Altar der Gnadenkirche

Gott verheißt seinem Volk eine neue Gnadenzeit

Sonntag, 30. März 2014
4. Sonntag der Passionszeit: Lätare

Predigt zu Jesaja 54, 7-10 Gott verheißt seinem Volk eine neue Gnadenzeit von Pfarrerin Gudrun Schlösser

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Predigttext

7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.
8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser. 9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. 10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.

Jes 54,7-10

Liebe Eltern,
wann waren Sie das letzte Mal zornig auf Ihre Kinder und wie lange währt dieser Zorn.
Wie lange halten Sie das durch?
Ist es nicht meist nur ein Augenblick
– und siegt am Ende nicht ihre Liebe?
Ja, steht unsere Liebe nicht über allem – auch über dem Zorn. Sind nicht auch der Zorn, unser Schimpfen und Strafen Ausdruck unserer Liebe und Sorge für unsere Kinder?

Menschen, die wir lieben, unsere Kinder, unsere Partner, unsere Eltern können uns besonders zornig machen, bisweilen zur Weißglut bringen, gerade weil wir sie lieben weil sie uns nicht gleichgültig sind.
Aber wie lange dauert unser Zorn an?
Bei unseren Kindern manchmal nur bis sie uns wieder zum Lachen bringen.
Zorn verraucht.

Genauso wie es uns mit unseren Kindern geht, geht es Gott. Denn Gott ist verliebt.

Hören wir, was er durch den Propheten Jesaja sagt, noch einmal in leichter Sprache.

Kann jemand seine erste Liebe für immer verstoßen? – Nein!

Ich habe dich nur eine Augenblick verlassen.
Aber ich habe dich von Herzen lieb.
Deshalb hole ich dich nach Hause zu mir.

Ja, es stimmt.
Ich habe mich von dir kurz abgewendet,
weil ich zornig war über dich.
Aber jetzt will ich für immer gut mit dir sein.
Das sage ich, der Herr.
Ich befreie und rette dich.

Wie damals bei Noah soll es sein. Die ganze Welt stand unter Wasser, aber Noah und seine Familie habe ich gerettet.

Ich verspreche dir:
Mein Zorn und meine Wut sind vorüber, für immer.
Berge können einstürzen und Hügel umfallen.
Aber meine Liebe zu dir bleibt fest stehen.
Ich verspreche dir Frieden.
Diese Zusage gilt sicher.
Das spricht Gott, der dich herzlich liebt.

Was für eine Liebeserklärung:
Marmor, Stein und Eisen bricht,
aber unsere Liebe nicht.
Alles, alles geht entzwei,
doch ich bleib dir treu.

Gott ist verliebt – verliebt in sein Volk.
Er hatte sie sich damals ausgesucht.
Er hatte um sie geworben.
Gemeinsam waren sie einen Weg gegangen, durch Höhen und Tiefen.

Und dann hatten sie einen Bund geschlossen
– sich für immer Treue versprochen.

Wie enttäuscht was er dann gewesen, als sie sich abgewandt hatten, ihm untreu wurden, den Bund und das Versprechen mit Füßen traten.

Er war enttäuscht, wütend, zornig.
Er konnte das kaum ertragen, kaum mit ansehen.
Er wandte sich ab in seinem Zorn.

Kurz hatte er vielleicht auch mit dem Gedanken gespielt,
sie für immer zu verlassen.
Aber er konnte nicht.
Er hing an ihnen.
Seine Liebe war stärker als sein Zorn und alle Enttäuschung.

Und sie, seine Geliebten, die Israeliten.
Sie fühlten sich längst verstoßen.
Gott hatte sich für immer von ihnen getrennt.

Wir haben es vermasselt, verspielt, für immer.

Wie anders ließe sich sonst ihr hartes Schicksal erklären.
Sie mussten in der Fremde leben, in Babylon
– besiegt, verschleppt von den mächtigen Babyloniern
– die Heimat verloren;
getrennt von ihren Lieben;
der Tempel, der Ort der Gegenwart Gottes, zerstört,
in Schutt und Asche.
Sie könnten heulen.
Nichts war ihnen geblieben als ihr nacktes Leben.

Wenn Gott sie wirklich noch lieb hätte,
wie hätte er das zulassen können?
Waren sie ihm gleichgültig?
Wo war er, als die Babylonier sie überrannten?
Nein – seine Geliebten jedenfalls waren sie schon lange nicht mehr.

Kennen Sie diese Fragen?
Ich glaube jeder von uns könnte Situationen beschreiben,
in denen unsere Gedanken genau um diese Fragen kreisten.

Wo ist Gott?
Wo war er, als das Unglück, der Unfall geschah?
Warum hat er nicht eingegriffen?
Gibt es ihn überhaupt?
Kümmert ihn mein Leid?

Gott sieht sein Volk leiden – und er leidet mit.
Er hält die Trennung nicht aus.
Er startet einen neuen Versuch – wie schon so oft.
Er beendet seine Abwendung von sich aus
und wendet sich ihnen wieder zu mit den Worten seines Propheten.

Er macht keine Vorwürfe.
Er rechnet nicht ab.
Er rechtfertigt sich nicht.
Er wendet sich einfach nur zu mit diesem großen Versprechen.
Zorn verraucht – auch bei Gott.

Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen,
aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.
Einen kleinen Augenblick.
„Mama, wie lang ist denn ein Augenblick“
– fragen unsere Kinder,
wenn wir sie vertröstet haben
„nur noch einen Moment, einen Augenblick“
– und für sie scheint die Zeit,
die uns kaum reicht, um zu tun, was noch zu tun ist,
wie eine Ewigkeit.

Oder der Kranke, der zu Hause liegt.
„Da bist du ja endlich wieder!“ empfängt er den Partner, die Partnerin.
„Aber ich war doch nur einen Augenblick weg.
Nur kurz einkaufen.
Ich habe mich so beeilt.“

Oder: „Das Ergebnis der Untersuchung ist gleich da,
warten Sie noch einen Augenblick im Wartezimmer.“
Wie lang kann dieser Augenblick werden
und was kann uns in diesem kurzen Moment alles durch den Kopf gehen.

Ja, so ist das mit der Zeit.
Sie ist relativ.
Was für den einen ein Augenblick, ist für den anderen endlos lang.

Und dabei verändert manchmal ein einziger Augenblick unser ganzes Leben:

  • ein Augenblick der Unaufmerksamkeit
    im Straßenverkehr, im Umgang mit einer Maschine,
    auf der Leiter,
  • Ein Wort, eine Erklärung, ein Eingeständnis, eine Diagnose
    und von einem Augenblick auf den anderen ist nichts mehr wie es war.

Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen.
Was für unsere Zeiteinschätzung gilt,
das gilt erst recht für Gottes Zeitrechnung.
Was den Verschleppten im Exil schier endlos vorkam – immerhin 70 Jahre – da kann man schon die Hoffnung auf Heimkehr verlieren. Diese 70 Jahre nennt Gott durch den Propheten hier einen Augenblick.

Aber jetzt ist Schluss damit, sagt Gott.
Ich will mich nicht mehr abwenden.
Ich will nicht mehr von eurer Seite weichen.
Ich will mich eurer und eures Schicksals erbarmen
– und zwar nicht nur einen Augenblick, sondern ewig
– für immer.

Ich will mich euch wieder zuwenden
und mich von euch finden lassen.
Ihr sollt wieder spüren,
dass es mich in eurem Leben gibt,
dass ich euch nicht vergessen habe.
Ich will wieder neu mit euch anfangen.
Mein Treueversprechen gilt
– nach wie vor –
hat immer gegolten.

Für die Verschleppten damals bedeutete das:
Rückkehr in die Heimat
– das, wovon sie so lange geträumt,
woran sie aber kaum mehr geglaubt hatten.

Das wird kein Zuckerschlecken.
Das Land, in das sie zurückkehren,
ist zerstört vom Krieg:
Ihre Häuser, ihre Städte und v.a. ihr Tempel liegen in Schutt und Asche.

Gott verspricht nicht, dass es leicht werden wird.

Nein, es wird auch weiter Erschütterungen geben. Es mag sein, dass selbst Berge weichen und Hügel einstürzen, Erschütterungen, die wir uns gar nicht vorstellen können
– und trotzdem, Gott wird nicht mehr von ihrer Seite weichen.

Der Bund meines Friedens wird nicht hinfallen.

Israel denkt natürlich an den Bund, den Gott mit ihnen geschlossen hat, damals am Sinai.

Und ich?
Ich denke an den Bund der Taufe. Damals hat Gott mit mir einen Bund geschlossen und mir versprochen:
Ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende.

Was ist das anderes als:
Meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen.

Das ist keine Garantie, dass es in meinem Leben keine Erschütterungen mehr geben wird, dass sich mein Leben nur auf der Sonnenseite abspielen wird. Es können Berge weichen und Hügel hinfallen, es mag sein, dass in meinem Leben die Erde bebt, dass mir der Boden unter den Füßen wegbricht, dass ich vor den Trümmern meines Lebens stehe
und mich frage, ob Gott mich einen kleinen, aber entscheidenden Augenblick verlassen hat.

Ich denke an die Jünger Jesu – nach seinem Tod. Für sie war die Welt zusammengebrochen. Kein Stein stand mehr auf dem anderen. Sie hatten vielleicht noch die Worte Jesu am Kreuz im Ohr, der selbst in Zweifel war und rief: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.

Aber drei Tage später – einen Augenblick – auf dem Weg nach Emmaus durften sie erfahren:
sie sind nicht verlassen.
Der, der Gestorben ist, den hat Gott auferweckt.
Er nimmt sie an die Hand in ihrer Verzweiflung.
Er hilft ihnen, zu verstehen, was geschehen ist.
Er selbst öffnet ihnen die Augen.

Denn Gott hat gesagt: Nein, mit dem Abwenden ist jetzt Schluss. Ich will mich dir zuwenden und an deiner Seite bleiben – für immer. Selbst wenn alle deine Sicherheiten wegbrechen und du nicht mehr weißt, worauf überhaupt noch Verlass ist – gerade dann will ich mich dir zuwenden und bleibe an deiner Seite. Ich verlasse dich keinen Augenblick mehr.

Ich bin nicht sicher, ob ich dieses Vertrauen haben werde, wenn in meinem Leben wirklich die Erde bebt,
so bebt, dass mit den Bergen auch mein Glaube ins Wanken gerät und ich mich frage, ob Gott sich abgewandt hat.
Was ich mir wünsche:
Weggenossen, wie die Emmausjünger,
die mir zuhören,
die mir helfen zu verstehen,
die mir mein Vertrauen wieder geben.
Die mir die Augen öffnen,
so dass ich am Ende des Tages spüre:
Da war Gott an meiner Seite.

Er hat mich keinen Augenblick aus den Augen gelassen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. Gott, du weißt, wer ich bin:
ein Mensch voller Zweifel,
der sich nach Glauben sehnt;
ein Mensch, haltlos, verunsichert bisweilen,
der gerne seine Ruhe hätte.
Und müde bin ich manchmal,
wo ich doch gerne hellwach wäre,
Wie gerne würde ich tanzen
und kräftig geradeaus schreiten,
und hab doch kaum die Kraft für einen Tag.
Gott, du weißt, wer ich bin.
Doch wie ich bin, so liebst du mich.
Ich bitte dich, Gott, der du mich kennst:
Erbarme dich.

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