Evangelium nach Lukas

Predigt: 2. Buch Samuel 12

11. Sonntag nach Trinitatis, 31.08.2014

Predigt zu 2. Buch Samuel 12,1–15a von Pfarrer Dr. Diethard Römheld

Und der HERR sandte den Propheten Natan zu König David. Und der kam zu ihm und sprach zu ihm: „Es waren zwei Männer in einer Stadt, eine war reich, und der andere war arm. Der Reiche besaß Schafe und Rinder in großer Zahl, der Arme aber besaß nichts außer einem einzigen kleinen Lamm, das er gekauft hatte, und er zog es auf, und zusammen mit seinen Kindern wurde es bei ihm groß. Es aß von seinem Bissen, trank aus seinem Becher und schlief an seiner Brust, und es war für ihn wie eine Tochter. Da kam ein Besucher zu dem reichen Mann, doch diesem war es zu schade, eines von seinen eigenen Schafen oder Rindern zu schlachten, um es für den Reisenden zuzubereiten, der zu ihm gekommen war. Und so nahm er das Lamm des armen Mannes und bereitete es für den Mann zu, der zu ihm gekommen war.“

Da entbrannte der Zorn des Königs Davids heftig über den Mann, und er sprach zu dem Propheten Natan: „So wahr der HERR lebt: Der Mann, der das getan hat, ist des Todes! Und das Lamm soll er vierfach ersetzen, weil er das getan hat und weil er kein Mitleid hatte.“

Natan aber sprach zu David: „Du bist der Mann! So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König über Israel gesalbt und habe dich aus der Hand deines Vorgängers Sauls gerettet. Und ich habe dir den Palast Haus deines Vorgängers gegeben, und die Frauen deines Vorgängers Herrn habe ich an deine Brust gelegt, und ich habe dir die Völker Israel und Juda gegeben, und wenn das zu wenig ist, will ich dir darüber hinaus noch manches geben. Warum hast du das Gebot des HERRN verachtet und getan, was Ihm missfällt? Batseba, die Ehefrau deines Offiziers Urija, hast du geschwängert, ihren Mann Urija hast du dann mit dem Schwert erschlagen lassen, um Batseba dir selbst zur Frau nehmen zu können. So soll nun das Schwert nie von deinem Haus weichen, weil du mich verachtet und Batseba genommen hast, damit sie deine Frau werde.
Siehe, einer deiner eigenen Söhne wird sich gegen dich wenden, und deine Frauen werde ich dir vor deinen Augen wegnehmen und sie deinem Widersacher geben, und er wird ganz offen mit deinen Frauen schlafen. Du hast es heimlich getan, ich aber werde dies vor ganz Israel geschehen lassen.“

Da sprach David zum Propheten Natan: „Ich habe gegen den HERRN gesündigt.“ Und Natan sprach zu David: „So sieht der HERR über deine Sünde hinweg: Du musst nicht sterben! Aber weil du mit dieser Tat den HERRN so verachtet hast, muss nun der Sohn, den du im Ehebruch gezeugt hast, sterben!“

Liebe Schwestern und Brüder,

darf ich vorstellen: Das hier ist König David, der von Gott erwählte Herrscher und Gesalbte Gottes, der, dessen Dynastie ewig dauern sollte, Ahnvater Jesu, Hoffnungsträger des Gottesvolkes, Psalmendichter, Lichtgestalt. David, ein Vorbild des Glaubens und der weisen Regentschaft. Selbst in seinem Bereuen, in seinem Schuldbekenntnis noch wird David als Vorbild gelobt!

Doch nicht jede und jeder kann in David so ein Vorbild entdecken: Die Sache mit der Batseba z.B. ist eine typische Männergeschichte, so bringen nur wir Männer
das zu Papier: Klar, ein König braucht einen Harem, mit EINER Frau alleine kommt David nicht aus. Wer zweimal mit der selben pennt, gehörte damals NICHT zum Establishment, sondern konnte sich nicht mehr leisten. Schon damals lebten die Mächtigen die Träume ihrer männlichen Untertanen. Und weil die Mädels im Harem von erlesener Schönheit gewesen sein sollen, übernimmt auch König David gerne die Gespielinnen des besiegten und vertriebenen Vorgängers.

ICH hab jetzt deine Frauen, heißt dann nebenbei auch: Jetzt bin ich an der Macht. Es geht um Lust und Macht, aber nicht um Liebe. Doch wir Männer spüren: David war ein ganzer Kerl.

Eines Abends genießt der schlaflose König David mal wieder die exklusive Aussicht vom Dach seines Palastes hoch über den Wohnvierteln. Kaum ein Innenhof
seiner Residenzstadt, in den er nicht hineinschauen kann. Kaum ein Innenhof, in dem sich nicht irgendeine einsame Frau entkleidet und wäscht, während die Männer und Väter für den König im Krieg sind. König David genießt die Aussicht auf die Heimatfront, und eine Frau gefällt ihm besonders. Die lässt er heimlich in den Palast bringen, um sie zu vernaschen. Ob sie einwilligt oder gar Lust auf David hat, spielt keine Rolle. David nimmt sich, was er will. Und wir Männer glauben: David war ein ganzer Kerl.

Könige sind auch nur Männer, ans Verhüten denken wir selten. So was braucht ein König nicht, außer vielleicht, es handelt sich um die Frau eines Eliteoffiziers, der gerade seinen Kopf für den König hinhält. Aber Mann weiß sich ja zu helfen: der Offizier bekommt ein paar Tage Heimaturlaub, die er bitte im Bett seiner
Frau verbringen möge. Nach so viel Tagen im Feld wird die Lust schon von alleine kommen, das KInd könnte also auch sein eigenes sein. Doch Uria hebt seine Manneskraft lieber für den Kampf auf, Batseba bleibt allein im Bett. Dumm gelaufen, denn Urija ist auf seine Weise auch ein ganzer Kerl. Eine Geschichte von Lust und Macht und jetzt auch List. Nur von Liebe ist immer noch nicht die Rede.

„Stellt den Urija in die vorderste Front, wagt einen Ausfall und lasst ihn dort dann im Stich!“ Diese Anweisung Davids bringt Urija den sicheren Tod, ein Gehörnter weniger im Königreich! Wie edel von David, jenem Mann, der sein Leben für David, den König, riskiert, jenes Leben tatsächlich zu nehmen, für David, den Ehebrecher. Dass auch gleich ein paar Kameraden Urijas bei dem Himmelfahrtskommando umkommen, nennt man Kollateralschaden. Die Familien trauern, während David die schöne Batseba erneut in sein Bett zieht. Von Liebe ist immer noch nicht die Rede, Hauptsache, die Frau hört auf zu flennen.

Machen wir Kerle das so?

Tja, offensichtlich! Denn Gott der Herr wird uns hier auch als so ein Kerl vorgestellt: Ich habe in Dich investiert, ich hab an dich geglaubt, lässt unser Autor
Gott sagen: „Du hast ALLES von mir bekommen, was das Männerherz begehrt, sogar ausreichend Frauen. Und wenn’s dir an irgendwas gefehlt hat, oder soll ich sagen: an irgendeiner, du hättest nur was sagen müssen . . . Aber Du, du hast MEINE Gebote verletzt und einen anderen Mann gehörnt und ermordet!“

Gleich zwei Geschädigte werden aufgezählt: Gott und Urija. Batseba hingegen zählt nicht. Zur Strafe will Gott dem David wohlgemerkt an keiner Stelle sein Leben, wohl aber sein Männerspielzeug nehmen: den Harem. Zur Strafe soll David selbst gehörnt herden, vielfach und öffentlich. Dass die anderen Frauen da mitspielen, steht auch für den Gott des Erzählers außer Zweifel. Was die Rolle der Frau angeht, sind die beiden Kerle sich einig.

Und so unter Männern kann David auch sofort einlenken: „Ja, ich habe Mist gebaut!“ Und Gott sagt umgehend: „Schwamm drüber! Aber damit ich selbst nicht wie ein Weichei dastehe, damit klar ist, dass ich wenigstens irgendwas unternommen habe, und um den ganzen Schlamassel jetzt aufzuräumen, muss das uneheliche Kind weg.“ Auf so eine simple Lösung können nur Kerle wie David und der Gott unseres Autors kommen . . . Was für eine Männergeschichte!

Es gibt jedoch einen Punkt, an dem diese Männergeschichte eine Wendung nimmt. Damit diese Wendung nicht gefährlich wird, wird sie von unserem Autor in eine Beispielgeschichte, in ein Gleichnis eingesperrt und sorgfältig von der wirklichen Männerwelt getrennt gehalten: Da ist jener arme Mensch, einen ganzen Kerl kann man ihn kaum nennen, der sich nur ein einziges Lamm leisten kann und dieses zusammen mit seinen Kindern aufzieht. Nachts schläft es an seiner Brust, in seinen Armen, sein Futter spart er sich vom Munde ab. Es war für ihn wie eine Tochter. Auch hier kommt unserem Autor nicht das Wort Liebe über die Lippen, aber wir spüren: da muss so etwas wie Liebe im Spiel sein. Dieses Lamm ist für den Armen kein Männerspielzeug. Die nicht vorhandene Vielzahl der Lämmer kein Beweis der eigenen Macht, es dient auch nicht zur
Versüßung schlafloser Nächte an der Heimatfront. Und wenn das Lamm traurig sein sollte, muss es nicht alsbald wieder aufhören zu flennen, damit man es ins Bett ziehen kann.

Was ich hier heute morgen predigen soll, bleibt eine unverbesserliche Männergeschichte. Sie handelt MIT Frauen, und doch kommen Frauen selbst in der Rolle des Tieres nicht wirklich vor. Hier agieren, reden, kämpfen nur Männer. Doch irgendetwas Klitzekleines im Untergrund stört die Welt der Männer: Es stört, dass ein Mensch ein einzelnes Lamm lieben kann, dass es ihm mehr wert sein kann als alles andere um ihn herum, ja, dass es sogar unvorstellbar scheint, dass er es jemals hergibt und opfert. Es stört, dass Beziehung etwas anderes sein könnte als Lust und Macht und List und „Wie du mir, so ich dir“. Es stört, dass wir uns auch nur für einen Augenblick vorstellen sollen, dass unsere Welt NICHT in Ordnung ist so, wie wir Männer sie uns gerne ordnen. UND auch nicht in Ordnung ist so, wie Ihr Frauen uns Männer die Welt ordnen lasst. Ihr müsst nur mal den Fernseher einschalten, um zu wissen, was ich meine. Es stört ganz gewaltig, dass wir angesichts der hier vorgeführten Kerle im Himmel wie auf Erden ahnen, dass Gott NICHT so ist, nicht so sein DARF, wie wir Ihn uns vorstellen. Dieser Gott, der sich hier wirklich bemerkbar macht, ist nur zwischen
den Zeilen, in den kleinen Widerhaken und Widersprüchen, bei den Opfern und im Leiden zu finden. Wer aus Gott einen Kerl macht, hat gar nichts von Gott verstanden. Wer aber Gott erlaubt, uns als Armer, Verletzter, Beraubter, als Opfer entgegenzutreten, der stößt auf Gottes Spuren. Und das könnte, wenn wir denn bereit wären zu hören, eine Spur der Hoffnung werden. Schließlich hat David als Reaktion auf das Gleichnis ein einziges Mal das Wort „Mitleid“ in den Mund genommen . . .

Amen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.