Altar der Gnadenkirche

Das Lied der Überwinder

Kantate, Sonntag 18. Mai 2014

Predigt zur Offenbarung 15, 2-4 von Pfarrer Dr. Diethard Römheld

Ich sah etwas,
das aussah wie ein gläsernes Meer,
in das Feuer gemischt war.
Und ich sah alle,
die den Sieg errungen haben.
Sie haben sich befreit
von der Macht des Tieres und seines Standbilds
und ebenso von der Macht der Zahl,
die sein Name ergibt.
Sie standen an dem gläsernen Meer
und hatten die Harfen Gottes in der Hand.
Sie singen das Lied des Mose,
der ein Diener Gottes war,
und das Lied des Lammes.
Sie singen:
„Groß und wunderbar sind deine Werke,
Herr, Gott, Herrscher über die ganze Welt.
Voller Gerechtigkeit und Wahrheit sind deine Wege,
du König über die Nationen.
Wer wird vor dir, Herr, keine Ehrfurcht haben
und deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig!
Alle Nationen werden kommen
und sich vor dir nieder werfen.
Denn deine gerechten Taten sind nun für alle offenbar.“


Offenbarung 15
, 2-4

Liebe Schwestern und Brüder,

irgend ein deutscher Schriftsteller, ich habe vergessen, wer, hat vor Jahren einmal kritisch über meinen Berufsstand gesagt: Pfarrer sind Menschen, die immer noch daran glauben, man könne die Welt mit Worten verändern. Und zwischen den Zeilen klang mit: Aber das könnt Ihr Pfaffen getrost vergessen, das funktioniert nicht. Doch wenn das tatsächlich so wäre, dass das nicht funktioniert, warum bekämpfen die Diktatoren der Welt dann so fleißig das Wort, wozu braucht es dann die Zensur? Warum ist dann die freie Rede oder Schreibe so tödlich?

Unser Bibeltext ist ein typisches Beispiel für den Versuch, die Welt mit Worten zu verändern unter den Bedingungen der Zensur und der Verfolgung: Ende des 1. Jh. n. Chr. werden Christen wegen ihres Glaubens verhaftet und ermordet, da sie sich dem römischen Kaiserkult verweigern: Es kann nur einen Gott im Himmel geben, und dem ist selbst der römische Kaiser untertan, vor dem muss sich selbst der Herrscher fast der ganzen damals bekannten Welt verantworten. Um nicht seinerseits einen Kopf kürzer gemacht zu werden, kann der Verfasser nur in Andeutungen, in einer Art Geheimsprache schreiben: Das Tier steht für den römischen Kaiser, das Standbild für die Kaiserstatue, der zu huldigen war, hinter der Zahl versteckt sich ein konkreter Herrschername. Und der Blick in die Zukunft, die Reise in den Thronsaal Gottes im Himmel, für Eingeweihte erkennbar am gläsernen Meer als Fußboden, transportiert gefährliche und geradezu revolutionäre Fantasien von einer besseren Welt: Das Tier wird besiegt werden, die Menschen werden das Regime entmachten, werden jemand anderem als dem Kaiser Lieder singen! Es gibt einen Grund, warum die Offenbarung des Johannes für Nicht-Eingeweihte ein Buch mit 7 Siegeln ist! Wir haben es mit politischer Untergrundliteratur zu tun!

Heute ist der Sonntag Kantate Domino, zu Deutsch: „Singet dem Herrn!“ Da fragt sich natürlich, WAS WIR heute Gott eigentlich singen sollen, singen wollen? Was die Christen damals Gott sangen, war purer Zündstoff: Das Lied des Mose finden wir im Alten Testament. Es feiert den Auszug aus Ägypten, die Flucht der Israeliten aus dem Sklavendienst des Pharaos – und, horribile dictu, den Untergang einer ganzen hochgerüsteten Armee, den Stolz einer Weltmacht, im Sumpf eines popeligen Schilfmeeres. Hier schmiert jemand im übertragenen Sinne dem Kaiser von Rom an dessen Palastmauern, dass einst schon mal jemand sich für den Herrn der Welt hielt, dann aber in seine Grenzen gewiesen wurde. UND sie singen das Lied des Lammes, das Lied vom gekreuzigten Christus, dem symbolischen „Lamm Gottes“. Doch dieses Lied ist alles andere als ein Klage- und Totengesang, kein Abschiedslied, keine Wehklage. Dieses Lied erhebt das Lamm auf den Thron Gottes, erkennt im Gekreuzigten den einzig wahren Herrn der ganzen Welt:

„Groß und wunderbar sind deine Werke,
Herr, Gott, Herrscher über die ganze Welt.
Voller Gerechtigkeit und Wahrheit sind deine Wege,
du König über die Nationen.
Wer wird vor dir, Herr, keine Ehrfurcht haben
und deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig!
Alle Nationen werden kommen
und sich vor dir niederwerfen.
Denn deine gerechten Taten sind nun für alle offenbar.“

Hörst Du, Kaiserchen von Rom? Du bekommst Konkurrenz, da ist jemand größer als Du, da ist jemand, des es besser und gerechter macht als Du. Du musst deine Untertanen zwingen, sich vor Deinem Standbild niederzuwerfen, Du weckst in den Menschen Furcht statt Ehrfurcht, Angst statt Jubel, Du schaffst Unrecht statt Recht! Wir müssen deinen Namen hinter Zahlenrätseln verstecken, bald aber kommt jemand, dessen heiligen Namen die Menschen frei loben werden! Kaiserchen von Rom, deine Tage sind gezählt!

Heute ist der Sonntag Kantate Domino, zu Deutsch: „Singet dem Herrn!“ Es tut mit leid, wenn Sie ausgerechnet heute das Gefühl haben, im falschen Film zu sitzen. Da sind Sie in die Kirche gekommen, weil Kantate ist, weil heute die Kirchenmusik im Mittelpunkt steht, weil es heute mal um die unpolitischen und die schönen Dinge, um die Kunst und das Erbauliche geht, und nun erfahren sie, dass Kantate der Sonntag des musikalischen Widerstandes, das Fest des geistlichen Protestsongs ist. Kantate ist der Tag, an dem die Kirchenmusik ihre Unschuld verliert und ihre Zähne zeigt. Kantate ist der Tag, an dem die Kirchenmusik nicht schön klingen will, sondern anklagt und angreift, widerspricht und widersteht. Hütet Euch, Ihr Kaiserlein dieser Welt, denn heute singen wir das Lied von der Freiheit der Sklaven und das Lied von der Herrschaft und Gerechtigkeit unseres Gottes!

Heute ist der Sonntag Kantate Domino, zu Deutsch: „Singet dem Herrn!“ Welchem Herrn der Welt wollen wir eigentlich heute singen, an wessen Palastwände unseren Widerspruch schreiben? Wem gilt es heute zu widersprechen, wem heute die Macht zu bestreiten? Der Kaiser dieser Welt hat heute viele Gesichter, richtet zahllose Statuen auf, bedarf mehr als nur einer einzigen Zahl. Das Geschäft des Singens um der Wahrheit und des Rechtes Willen ist heute vielleicht ein wenig ungefährlicher als damals, aber manchmal denke ich, zugleich schwieriger geworden. Schwieriger geworden, weil auch ich selbst jeden Morgen das Kaiserlein dieser Welt rasiere, weil das Kaiserlein dieser Welt auch meinen eigenen Namen trägt: Natürlich regiert die Gier der Spekulanten und die Allmacht der Börse unsere Welt. Doch wie handeln wir selbst eigentlich mit dem eigenen Portemonnaie im Supermarkt? Natürlich wissen wir, zu welchen Hungerlöhnen und in welchen gefährlichen Bruchbuden unsere Textilien oder Schuhe produziert werden, natürlich wissen wir, was Massentierhaltung für Gottes Geschöpfe bedeutet, natürlich wissen wir, dass der prophylaktische Antibiotika-Einsatz in der Tierzucht auch unsere Gesundheit und unsere Umwelt massiv gefährden. Aber wenn es ums bezahlen geht, ist Geiz geil, wir sind bekanntlich doch nicht blöd . . .

Natürlich verharmlosen die Militärmächte dieser Welt die zivilen Opfer ihrer Drohnenangriffe als unvermeidliche Kollateralschäden. Sie sterben schließlich für einen guten Zweck. Natürlich treten Al-Qaida, Tabliban, Boko-Haram, Al- Shabaab und Konsorten elementare Menschenrechte mit Füßen bei dem Versuch, anderen ihre verquere Weltsicht und ihre verheerende Theologie aufzuzwingen. Natürlich sind eigene Wirtschaftsinteressen und Zugang zu fossilen Energien vorgeblich legitime Kriegsgründe, zumindest so lange es meine eigenen Interessen sind. Doch wie reden wir selbst von Menschen, die wir nicht willkommen heißen wollen? Dass in meinem Fitness-Studio demnächst in Außenbereich der Sauna Textilzwang herrscht, daran sind DIE Godesberger Taliban schuld, gemeint sind die arabischen Sportkameraden, die selbst die Duschen nur in Badehose betreten. Einer von uns riecht nach Knoblauch: das muss natürlich ein Türke sein. Die Bootsflüchtlinge aus Afrika sollen zwar nicht in europäischen Vorgarten ertrinken, wie sieht das denn aus. Aber was die auf ihrem Weg durch Nordafrika oder gar auf dem Sinai durchmachen, das juckt doch niemand. Hauptsache, die kommen nicht als integrationsunwillige Asylantenschwemme in unser eigenes Land. Man muss schon was dafür tun, dass es bei uns sauber bleibt. Gegenüber der König Faht Akademie in Godesberg hat so ein kleines urdeutsches Kaiserlein sein Wahlplakat aufgehängt: Freiheit statt Islam. Auch mitten unter uns werden Menschen geschlagen, und sei es hoffentlich nur mit Worten.

Heute ist der Sonntag Kantate Domino, zu Deutsch: „Singet dem Herrn!“ Doch bevor wir unseren Mund zum Singen aufmachen, sollten auch wir besser einmal nachdenken, WAS wir da singen, wenn wir das Lied von der Freiheit und das Lied vom Lamm Gottes anstimmen. Ist es denn wahr, dass Gott Seine Werke auch in unserem Leben aufrichten soll? Es könnte sein, dass Gottes Werk nicht nur meine privaten Träume und Sehnsüchte bedient, sondern dass auch die anderen Glaubens und anderer Hautfarbe, die Ausgebeuteten und die Hungerleider darin vorkommen. Ist es denn wahr, dass wir wirklich auf Gerechtigkeit warten und der Wahrheit ins Augen sehen wollen. Es könnte sein, dass uns Gott vor Augen führen wird, dass nicht nur wir selbst Rechte haben! Und dass unsere Sicht auf unsere Welt vielleicht sogar elementar unrecht ist! Ist es denn wahr, dass wir unser Leben und das unserer Mitmenschen Gott anvertrauen und uns um unsere Geschwister im Herrn kümmern wollen, statt immer zuerst nach der eigenen Macht, nach dem eigenen Gewinn zu fragen? Ist es denn wahr, dass Gottes Name, Gottes Gegenwart in unserem Leben eine Rolle spielt? Oder brauchen wir Gott nur noch für dunkle und einsame Stunden, für die hoffentlich seltenen Notfälle in einem ansonsten erfolgreichen Leben? Vorsicht, Singen von Freiheitsliedern und Gottesliedern gefährdet Ihre eigenen Interessen. Fragen sie Ihre Kirchenmusikerin oder ihren Pfarrer/in. Sollten Sie aber den Mut haben, Ihr Leben in Frage stellen zu lassen und bequeme Sicherheiten erschüttern zu lassen, dann singen Sie kräftig mit: So wir das Lied von der Freiheit und das Lied des Lammes Gottes, das zum Herrn der Welt wird, auch Ihr Leben anrühren, Ihnen Mut machen, für Gerechtigkeit und Liebe aufzustehen!

Amen

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