden, die von mir aus mit Jeremia beginnt, und die auch von Jesus Christus weitergeträumt wurde, damals, als er selig nannte, wer friedfertig war, Leid trug, nach Gerechtigkeit hungerte oder gar barmherzig war. Advent ist unser Traum, dass diese Welt, dass unser Leben sich ändern KÖNNTE, dass es MEHR geben muss als das Leid und die Finsternis und der Hass. Wenn das alles nur ein Betäubungsmittel wäre, um uns einmal im Jahr von der hässlichen Seite des Menschen ablenken zu lassen, wären Advent und Weihnachten ein unerträglicher Kitsch. Wenn uns aber aus dem Traum des Jeremia und aus den Träumen Jesu Christi Mut und Kraft erwachsen, dieser Welt im Namen Gottes entgegenzutreten und ihr zu verkünden, dass sie anders gedacht war und anders werden muss, dann wird aus Kitsch hoch brisante Politik. Dann wandelt sich das angebliche Opium für das Volk zur Triebkraft des Widerstandes. Dann fängt Glaube an, die Welt zu bewegen. Dann will Gott der Herr auch in unserer Hoffnung, in unserem Widerspruch und Widerstand lebendig werden, so wahr der Herr lebt, der uns bewegt und antreibt, der uns machtvoll träumen lässt! Denn nicht der Wille des Menschen zur Macht, sondern Gott selbst ist unsere Gerechtigkeit, wie Jeremia sagt.

Ich glaube, es ist an der Zeit, auch zuhause eine Kerze auf dem Adventskranz anzuzünden!

Amen


Evangelische Gnadenkirche Rheinbach, Pfarrer Dr. Diethard Römheld, 30.11.2014

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